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Milch reist nicht gern, Milchbauern aus Burkina Faso schon – Ein Interview

Fünf Tage sind wir mit unseren Gästen aus Burkina Faso, René Millogo von der Pastoralistenorganisation Pasmep, eine Initiative zur Unterstützung der Hirten in Burkina Faso, und Adam Diallo, der Präsident der 42 Kleinstmolkereien in Burkina Faso (Burkina Lait) im Allgäu und in der Eifel unterwegs gewesen. Was sie am meisten beeindruckt hat in diesen Tagen und welche Anregungen sie mitnehmen, das erzählen sie uns im Interview.

Was hat während eurer Reise ins Allgäu und in die Eifel den größten bleibenden Eindruck hinterlassen?

SONY DSCIbrahim Diallo: Als Milcherzeuger hat mich am meisten beeindruckt zu sehen, wie gut das Produktionssystem in Deutschland funktioniert. Allerdings habe ich bisher immer gedacht, dass die Landwirte in Europa keine Angst vor der Zukunft haben, das dies nur uns betrifft.

René Millogo: Für mich war es positiv zu sehen, dass unsere Organisationen in Burkina Faso und Deutschland dieselben Fragestellungen haben und auch ähnliche Probleme sowie politische Forderungen. Mir ist aufgefallen, dass in Deutschland in den Bauernfamilien wirklich alle Familienmitglieder mitarbeiten. Dass wirklich alle sich das Wissen aneignen, welches sie brauchen, um einen landwirtschaftlichen Betrieb zu führen. Die Familien wissen, wohin sie mit ihrem Betrieb wollen, was sie dafür brauchen und wie sie das bekommen können. In Burkina Faso ist das bisher eher unkoordiniert. Das Wissen, was du brauchst, um deinen Hof weiter zu entwickeln, fehlt.

PASMEP ist eine junge Organisation, die sehr viel mit den jungen Naturweidelandwirtschaftlern (Pastoralisten) zusammenarbeitet. Für sie ist es wichtig, dass sie ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen und sich nicht entmutigen lassen. Sie brauchen die Option, politisch aktiv werden zu können und sich selbst weiterzuentwickeln.

Was sind denn zum Beispiel gemeinsame Probleme, die Deutschland und Burkina Faso verbinden?

Ibrahim Diallo: Große gemeinsame Fragen sind der Absatz und der Vertrieb der Produkte sowohl auf dem Weltmarkt als auch auf dem lokalen Markt. In Deutschland ruft zudem das Auslaufen der Milchquote Unsicherheit hervor. Fragen wie: Wie entwickelt sich die Produktion und Kosten? Wie entwickeln sich die Preise? Wie können wir das Angebot so gestalten, dass es die Nachfrage trifft? Wie diversifiziere ich mein Angebot, um mein Auskommen zu haben?  Was wird teurer? stehen da auf der Tagesordnung.

Auch wir fragen uns:  Wie können wir unsere Familien ernähren? Wieviel Milch können wir verkaufen? Denn Milch ist das einzige Produkt, was wir haben. Dafür muss sich der Milchmarkt in Burkina Faso aber erst noch entwickeln.

René Millogo: Milch ist ein strategisches Produkt. Für die Ernährung, aber auch aus politischer Sicht. Sowohl in Deutschland, als auch in Burkina Faso sind es nicht die Erzeuger, die die Gewinne machen, sondern andere.

Ibrahim Diallo: Zum Beispiel müssen wir verstehen, was es bedeutet, dass die Milchquote in Europa endet und mehr Milch produziert wird und auf dem Weltmarkt landet. Was bedeuten die Wirtschaftspartnerschaftsabkommen zwischen Europa und Westafrika in diesem Fall für uns? Wir müssen auch lernen, uns selber als Erzeuger ins Parlament zu stellen und Reden zu halten.

Wie ist der Wettbewerb mit dem importierten Milchpulver?

Ibrahim Diallo:  Man muss wissen, dass das Milchpulver in Burkina Faso nicht nur aus Europa kommt, sondern auch aus anderen Ländern wie Neuseeland und aus Asien. In Burkina Faso entstehen die Kleinstmolkereien da, wo es auch eine Nachfrage gibt. Dafür müssen die Preise wettbewerbsfähig sein.  Zum Beispiel gab es den Versuch einer Kleinstmolkerei eine Schulkantine zu beliefern. Das hat nicht geklappt, weil die Schule sich für eine Molkerei entschieden hat, die Milch aus Milchpulver herstellt und dadurch nur halb so teuer ist. Da könnte der Staat  viel mehr tun. Die Politik könnte im Bereich öffentliche Beschaffung, zum Beispiel Großküchen in Schulen, Kasernen, der Polizei… viel aktiver sein.

