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10 Jahre Tsunami: Die Reismüllerin von Akkareipet

Soziale Arbeit des katholischen DMI-Ordens (Daughters of Mary Immaculate) in Nagapattinam, Tamil Nadu

Tamilarasi ist alleinerziehend. Mithilfe der DMI-Schwestern konnte sie ihrem Sohn Sathiyaseelan ein Studium ermöglichen. Fotos: Karin Desmarowitz

Die alleinerziehende Mutter eines Sohnes und einer Adoptivtochter, Tamilarasi [1], ist heute 40 Jahre alt und betreibt eine Reismühle im Fischerdorf Akkareipat, etwas südlich der Distrikthauptstadt Nagapattinam im Bundesstaat Tamil Nadu. Den verheerenden Tsunami am 26. Dezember 2004 hat sie noch bildhaft vor Augen.

MISEREOR: Frau Tamilarasi, wie sah Ihr Leben vor dem katastrophalen Tsunami vor zehn Jahren aus?

Tamilarasi: Mein Mann, der früher als Fischer arbeitete, starb bei einem Verkehrsunfall, da war mein Sohn acht Monate alt. Seitdem versorge ich meine Familie selbst. Bis 2001 lebte ich mit meiner Schwiegermutter, meinem Sohn und meinem Adoptivkind, einer Zwillingstochter meiner Schwester, in einer kleinen Hütte. Ich hatte eine Reismühle, produzierte damit Teig für Fladen und verkaufte diese. Von dem Ersparten kaufte ich mir schließlich dieses Grundstück und baute ein solides Haus aus Stein, in dem ich einen kleinen Krämerladen betrieb. Es ging uns nicht schlecht. Beide Kinder gingen in die Schule.

MISEREOR: Was passierte am Morgen des 26. Dezembers 2014?

Tamilarasi: Mein Sohn spielte draußen vor dem Haus, da kamen einige Jungs vom Strand angerannt und schrien. Er drehte sich um, sah die Welle und rannte zu mir. Ich wusch Wäsche vor der Tür und schaffte es gerade noch rechtzeitig auf die Dachterrasse im ersten Stock. Etwa 50 Leute retteten sich hierher. Eine knappe Stunde lang verwüstete das Wasser alles um uns herum. Als es abgezogen war, lagen überall Tote. Die Kinder, die draußen gespielt haben – alle tot. Es war furchtbar! Mein Erdgeschoss stand knietief unter Wasser und Schlamm, aber einige Lebensmittel aus meinem Laden waren noch in Ordnung. Ich verteilte einiges an die Überlebenden, schloss mein Haus ab, dann liefen wir zum Fluss, um mit den Booten aufs Festland überzusetzen. Der Ansturm war riesig, die Boote völlig überladen. Aber zum Glück kam dabei niemand mehr ums Leben.

MISEREOR: Wie kam der Kontakt zur lokalen Partnerorganisation von MISEREOR, den DMI-Schwestern (Daughters of Mary Immaculate; Töchter der Maria Immaculata, Anm. d. Red.), zustande?

Soziale Arbeit des katholischen DMI-Ordens (Daughters of Mary Immaculate) in Nagapattinam, Tamil Nadu

Tamilarasi betreibt heute wieder eine Mühle für Reis und andere Getreidesorten.

Tamilarasi: Ich lernte die Schwestern in der staatlichen Notunterkunft kennen. Sie sprachen mit den Leuten und boten ihre Hilfe an. Als ich nach 15 Tagen zurück zu meinem Haus ging, war es aufgebrochen und geplündert. Das schockierte mich sehr, denn ich hatte den Leuten ja schon einen großen Teil meiner Lebensmittel geschenkt. Außerdem hatte sich die Armee bei mir niedergelassen, aber das freute mich, denn sie half uns ja bei den Aufräumarbeiten. Nach drei Monaten konnte ich zurück in mein Haus. Ich habe viel verloren – mein ganzes Geschäft – aber immerhin ist mein Haus stehengeblieben. Die DMI-Schwestern erklärten uns ihre Projekte. Wir Frauen im Dorf gründeten eine Selbsthilfegruppe mit Sparklub und so erhielt ich eine gebrauchte Reismühle, mit der ich mein neues Kleinunternehmen startete.

MISEREOR: Wie ist ihre aktuelle Situation?

Tamilarasi: Dank der Hilfe der DMI-Schwestern habe ich zwei Mikrokredite erhalten, mit denen ich weitere Reismühlen kaufen konnte. Die Kredite sind abbezahlt. Ich besitze fünf elektrische Maschinen, die ich inzwischen selbst bediene. Meine Adoptivtochter lebt bei Verwandten, ich bezahle ihr die private Oberschule. Mein Sohn ist inzwischen 22 und hat seinen Abschluss zum Maschinenbauingenieur gemacht. Er hilft mir bei der Arbeit, wenn er Zeit hat. Seit 2008 ist mein Unternehmen offiziell registriert, ich zahle Versicherungen, Steuern und den Stromtarif für Unternehmer. Das macht mich sehr stolz. Ich hatte fast alles verloren, aber durch die Unterstützung von DMI bin ich eine eigenständige, selbstbewusste Geschäftsfrau geworden.

MISEREOR: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Tamilarasi: Ich sorge mich nur um meinen Sohn. Er soll seine Ausbildung fortsetzen, einen guten Beruf bekommen, erfolgreich sein, eine Familie gründen. Ich habe viel Geld in seine Ausbildung an einer privaten Universität investiert und solange ich lebe, werde ich ihn unterstützen. Ich hoffe, dass er auf dem rechten Weg bleibt.

[1] An der Südostküste Indiens haben die Menschen in der Regel keinen Nachnamen.

Das Interview führte Constanze Bandowski, freie Journalistin, im Auftrag für MISEREOR.

Autor:

Gast-Autoren im MISEREOR-Blog.

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