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Freiwilligendienst: Zurückgekehrt und noch lange nicht fertig

Ehemalige Misereor-Freiwillige treffen sich in Aachen. Ziel des Wochenend-Workshops: Wir möchten  uns auch in Deutschland mit gesellschaftsrelevanten Themen auseinander setzen und als Multiplikatoren aktiv sein. Los geht’s!

Viele Ideen sind entstanden, viel Inspiration wurde gegeben, viel Motivation geweckt.

Viele Ideen sind entstanden, viel Inspiration wurde gegeben, viel Motivation geweckt. Kleider-Tauschbörse beim Rückkehrer-Workshop.

Ein Beitrag von Katha, Lisa, Kira, Charlotte

Endlich ist es soweit: Von der Organisation bis zur Themenwahl des Workshops – diesmal liegt alles in unserer Hand. So hieß es im Vorhinein: eigene Schwerpunkte setzen, Inhalte selber vorbereiten, die Finanzierung beantragen und um Verpflegung kümmern.  Schon beim Großeinkauf für 30 Teilnehmer stießen wir auf Themen, die uns auch im Alltag und vor allem an diesem Wochenende beschäftigen: Wo kauft man Bio, saisonal, regional, fairtrade? Was ist am wichtigsten? Und wir macht man das mit kleinem Budget?

Um das Thema „vegane Ernährung“ direkt  diskutieren zu können, haben wir entschieden, uns am ersten Tag ausschließlich vegan zu ernähren. Dazu mussten wir uns mit unseren Back- und Kochkünsten erst einmal aus unserer Komfortzone herausbewegen und etwas Neues ausprobieren.Viele fragten sich, wie sie einen veganen Kuchen backen sollten oder wie wohl die Sojamilch im geliebten Kaffee schmecken würde… Nach einem leckeren Abendessen stellten wir fest: Vegan kochen ist viel einfacher und vor allem leckerer als wir vorher gedacht hätten.

Perspektivwechsel: Was halten anderen Kulturen von nachhaltigen Lebensstilen?

Von und für Rückkehrer: Die Freiwilligen nahmen die Organisation des Workshops selbst in die Hand - veganes Kochen inklusive.

Von und für Rückkehrer: Wir nahmen die Organisation des Workshops selbst in die Hand – veganes Kochen inklusive.

Als Einstieg in unser Wochenende gab Georg Stoll  einen interessanten Vortrag zum Thema „Weltgemeinwohl“. Der MISEREOR-Experte stellte verschiedene wirtschaftliche, ökologische und soziale Entwicklungen und Trends dar und führte uns vor Augen, wie  sehr wir mit unserem jetzigen Lebensstil an der Erde zehren. Als ehemalige Freiwillige ist es für uns besonders interessant, über nachhaltige Lebensstile aus Sicht des globalen Südens zu diskutieren. Spannend ist der Perspektivwechsel: Wie werden die Anforderungen, die  ein ökologisch nachhaltiger Lebensstil an alle Menschen stellt, von anderen Kulturen verstanden? Am Ende des Vortrags standen wir vor dem Dilemma soziale Gerechtigkeit gegen Nachhaltigkeit: Wie sind diese Ideale gleichermaßen zu berücksichtigen und zu vereinen?

Nach diesem ersten Tag war der Gesprächsstoff zwischen uns Rückkehrern noch lange nicht ausgegangen und die Vorfreude auf die beiden folgenden Tage hatte sich nur gesteigert. Da unser Freiwilligendienst schon bis zu drei Jahre zurückliegt, ist es schön zu sehen, wie unsere Gruppe und die Verbundenheit untereinander wächst.

Zurückgekehrt und noch lange nicht fertig

Wie sieht deutsche Flüchtlingspolitik aus? Wie fair ist ein Produkt, auf dem Fair Trade drauf steht? Was kann es für mich bedeuten, nachhaltig zu leben? Was kann schief gehen bei der Multiplikatorenarbeit und wie mache ich es richtig? Und was können wir noch alles tun? Diese und viele andere Fragen beschäftigten uns am zweiten und dritten Tag unseres Rückkehrer-Workshops.