Wie könnte denn die Wettbewerbsfähigkeit gesteigert werden?

Ibrahim Diallo: Erstens müssen die Futtermittelpreise sinken. Das Gras allein reicht nicht für die Fütterung aus.  Ergänzungsfuttermittel ist momentan jedoch viel zu teuer für uns. Zweitens muss der Markt nicht nur national geschützt werden, sondern auch auf den Weltmarkt abgestimmt. Unsere Produktion ist teurer und wenn der Markt nicht geschützt ist, haben unsere Produkte keine Chance. Drittens muss es Verbraucherkampagnen geben, damit die Menschen informiert werden und der Absatz auf dem lokalen Markt gefördert wird.

Welche Möglichkeiten gibt es, den Abstieg der Milchproduktion zu verhindern?

René Millogo: Am Anfang steht die Frage des Landbesitz und der Landnutzung. Die ganze Veränderung in Richtung Sesshaftigkeit der Nomaden hat sich schnell vollzogen, allerdings sind die Landrechte unklar. Solange die Rechte nicht geklärt sind, können die Leute vom Land vertrieben werden. Dann können und werden sie auch nicht investieren. Heute gibt es mehrere Möglichkeiten, Land zu erwerben. Für Gebietskörperschaften, für die Regierung und für Privatleute. Für Privatpersonen ist es aber sehr schwer, Landtitel zu bekommen. (Ergänzende Info: es ist z.B. so, dass nur ein Mitglied der Familie den Landtitel beantragen kann. Das heißt, alle Mitglieder einer Familie müssen sich darauf einlassen. Dabei kommt es oft zu Konflikten, wenn die ausgewählte Person später den Titel hat, und die Geschwister leer ausgehen, obwohl informell vorher etwas anderes verabredet war.)

Ein weiteres Problem sind auch die stadtnahen Gebiete, die als Viehhaltungszonen ausgewiesen wurden. Dann ist die Stadt gewachsen und es gab keinen Platz mehr für das Vieh. Es ist eine klare Definition dessen notwendig, wo Viehhaltung möglich ist. Die muss dann auch sicher sein, damit eine Umsiedlung funktioniert.

Bedeutet das, dass alle  Viehhalter umgesiedelt werden?

René Millogo: Das kann natürlich nicht für alle Viehhalter gelten. Es gab früher ausgewiesene Gebiete für Pastoralisten. Die wurden von beispielsweise von der Weltbank mit einem Staudamm versorgt. Das Gebiet blieb aber staatlich. Das reicht jedoch heute nicht mehr aus, um das Land für die Pastoralisten zu sicheren.

Ibrahim Diallo: Ein weiteres Beispiel für Probleme, die durch Stadtrandbebauung enstehen ist folgendes: Es gibt etwas 100 Familien am Stadtrand, die 2 – 3 Liter Milch täglich zur Molkerei bringen. Da die Stadt aber wächst und sich ausdehnt, muss eine langfristige Lösung her. Die Familien müssen weiterhin in der Nähe der Molkerei leben, um ihre Milch absetzen zu können Eine Lösung ist hier der Landtausch, sowie die Bereitstellung von Land. Das hat auch schonmal erfolgreich funktioniert.

Welche weiteren Möglichkeiten der Unterstützung wünscht ihr euch vom Staat?

René Millogo: Der Staat gibt z.B. Zuschüsse für die Beiprodukte aus der Baumwollproduktion wie zum Beispiel Bauwollschrot. Allerdings reichen die nicht aus. Es müssen doppelt soviel sein. Es geht auch um Verteilungsgerechtigkeit, z.B.  fehlt die Möglichkeit, Kühlschränke zu kaufen. Der Staat sollte das finanziell fördern. Oder die Herstellung der Flaschen, in die die Milch abgefüllt wird. Die derzeitigen Behältnisse, in denen die Milch und der Joghurt abgefüllt werden, werden nicht vor Ort produziert und sind nur sehr aufwendig aus den Nachbarländern zu beschaffen.  Auch könnte der Staat dafür sorgen, dass die Peul die Möglichkeit haben, einen Kredit aufzunehmen. Tiere als Sicherheit anzubieten, das funktioniert heute nicht mehr.

