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Brasilien: Prostitution ist keine Lösung

Sextourismus, Kindesmissbrauch, Menschenhandel: Prostitution ist in Brasilien ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Im Interview spricht Almute Heider, Gruppenleiterin in der Abteilung Lateinamerika bei MISEREOR, über Fußballfans, Sexarbeiterinnen und Kinder, die ihren Körper verkaufen.

Vor der Fußball-WM in Deutschland warnten Frauenrechtsorganisationen vor einem Anstieg der Zwangsprostitution. Erwarten Sie das auch für Brasilien?

Almute Heider

Almute Heider

Almute Heider: Verlässliche Prognosen gibt es keine, aber von der WM in Südafrika weiß man, dass die Prostitution während der Spiele um 40 Prozent zunahm. Auch während der COPA in Brasilien ist daher mit einem Anstieg zu rechnen.

Wie reagiert der Staat darauf?

Almute Heider: Es gibt Gesetze gegen Kindesmissbrauch und seit einiger Zeit eine Kampagne gegen sexuellen Missbrauch von Kindern: An den Flughäfen des Landes hängen Plakate, die auf das Thema aufmerksam machen – allerdings nur auf Portugiesisch. Ich gehe mal davon aus, dass nicht jeder Tourist, der auf der Suche nach schnellem Sex in Rio de Janeiro ankommt, das versteht.

Prostitution wird von manchem als einziger „Weg aus der Armut“ für Frauen mit geringer Bildung bezeichnet. Mit dem Engagement gegen Prostitution würde man den Frauen diesen Weg versperren…

Almute Heider: Man muss ihnen Alternativen bieten. Prostitution ist keine Lösung. Sie zerstört die körperliche und geistige Gesundheit der Menschen. Prostituierte sind überdurchschnittlich häufig drogenabhängig. Oft sind sie Opfer häuslicher Gewalt oder haben in ihrer Kindheit sexuelle Gewalt erlebt.

Aber nicht alle Prostituierten würden sich selbst als Opfer bezeichnen.

Almute Heider: Nein. ‚Prostitution‘ ist ein weites Feld. Es gibt Frauen, die gelegentlich ihren Körper verkaufen, und Sexarbeiterinnen, in deren Familie es schon fast Tradition ist, sich zu prostituieren. In Brasilien gehen auch viele  Frauen anschaffen, die alleine für ihre Familie sorgen müssen – in 60 Prozent der Familien, die in Armut leben, sind alleinerziehende Mütter die Familienvorstände. Darüber hinaus gibt es natürlich auch männliche Prostituierte. Aber es gibt eben auch viele Frauen, die zur Prostitution gezwungen werden – und Kinder, die ihren Körper verkaufen: zehnjährige Mädchen, die sich für einen Hotdog oder eine Strumpfhose prostituieren. Das ist ein großes Problem in Brasilien: 250.000 Kinder unter 14 Jahren gehen anschaffen, um sich oder ihre ganzen Familien über Wasser zu halten. Und die Dunkelziffer kann noch weit höher liegen.

Einige MISEREOR-Partnerorganisationen engagieren sich gegen Prostitution. Andere setzen sich für Prostituierte ein. Wie sehen die Projekte aus?

Almute Heider: Gerade weil viele Prostituierte familiäre Gewalt erfahren, bieten Partnerorganisationen Selbsthilfegruppen für Frauen an, die zu Hause Gewalt ausgesetzt oder davon bedroht sind. Ausbildungsgänge sollen den Frauen eine Alternative zum Leben als Prostituierte geben. Wir unterstützen aber auch Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen, die auf der Straße Kontakt zu Prostituierten aufnehmen. Sie beraten sie juristisch, bieten Gesundheitsvorsorge für Sexarbeiterinnen oder haben Begegnungshäuser als Zufluchtsorte eingerichtet. Partnerorganisationen von uns setzen zudem auf Aufklärungsarbeit  gegen Kindesmissbrauch, indem sie zum Beispiel Taxifahrer und Hotelbesitzer dafür sensibilisieren. Und sie betreiben Lobbyarbeit gegen Menschenhandel.

