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Irak: Aus einer schwer traumatisierten Gesellschaft entsteht nur neue Gewalt

Salah Ahmad ist Psychotherapeut und in den 80er Jahren nach Deutschland geflüchtet, wo er in Berlin studiert und eine eigene Praxis eröffnet hat. Vor 10 Jahren baute er im nordirakischen Kirkuk das „Kirkuk Center for Torture Victims“ auf, das traumatisierten Opfern von Gewalt und Folter, darunter vielen Flüchtlingen psychotherapeutische Hilfe anbietet. Mit Beginn des Syrien-Krieges stieg die Anzahl der Flüchtlinge im Nordirak stetig an. Der aktuelle Vormarsch der IS-Milizen und die darauf folgende Massenflucht von hunderttausenden Irakern hat die Flüchtlings-Situation im Nordirak dramatisch zugespitzt.

Salah Ahmad

Salah Ahmad

Herr Ahmad, momentan pendeln Sie zwischen Berlin und dem Nordirak. Vor zwei Wochen waren Sie im Irak, in zwei Tagen steigen Sie wieder in Frankfurt ins Flugzeug Richtung Erbil. Was erwartet Sie dort?

Ahmad: Sehr viel Arbeit! Sehr viel Leid! An den sieben Standorten unseres Zentrums behandeln wir zurzeit hunderte Flüchtlinge, die schwer traumatisiert sind. Darüber hinaus helfen wir aber auch bei der Versorgung der vielen Flüchtlinge, die von überall her vor den IS Truppen geflohen sind. In Städten wie Dohuk gibt es momentan mehr Flüchtlinge als Einwohner. Meine Mitarbeiter verteilen Wasser, Nahrungsmittel, Kleider, Zelten, Decken, Hygieneartikel, alles, was man zum Überleben braucht. Die Menschen leben, wo es geht, in öffentlichen Gebäuden, vor allem in Schulen. Aber sie kampieren auch auf der Straße, in Bauruinen und Parks und sie haben meist Fürchterliches erlebt. Gott sei Dank sind jetzt auch internationale Hilfsorganisationen vor Ort, die zumindest verhindern, dass es zum Kollaps kommt.

Was berichten Ihnen diese Menschen?

Ahmad: Die Berichte sind unvorstellbar. In Tikrit haben IS-Kämpfer eine Berufsschule für Piloten überfallen und über 1000 junge Studenten erschossen. Junge Frauen wurden verschleppt und verkauft. Wir haben Kinder behandelt, deren Eltern vor ihren Augen ermordet oder entführt wurden. Männer, die bei Exekutionen zuschauen und hunderte Leichen vergraben mussten. Mütter, deren Kinder auf der Flucht gestorben sind und die sie nicht einmal begraben konnten. Es ist grauenvoll! Hier stoßen meine Mitarbeiter und ich persönlich an die Grenzen unserer Arbeit, denn bei einer derartigen Traumatisierung sind die Menschen nur noch schwer erreichbar. Auch für uns ist diese Situation eine große psychische Belastung.

Welche Hoffnungen haben Sie für die nahe Zukunft und vor welchen besonderen Herausforderungen stehen die Menschen im Irak?

Ahmad: Meine ganz persönliche Hoffnung ist, dass die IS-Milizen bekämpft und daran gehindert werden, die Menschen in Irak und Syrien weiter zu terrorisieren und zu ermorden. Denn nur dann kann das Krebsgeschwür IS sich nicht weiter ausbreiten. Was unsere Arbeit angeht, glaube ich, dass der Bedarf an therapeutischer, medizinischer und sozialer Betreuung für die Menschen immens ist. Die Zahl der Herzinfarkte ist deutlich gestiegen. Wir hatten sogar den Fall eines 11-jährigen, der an einem Herzinfarkt gestorben ist. Denn erlittenes Leid und Traumatisierung macht physisch und psychisch krank und aus einer kranken Gesellschaft, einer schwer traumatisierten Gesellschaft entsteht nur neue Gewalt, das sehen wir seit Jahren in Palästina.

Was macht Ihnen momentan am meisten Sorgen?

Ahmad: Vor allem die die extreme Wetterlage. Bis vor kurzem war die Hitze nicht auszuhalten und wir haben Kühlgeräte, Ventilatoren und Eiswürfel zum Lutschen verteilt, um das Leben der Menschen erträglich zu gestalten. Aber schon bald wird es bei uns sehr schnell kalt, zunächst in den Bergen aber ab Oktober auch in den tiefer gelegenen Städten, vor allem nachts. Und Sie dürfen nicht vergessen, dass die Menschen oft mehr oder weniger im Freien schlafen. Wir werden uns also darauf vorbereiten müssen, warme Kleidung zu beschaffen, Decken und mobile Heizgeräte. Vor allem müssen wir aber Zelte und andere Unterkünfte errichten, sonst werden viele Menschen erfrieren.


Mehr Informationen…

… zur MISEREOR-Hilfe vor Ort

Das „Kirkuk Center“ hat weitere sechs Zentren in verschiedenen Städten aufgebaut, u.a. auch im Flüchtlingslager Domiz. Die Arbeit wird von MISEREOR seit mehreren Jahren unterstützt. In der aktuellen Notsituation hilft das Kirkuk Center auch mit unmittelbarer Nothilfe ( Wasser, Lebensmittel, Medikamente, Decken). Dafür hat MISEREOR dem Kirkuk Center zusätzlich 160.000 Euro zur Verfügung gestellt.

zu unserem Spendenaufruf für Flüchtlinge im Irak

So hilft Ihre Spende:

50 Euro kostet ein Lebensmittelpaket für eine fünfköpfige Familie.

150 Euro werden für Decken und Matratzen für fünf Personen gebraucht.

18 Euro sichern den Schulunterricht und die Betreuung für ein Flüchtlingskind.

500 Euro helfen dabei, eine winterfeste Bleibe zu finanzieren.

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Autor:

Barbara Wiegard arbeitet als Pressesprecherin bei MISEREOR. Alle Neuigkeiten von ihr gibt es auch bei www.twitter.com/barbarawiegard

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