Rueckkehrer-Workshop_Freiwilligendienst_Brainstorming

Wir bleiben dran: Am Vormittag bearbeiteten wir in Kleingruppen Themen, die uns wichtig sind.

„Erneut Flüchtlinge vor Italien aus überfüllten Booten ertrunken“

– Wer kennt sie nicht, die Nachrichten von den überfüllten Flüchtlingsbooten, die beispielsweise auf der Insel Lampedusa ankommen – wenn sie überhaupt ankommen? Von den Hungerstreiks der Flüchtlinge, die vom Oranienplatz in Berlin vertrieben wurden? Von Sonderaufnahmemöglichkeiten für syrische Flüchtlinge? Von überfüllten Notunterkünften, von traumatisierten Minderjährigen, von Angst vor Abschiebung auf der einen Seite und Angst vor einem von Flüchtlingen überschwemmten Deutschland auf der anderen Seite?

Flüchtlinge und Asyl in Deutschland

Es ist ein großes Thema in den Medien und es gibt sehr viele verschiedene Meinungen dazu. Das sind viele Gründe, sich mal intensiv mit dem Thema zu befassen. Wir setzen uns mit den Abläufen im Asylprozess auseinander, dem Unterschied zwischen „Asyl“, „subsidiärer Schutz“ und „Duldung“. Wir schauen uns die Entwicklung der Flüchtlingszahlen in den letzten Jahren an und gehen der Frage nach, woher und aus welchen Gründen die Flüchtlinge kommen. Ein persönlicher Erfahrungsbericht mit der Arbeit in einer Gemeinschaftsunterkunft bringt uns die Situation ganz nah.

Fair Trade – eine Orientierungshilfe im Dschungel der Produktvielfalt

Ob wir es wollen oder nicht, irgendwann werden wir uns alle damit auseinandersetzen, welchen Grabstein wir auf unser Grab setzen wollen. Oder auf das eines Verwandten. Woher kommt eigentlich der Grabstein? Aus Marmorbrüchen in Italien oder aus Steinbrüchen, in denen Kinder arbeiten? Es fängt bei Steinen an und hört bei Bananen auf. Woher kommen die Produkte, die ich täglich einkaufe? Wie werden sie produziert? Wer hat alles dafür gearbeitet und was hat er dafür bekommen?

Rueckkehrer-Workshop_Freiwilligendienst_Koffer_Fairer_Handel

Das nehmen wir mit nach Hause: Einen Koffer voller Tipps & Tricks, um nachhaltig und „fair“ zu konsumieren.

Diese Fragen beantworten die Produkte in unserem Einkaufswagen leider nicht. Wirklich nicht? Hin und wieder schon. Dann ist ein kleines Siegel aufgedruckt, dass uns verrät, hier wurde „fair“ gehandelt oder ökologisch nachhaltig produziert. MISEREOR-Mitarbeiter Wilfried Wunden erklärt uns die Bedeutung des Fair-Trade-Siegels und lässt uns Vor- und Nachteile diskutieren. Das Siegel besagt, dass das Produkt unter fairen Arbeitsbedingungen und nachhaltig  hergestellt wurde, allerdings sind nicht immer 100% des Produkts Fair Trade. Das Siegel wird verteilt, sobald über 50% der Produktionsschritte „fair“ sind. Klingt im ersten Moment nach Schummelei oder Irreführung, doch dann wird klar: Das ist schon ganz schön viel in der heutigen Konsumwelt, in der der Ruf nach immer günstigeren Produkten immer lauter wird. Besser noch als „Fair Trade“-Produkte sind lokale Produkte. Das Ganze wurde uns dann noch im wahrsten Sinne des Wortes „schmackhaft“ gemacht, indem unser Frühstück und Mittagessen aus GEPA-Produkten bestand. Lecker!

