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Kleinbauern gegen Multinationals – David gegen Goliath?

„Die Sauberkeit unserer Stadt hängt nicht von der Gemeindeverwaltung ab, sondern vom Benehmen seiner Einwohner.“ Mit diesen klaren Worten grüßt der Bürgermeister von El Colorado auf einem überdimensionalen Schild seine Einwohner und Besucher der Provinz Formosa, die berüchtigt ist für Wahlbetrug, Korruption und Rassismus.

Der Bürgermeister ist schon seit Jahrzenten im Amt, seine Frau leitet die Grundstücksverwaltung und seine Tochter führt die größte Baufirma der Gegend. Immer wieder werden hier Demonstrationen der indigenen Bevölkerung gewaltsam beendet und Organisationen werden in ihrem Einsatz für die Rechte von Indígenas und Kleinbauern blockiert. Zusammen mit meinen Kolleginen Araceli Pared und Silvia Braidot nahm ich in diesem schwierigen Kontext an einem Treffen verschiedener Organisationen und Bauernverbände teil.

Ein Bauernhof wie aus dem Bilderbuch

Raúl und seine Felder

Raúl und seine Felder

Fernab des nächsten Dorfes findet das Treffen bei einer Kleinbauernfamilie statt und fühlt sich für mich eher wie ein großes Familientreffen an: Ganz selbstverständlich werden die Räume der Familie geteilt, um für alle einen Schlafplatz zu finden. Es wird zusammen gekocht und der Hausherr führt uns begeistert über seine 10 Hektar. Seine Ländereien kommen dem Garten Eden wohl ziemlich nah: Im Winter baut er Salat, Yucca, Kartoffeln, Knoblauch, Karotten und Rote Beete an, im Sommer auch noch Wasser- und Honigmelone und viele andere Leckereien. Die Familie macht eigenen Käse aus der frisch gemolkenen Kuhmilch und die Schweine fühlen sich sichtlich wohl in ihrem Gehege. Gleich nebenan hängen 2 Kilo schwere Grapefruits pflückbereit von den Bäumen. Die Familie bietet außerdem seit einem Jahr so etwas wie „Ferien auf dem Bauernhof“ in einer sehr spartanischen Form an und kann damit ihr Einkommen noch ein wenig aufbessern. Ich bin begeistert!

Wenn der Bauer zum Unternehmer wird

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Blick auf das Salatfeld

In der anschließenden Diskussionsrunde wird klar, dass wir es hier mit einem seltenen Vorzeigeexemplar von Kleinbauern zu tun haben. Raúl hat es geschafft, seinen Bauernhof in einen erfolgreichen Betrieb umzuwandeln: mit seiner Erfahrung hat er einen Saatplan erarbeitet und seine Produktion diversifiziert, um seine relativ kleine Fläche optimal zu nutzen. Er sorgt so dafür, dass er ein fortlaufendes Einkommen hat, womit er seine Betriebskosten decken kann. Außerdem hat er zusammen mit den Bauern aus der Umgebung ein eigenes Vertriebssystem aufgebaut: jede Woche liefern 34 Transporter das frische Obst und Gemüse direkt in die Provinzhauptstadt.Das hat nichts mehr mit einem einfachen Bauernhof zu tun, das ist Business. Die anderen Teilnehmer sind sichtlich beeindruckt. Den meisten fällt der Schritt zur Organisation, Planung und Diversifizierung schwer, denn lange Zeit waren viele in der Baumwollindustrie angestellt und sind es schlichtweg nicht gewohnt, als „Unternehmer“ zu handeln.

Nur gemeinsam können sie sich Gehör verschaffen

Die Frauen haben gemeinsam die typische Bori-Bori Suppe vorbereitet...sehr lecker :)

Die Frauen haben gemeinsam die typische Bori-Bori Suppe vorbereitet…sehr lecker 🙂

Während des ganzen Treffens wird deutlich, dass es für die lokalen Bauernverbände unabdingbar ist, stärker zusammenzuarbeiten und sich auf den regionalen Märkten zu organisieren. Aber auch auf nationaler Ebene ist die Kooperation der Verbände gefragt: es werden aktuelle, politische Themen erläutert und diskutiert. Wieder sind die neuen Gesetze zu den Themen Grundstücksbesitz, Saatgutpatent und familiäre Landwirtschaft ein Thema.

Vor allem INCUPO beharrt darauf, dass die Organisationen sich weiterhin stärker in die Gesetzesbildung einbringen müssen. Treffen wie dieses leisten dabei einen großen Beitrag, denn aufgrund der schlechten Straßen und Kommunikationswege haben die Organisationen schlichtweg keine Möglichkeit sich auszutauschen und zusammenzuarbeiten.

Die Fortschritte der letzen Jahre in Sachen Organisation spüre ich deutlich in den Diskussionen, denn die Bauern sind hochmotiviert und wollen sich politisch engagieren. Einige der anwesenden werden in den nächsten Wochen zu Konferenzen nach Buenos Aires reisen, um dort die Position der Verbände im Bezug auf die Gesetze zu vertreten. Dass diese Gesetze zeitgleich präsentiert werden, scheint kein Zufall zu sein – so bleibt den Organisationen nur wenig Zeit, sich auf jedes einzelne im Detail zu konzentrieren und Widerstand gegen den Einfluss der Multinationalen im Sektor zu leisten. Von einem Sieg wie David gegen Goliath kann man deshalb noch nicht ausgehn, doch der Kampfgeist ist auf jeden Fall zu spüren!

Autor:

Meine Name ist Claudia, ich bin 23 und komme aus dem schönen Nöggenschwiel im Südschwarzwald. Meinen Freiwilligendienst verbringe ich im Nordosten von Argentinien bei der Organisation IN.CU.PO. Die Organisation unterstützt Kleinbauern und indigene Gruppen dabei, ihren Grundbesitz zu verteidigen und bietet ihnen Bildungsangebote. Im Juni diesen Jahres habe ich mein Studium in internationaler BWL abgeschlossen und freue mich jetzt schon sehr auf Argentinien, auf die vielseitige Kultur und vor allem auf die Zusammenarbeit mit den Menschen vor Ort!

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Claudia,

    vielen Dank für die super Blog-Einträge! Es ist sehr spannend über Eure Arbeit und deine ganz persönlichen Erfahrungen in Argentinien zu lesen und ich freue mich schon wieder auf die nächste spannende Geschichte.

    Liebe Grüße
    Annapia

  2. Liebe Claudia,

    danke für den tollen Text und die schönen Bilder. Man merkt beim Lesen richtig, dass du von dem, was du dort tust, sehr überzeugt bist. Dass das, was INCUPO tut, wichtig ist. Und dein Beitrag macht Mut. Es bewegt sich etwas. Nur kleine Schritte, aber in die richtige Richtung!

    LG aus dem herbstlichen Aachen, Uta

  3. Hey Claudia,
    super interessant, echt gut geschrieben und wahnsinnig wertvolle Arbeit, die ihr da leistet!!!
    ¡Saludos cordiales!! 🙂

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