Welche Rolle spielt der Menschenhandel in Brasilien?

Almute Heider: Brasilien ist laut UNODOC, dem Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung, eines der Hauptherkunftsländer von Opfern des Menschenhandels. Viele Frauen werden in Brasilien selbst zur Prostitution gezwungen. Wo neue Bergwerke entstehen, blüht der Menschenhandel. Viele werden aber auch ins Ausland verschleppt. Allein in Europa leben laut offiziellen Statistiken 75.000 Brasilianerinnen, die sich prostituieren. Die meisten davon arbeiten in Deutschland, der Schweiz und Österreich.  Natürlich wurde nicht jede von ihnen gegen ihren Willen nach Europa gebracht. Aber allein in Deutschland wurden zwischen 2007 und 2010 pro Jahr durchschnittlich 700 Zwangsprostituierte entdeckt, darunter auch Brasilianerinnen.

Wie steht die Kirche zu diesem Thema?

Almute Heider: Die diesjährige Fastenaktion der brasilianischen Bischofskonferenz steht unter dem Leitwort „zur Freiheit hat uns Christus befreit“ und wendet sich gegen Menschenhandel. Bischöfe wie Erwin Kräutler, José Luís Azcona Hermoso und Flavio Giovenale setzen sich vehement gegen Kindesmissbrauch und Menschenhandel ein – und werden deshalb mit dem Tod bedroht. Denn nach Waffen- und Drogenhandel ist Prostitution weltweit der drittprofitabelste Sektor. Die Interessen, das System am Laufen zu halten, sind entsprechend groß.


MISEREOR in Brasilien…

MISEREOR unterstützt in Brasilien vor allem zivilgesellschaftliche Organisationen, die sich für die Einhaltung der verfassungsmäßig garantierten Rechte einsetzen. Trotz der demokratischen Verfasstheit des Landes gibt es gerade im Bereich der Menschenrechte viele Verletzungen, die von staatlicher Seite nicht oder nicht genügend verfolgt werden. MISEREOR kümmert sich zusammen mit seinen Projektpartnern darum, die Betroffenen selbst zu informieren und darin zu bestärken, bei staatlichen Stellen Anklage zu erheben und Unterstützung einzufordern.


Mehr Informationen…

Kick for One World: Beim bundesweiten Zusammenschluss KoBra (Kooperation Brasilien) erhalten Sie weiterführende Informationen zur WM und Olympia 2016, zu Anti-Terror-Gesetzen, fairplay und Sicherheitskonzepte.


Lesen Sie mehr…

WM-Vorbereitung mit dem Bulldozer
Die Filmaufnahmen sind dramatisch: Eine schreiende Frau wehrt sich vehement gegen den Abriss ihres Hauses, während der Bulldozer bereits anrollt. Ein von brasilianischen Produzenten erstelltes Video dokumentiert mit solchen Szenen auf erschreckende Weise, wie das lateinamerikanische Land sich zurzeit auf die Fußball-WM 2014 vorbereitet…


Autor:

Petra Kilian arbeitet im Berliner Büro von MISEREOR.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Die Flughäfen: dass die Plakate nur auf Portugiesisch geschrieben wurden, ist eine Problematik, die niemand bis jetzt verstanden hat, warum sind die Schilder in Brasilien nur auf Portugiesisch geschrieben. Wenn man sich für ein Praktikum als Verkehrsingenieur bewirbt, ist die Konkurrenz so groß, man muss zeigen, dass man zumindest Englischmittelstufe hat.

    Man sollte in den Flughäfen in Brasilien Stände über das Thema sexueller Tourismus und Pädophilie vorbereiten. Da würde man auch ein großes schwarzes Polizeiauto, den sogenannten Camburao zeigen, meistens mit verschiedenen Alarmsystemen und Computerapparaten gefüllt, was die Polizisten benutzen, um die Täter im Rotlichtmilieu zu suchen.

    Was würde Stadtbürger der Welt interessieren, vor allem Männer, solche Apparate zu besuchen und Fragen über das Auto zu stellen, das würde aber einige Pädophile schon erschrecken.

    Aber schade eigentlich, sie werden das wohl nicht machen…

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