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Nigeria: Das lange Warten auf Freiheit

Ein Gefängnis im Süd-Westen Nigerias. Die schweren Tore schließen sich, die Wertsachen muss man abgeben. Nach dem Durchqueren mehrerer Büros und Gesprächen mit den zuständigen Verantwortlichen gelangt man auf eine große freie Fläche.

Freiheit bedeutet auch ein freier Blick in den Himmel.

Ein freier Blick in den Himmel – für Menschen im Gefängnis selten.

In mehreren Gebäudeblocks sind Gefangene untergebracht, dazu gibt es einen Küchentrakt, eine Krankenstation und ein Gebäude, in dem Werkbänke stehen. Auf dem Hof laufen viele Menschen umher – Wärter in Uniform und junge Männer. Auf mich wirkt es zunächst befremdlich. Ist es die fehlende Sträflingskleidung, sind es die harmlos aussehenden Gebäude? Die harten Fakten sprechen eine andere Sprache. Drei Viertel der Gefangenen hier sind Untersuchungsgefangene, die auf ihren Prozess warten. Ein Mann seit elf Jahren – ohne Prozess. Womöglich unschuldig oder mit viel kürzerer Strafe. Und hört man die Geschichten Einzelner, dann stellt sich beim vergleichsweise guten Zustand des Krankentraktes auch keine Beruhigung ein.

Im Frauentrakt sitzt eine Frau, der nicht einmal die Autoritäten persönlich etwas vorzuwerfen haben: Sie ist die Mutter eines Schuldners, der untergetaucht ist. Da er selbst nicht greifbar war, hat man sie einfach mitgenommen. Häufig passiert das ohne das Wissen der Angehörigen. Vor einem Jahr war ich bereits in einem solchen Gefängnis – im Norden des Landes. Eine Gefangene saß dort wegen Hexerei hinter Gittern. Es war eine gebeugte weißhaarige Frau. Hexerei ist dort mit einer Geldstrafe belegt.

Anders als man es erwartet, können in Nigeria auch geringe Geldstrafen zu langen Gefängnisaufenthalten führen, wenn die Verurteilten das Geld nicht aufbringen können. Zwar gibt es gesetzliche Regelungen für die Bereitstellung von Geldern für Essen, Kleidung, medizinische Versorgung der Gefangenen etc. – viel von diesem Geld bleibt aber in der korrupten Bürokratie hängen und kommt bei den Gefangenen nie an. Gefangene in Nigeria haben keine Lobby: Da ist das fehlende Auto, um die Gefangenen zu ihren Gerichtsverhandlungen zu bringen, da ist der Status der Untersuchungshaft, der viele staatlichen Leistungen nicht zulässt, da sind die verschleppten Gerichtsprozesse und manchmal ist es auch der Aberglaube, der rechtlose Menschen ins Gefängnis bringt. In einer solchen Gemengelage kann der Weg zurück in die Freiheit sehr lang werden – auch für Unschuldige.

Misereorpartner arbeiten für die Verbesserung der Lage von Gefangenen in Nigeria. Anwälte vertreten Gefangene vor Gericht. Projektpartner setzen sich für die Rechte von Gefangenen ein und kontrollieren Polizeistationen und Gefängnisse. Unzählige Untersuchungshäftlinge kamen durch dieses Engagement bereits in Freiheit.

Über den Autor: Jan Müller arbeitet im Bereich Entwicklungszusammenarbeit für MISEREOR.

Autor:

Gast-Autoren im MISEREOR-Blog.

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