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Wenn die Welt ein Dorf wäre…

Käsefondue, Limoncello und Tabbouleh gibt’s nicht in Argentinien? Gibt’s doch! Argentinien ist ein Einwandererland: 65% der Bevölkerung stammen direkt von Italienern oder Spaniern ab, doch auch Polen, Deutsche und viele andere Nationen hat es in das Land gezogen. An der Fiesta Nacional del Inmigrante in der Provinz Misiones zeigt sich Argentiniens ganze kulturelle Vielfalt- und was sich für mich wie ein Kurztrip durch Europa anfühlt, ist für die Menschen in Oberá gelebter Alltag.

Blond und blauäugig- typisch argentinisch!

Der Nachwuchs der deutschen Colectividad in Lederhosen

Der Nachwuchs der deutschen Colectividad in Tracht und Lederhosen

Seit Beginn meines Aufenthaltes in Argentinien ist mir schon einige Male der blonde, blauäugige  Cliché- Deutsche über den Weg gelaufen, und ich war überzeugt man würde mich gleich mit: “Hallo, wie geht’s?” ansprechen. Das ist mir bisher jedoch niemals wirklich passiert ;). Das argentinische Gesellschaftsbild ist ein wirres Puzzle aus europäischen, arabischen, zum Teil asiatischen und natürlich indigenen Einflüssen. Der Vorteil: man fällt als europäischer Touri vielleicht nicht ganz so offensichtlich auf, wie in anderen Ländern. Gleichzeitig bleibt bei mir der Eindruck, dass ich argentinischer aussehe also so mancher Einheimischer.

Buntes Miteinander im Parque de las Naciones

Auch die Nordeuropäer hat es ins tropisch-warme Misiones gezogen

Auch die Nordeuropäer hat es ins tropisch-warme Misiones gezogen

In Oberá, wo die Fiesta Nacional del Inmigrante jährlich stattfindet, sind die verschiedenen Kulturen wahnsinnig präsent. Oberá wurde erst 1928 gegründet, die ersten Immigranten haben sich also vor nicht einmal 100 Jahren niedergelassen. Die Spuren der Einwanderer sind deswegen noch allgegenwärtig: Als wir in die Stadt kommen, sticht mir das Plakat einer Schreinerei “Pretzel” ins Auge, die Festrede hält der aktuelle Bürgermeister Ewaldo Rindfleich. Nicht selten wurde bei der Einschreibung in das argentinische Bürgerverzeichnis der ein oder andere Buchstabe getauscht oder weggelassen ;).

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Das Schweizer Chalet mit den Wappen aller Kantone

Jede der 15 Gemeinschaften (colectividades) hat im Parque de las Naciones ein traditionelles Haus errichtet, wo das ganze Jahr über Leckereien und Tanzeinlagen aus den Heimatländern präsentiert werden. An diesem Nachmittag rede ich mit einem Argentinier schweizer Abstammung, natürlich auf Schwiizerdütsch, esse ukrainische Kohlrouladen und bewundere arabischen Bauchtanz à la Alibaba. Das Ganze ist irgendwie absurd und gleichzeitig total authentisch.

Wer ist „wirklich“ argentinisch?

Die Kehrseite dieser kulturellen Vielfalt ist die Dominanz der Immigranten in der argentinischen Gesellschaft. Nur 1.6% der Argentinier sind indigener Abstammung, gerade mal 5% haben europäisch-indigene Wurzeln. Diese Zahlen bestätigen meinen Eindruck, dass die Indígenas in dieser europäisch geprägten Gesellschaft regelrecht untergehen. Es scheint daher auch wenig verwunderlich, dass die Gesetze zum Schutz der Rechte der Indígenas meist nur symbolisch gelten. Das Recht auf zweisprachige Bildung ist quasi gar nicht umgesetzt und die Einhaltung der Grundstücksrechte war und ist noch immer eines der zentralen Belange von Organisationen wie INCUPO, nur um zwei Beispiele zu nennen. Am Rande des  Parque de las Naciones sind die Guaranís als ursprüngliche Bewohner von Oberá ebenfalls mit einem Holzhaus vertreten, es fällt ihnen jedoch sichtlich schwer mit dem Trubel und der Inszenierung der anderen Gemeinschaften mitzuhalten.

Wenn die Welt ein Dorf wäre…dann sähe es wohl so ähnlich aus wie der Parque de las Naciones in Oberá.

Autor:

Meine Name ist Claudia, ich bin 23 und komme aus dem schönen Nöggenschwiel im Südschwarzwald. Meinen Freiwilligendienst verbringe ich im Nordosten von Argentinien bei der Organisation IN.CU.PO. Die Organisation unterstützt Kleinbauern und indigene Gruppen dabei, ihren Grundbesitz zu verteidigen und bietet ihnen Bildungsangebote. Im Juni diesen Jahres habe ich mein Studium in internationaler BWL abgeschlossen und freue mich jetzt schon sehr auf Argentinien, auf die vielseitige Kultur und vor allem auf die Zusammenarbeit mit den Menschen vor Ort!

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ha ha, und ich hab mich vor eineinhalb Jahren noch gewundert, dass Papst Franziskus so gar nicht lateinamerikanisch aussieht. Jetzt versteh ich’s 😀

  2. Liebe Claudia,

    was ja klar, dass bei den Deutschen alle in Lederhosen rumlaufen. Wer hätte das gedacht … ;-))) Aber das ist in der Tat eine zweischneidige Sache. Einerseits soll man sich integrieren, andererseits auch nicht die eigene Identität oder Tradition aufgeben …

    LG, Uta

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