Die Hirten der Peul werden noch nicht vom Staat nicht unterstützt. Dabei hängen soviele Menschen von dem Verkauf der Milch ab. Zudem sind sie kaum alphabetisiert. Der Staat konzentriert sich derezeit auf Baumwolle. Das ist ein strategisches Produkt. Wir fragen uns: Müssen wir uns als PASMEP um die Alphabetisierung kümmern? Oder ist das nicht die Aufgabe des Staates, für die Schulbildung zu sorgen?

Auf Grund der vielen Konflikte zwischen den Peul und den Ackerbauern, sind die Konfliktbewältigung und soziale Gerechtigkeit weitere Aufgaben neben unserer technischen Unterstützung. Die sozialen Aspekte müssen immer mitgedacht werden.

Wie sieht die derzeitige Förderpolitik des Staates aus?

Ibrahim Diallo: Der Staat hat Großbetriebe gefördert, Privatleute, die regierungsnah sind.

René Millogo: Die großen Betriebe sind von Leuten, die die Mittel haben, in die Anlagen zu investieren. Die arbeiten auch bereits mit künstlicher Besamung. Für den Staat ist es einfacher, diese Betriebe zu fördern als uns. Aber die Großbetriebe funktionierten nur, solange der Staat die finanzielle Förderung bereitstellt. Sobald sie wegfällt, gehen auch die Betriebe pleite. Uns geht es um die Nachhaltigkeit. Die ist bei den Großbetrieben nicht gegeben.

All das, was der Staat nicht erreicht, das müssen lokale Organisationen wie Inades, Pasmep, Diobass u.a. übernehmen. Das erklärt, warum wir immer mehr machen müssen. Es gab immer wieder Versuche vom Staat, die Pastoralisten zu erreichen. Jetzt hat der Staat sich aber ganz zurückgezogen und konzentriert sich auf Baumwolle als Devisenbringer und Getreide.

Wir sind aber der Meinung, dass die Viehwirtschaft rentabel ist und Potential hat. Darum ist es wichtig, dass die Pastoralisten unterstützt werden, von denen es viele in der Sahelzone gibt.

Da die Konflikte zwischen Ackerbauern und Viehhirten immer größer wurden, gehören Konfliktbewältigung und soziale Gerechtigkeit als Themen auch dazu. Es ist traurig zu sehen, dass ihre Art zu leben, nicht mehr möglich ist. Das Menschen umgebracht werden, weil eine Kuh einen Acker betritt.

Gibt es Anregungen, die ihr mit nach Burkina Faso nehmen werdet?

Ibrahim Diallo: Der Technologietransfer. Es muss eine Grundlage für den Technologietransfer im Bereich Fütterung, in den Abläufen, in der Produktion geben. In Deutschland haben die Menschen über Jahre gelernt, wie sie vorgehen. Ich musste das im Gegensatz dazu spontan lernen.

René Millogo: In Burkina Faso sind wir technologisch noch nicht so weit. In Deutschland werden die Rassen auf Milch oder Fleisch gezüchtet und diese ist sehr weit fortgeschritten. Das ist bei uns nicht der Fall. Es gibt die verschiedensten Rassen, die unterschiedlich viel Milch geben. Die gezielte Züchtung ist ein wichtiger Punkt, den wir angehen müssen. Die künstliche Besamung ist enorm wichtig für die Zukunft, kostet aber auch Geld.

Ibrahim Diallo: Mich hat die Produktionsplanung und Produktionssteuerung sehr beeindruckt. In Deutschland geben die Kühe ganzjährig Milch. Die Anzahl der Tiere ist abgestimmt mit den Flächen, die sie zur Verfügung haben, um Futter anzubauen und um die Gülle auszufahren.

René Millogo: Besonders freut mich das Angebot des BDM, eine Partnerschaft aufzubauen. Denn es war unser Ziel, hier Kontakte zu Landwirten aufzubauen. Das gilt es nun konkreter zu gestalten. Wie kann das aussehen? Können Landwirte aus Deutschland nach Burkina Faso kommen? Oder können von uns 2 – 3 Landwirte herkommen und eine Schulung machen? Wir würden gerne auch politisch zusammenarbeiten und schauen, wie wir gemeinsam mehr erreichen.  2015 wollen wir ein Milchforum in Burkina Faso veranstalten, wo wir für unsere Produktionsweise werben und auf unsere Probleme aufmerksam machen möchten. Da ware es toll, wenn vom BDM auch jemand teilnehmen könnte.


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Autor:

Kerstin Lanje

Kerstin Lanje ist Expertin für Welthandel und Ernährung bei MISEREOR.

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