Wir als Multiplikatoren: Daumen hoch statt erhobener Zeigefinger

„Multiplikatorenarbeit“ – klingt nach Mathematik, ist aber tatsächlich eine der wichtigsten Aufgaben für uns Rückkehrer. Und eine, die uns sehr am Herzen liegt. Doch manchmal ist die Umsetzung viel schwerer als gedacht. Da war man im Ausland, zehn Monate lang, hat vieles gesehen, vieles gehört, vieles erlebt. Dann kommt  man zurück und stellt fest, da hat sich was verändert. Ich habe einen anderen Blick auf vieles, was hier selbstverständlich ist. Wie gern würde ich mein Umfeld einmal mit meinen Augen die Dinge betrachten lassen. Doch stattdessen habe ich das Gefühl, auf Bequemlichkeit, Sturheit und begrenzte Wahrnehmung zu stoßen. Und umgekehrt merke ich, dass ich als Moralapostel und Zeigefinger-Weltverbesserin wahrgenommen werde. Das war doch gar nicht mein Ziel. Im Workshop mit MISEREOR-Referent Florian Meisser lernen wir, welche Etappen man bei der Multiplikatorenarbeit durchläuft, wo Schwierigkeiten auftauchen und wie man ihnen begegnet. Dass ich nicht von heute auf morgen das Verhalten meiner Mitmenschen ändern werde, aber dass jeder Kompromiss, jedes Zeichen von Toleranz gegenüber meiner anderen Sichtweise, ein Stück gewonnenes Land ist.

Praktisch und nachhaltig: „What you give is what you get“

Das Ergebnis unserer Arbeit ist nun im Foyer von MISEREOR zu bestaunen.

Die Give Box: Das Ergebnis unserer Arbeit ist nun im Foyer von MISEREOR in Aachen zu bestaunen.

Nach so viel kognitivem Input konnten wir uns dann kreativ austoben: der Bau der Give Box stand an. Was ist eine Give Box? Eine Give Box ist eine Art dauerhafter Flohmarkt, eine Tauschbörse, eine Win-Win-Situation, ein Geben und Nehmen. Das Prinzip ist einfach. Wenn ich zuhause etwas finde, dass ich nicht mehr brauche, das aber noch in gutem Zustand ist, kann ich es in die Give Box stellen. Gleichzeitig kann ich auch selber schauen, ob ich in der Give Box etwas finde, was mir gefällt. Das ist nicht nur praktisch, sondern auch nachhaltig und wirkt dem Trend von „Wegwerfen und Neukaufen“ entgegen.

Viele Ideen sind entstanden, viel Inspiration wurde gegeben, viel Motivation geweckt. Auch wenn unser Freiwilligendienst beendet ist, unsere Möglichkeiten, etwas zu tun, sind es noch lange nicht. Es bleibt spannend bei uns Rückkehrern!


Mehr lesen zum MISEREOR-Freiwilligendienst

 

MISEREOR bietet jungen Menschen einen zehnmonatigen Lerndienst an bei erfahrenen Partnerorganisationen in Afrika, Asien oder Lateinamerika: Mehr Infos auf misereor.de

Im MISEREOR-Blog berichten die Freiwilligen regelmäßig aus ihren Projekten: Blogs lesen

Autor:

Gast-Autoren im MISEREOR-Blog.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo ihr drei,

    ein toller Blogeintrag. Man merkt beim Lesen so richtig, wie motiviert und inspiriert ihr nach den drei Tagen wart. Und das ist ansteckend. Auch ich habe viel über mein Verhalten nachdenken müssen beim Lesen der verschiedenen Themen. Das geht anderen sicherlich auch so. Und das ist ja Sinn und Zweck: Zum Nachdenken und Überdenken anregen. Die Give-Box ist auf jeden Fall der Hammer und ich freue mich jeden Morgen, wenn ich ins Büro komme, sie zu sehen. Und das Angebot wechselt tatsächlich. Wird also angekommen.

    Ganz liebe Grüße, Uta

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