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10 Jahre Tsunami: Wie beim Jüngsten Gericht

Ein dreidimensionales Bild von der Welle und den flüchtenden Menschen am Strand im Museum Tsunami Aceh, Indonesien ©Kopp/MISEREOR

Ein dreidimensionales Bild von der Welle und den flüchtenden Menschen am Strand im Museum Tsunami Aceh, Indonesien ©Kopp/MISEREOR

In Banda Aceh ist zehn Jahre nach dem Tsunami Normalität eingekehrt. Das Trauma bleibt.

Es ist der Versuch, das Unvorstellbare darzustellen. Dazu führt ein schmaler Gang abwärts in fast völlige Finsternis. An der Decke lässt ein Spalt einen winzigen Strahl Sonnenlicht hinein. Wassertropfen treffen uns ins Gesicht, ein klagender Gesang lässt die Szenerie noch beklemmender wirken. Ansatzweise mag man nun nachfühlen, was es für die Menschen in Banda Aceh bedeutet hat, als sie völlig überraschend von der gigantischen Tsunami-Welle erfasst wurden. Als Ende Dezember 2004 allein in Indonesien durch die Folgen des Seebebens im Indischen Ozean etwa 170.000 Menschen starben, Trümmer, Bäume, Autos, ja ganze Häuser durch die Fluten mitgerissen wurden und überall nur noch Zerstörung und Chaos war.

Bedrückende Erinnerung: Im Tsunami-Museum von Banda Aceh erinnern unzählige Namen an die Opfer des Seebebens. © Kopp/MISEREOR

Bedrückende Erinnerung: Im Tsunami-Museum von Banda Aceh erinnern unzählige Namen an die Opfer des Seebebens. ©Kopp/MISEREOR

Jener Gang in die feuchte, enge, beängstigende Dunkelheit befindet sich im Tsunami-Museum der Stadt Banda Aceh im äußersten Nordwesten des indonesischen Archipels. Ein mächtiges Gebäude voller schockierender Fotos und Erinnerungen an all die Menschen, die den Tsunami nicht überlebt haben. Nicht minder aufsehenerregend ist gleich in der Nähe das riesige Ozeanschiff „Apung“, ein 60 Meter langer und 20 Meter hoher stählerner Koloss, der als Kohlekraftwerk diente und den die Flutwelle ins Landesinnere trieb. Dort steht er nun mitten in der Stadt als Mahnmal, auf dem Touristen herumklettern und wo man sich fragt, wie der Meeresgigant bloß an diese Stelle gekommen ist.

Gewaltiges Mahnmal: Dieser Ozeandampfer wurde von den Wassermassen ins Stadtzentrum von Banda Aceh geschleudert. ©Kopp/MISEREOR

Gewaltiges Mahnmal: Dieser Ozeandampfer wurde von den Wassermassen ins Stadtzentrum von Banda Aceh geschleudert. ©Kopp/MISEREOR

Doch unbegreiflich ist hier vieles. Eine Feriensiedlung, gut vier Kilometer vom Strand entfernt, machte der Tsunami dem Erdboden gleich. Häuser, Bäume, alles verwüstet. Wenn man Sam, den Besitzer der Anlage, auf das damalige Geschehen anspricht, schießen dem gerade noch smart lächelnden 62-Jährigen die Tränen aus den Augen. Sam verlor damals seinen Bruder, seinen Vetter und seine Nichte in den Fluten. Und der Tsunami, ein Seebeben der Stärke 9,1, das vor zehn Jahren in Indien, Sri Lanka, Thailand und Indonesien insgesamt 230.000 Menschenleben forderte, 110.000 Menschen verletzte und etwa 1,7 Millionen Küstenbewohner obdachlos machte, ist immer noch bedrückend präsent im Gedächtnis von wirklich jedem, den man darauf anspricht. Häuser und Infrastruktur sind größtenteils wieder aufgebaut, die Angst, dass sich so etwas wiederholen könnte, bleibt. Auch deswegen weisen in einigen Dörfern große Fluchtwegschilder Notrouten in die umliegenden Berge aus, die Kinder üben in der Schule besonnenes Verhalten im Ernstfall.

Hoffnung auf eine gute Zukunft

Sie hielt dem Tsunami stand: Die Moschee im Hafenviertel von Banda Aceh ©Kopp/MISEREOR

Sie hielt dem Tsunami stand: Die Moschee im Hafenviertel von Banda Aceh ©Kopp/MISEREOR

Wenn man vor dem Haus von Milawati Ta steht, blickt man linkerhand auf den Turm der Moschee von Ulee Lheu, des Hafenviertels von Banda Aceh, von der nach Hereinbrechen der Tsunami-Welle nur noch eine kleine Spitze ihres rund zehn Meter hohen Minaretts zu sehen war. Milawati wurde an diesem Sonntagmorgen von der Jahrhundertkatastrophe jäh überrascht, auch wenn ihr Haus nur wenige 100 Meter vom Ozean entfernt liegt. „Ich dachte, der Tag des Jüngsten Gerichts sei gekommen“, berichtet sie. Die Frau, ihr Ehemann und ihre drei Kinder wurden von den Wassermassen mitgerissen. Mit Glück fand die heute 45-Jährige Halt an einer vorbeigeschwemmten Matratze, später an einem Stück Holz, und nach langen quälenden Minuten in dem reißenden Wasserstrom, der sich in großem Tempo seinen Weg durch die Straßen der Stadt bahnte, konnte sie sich in ein zweistöckiges Haus retten.

Was nun passierte, wurde für die Frau zu einem Trauma, das sie bis heute nicht wirklich überwunden hat. Vom Rest ihrer Familie verlor sich jede Spur, es folgten Stunden entsetzlicher Ungewissheit. Bis ihre Tochter wieder auftauchte und sie ihren Mann bei den Schwiegereltern in einem benachbarten Stadtteil wiedertraf. Er hatte sich letztlich am Dach der Moschee festhalten können. Wo ihre beiden Söhne starben, weiß Milawati bis heute nicht. Wochenlang hat sie sie in der näheren und weiteren Umgebung gesucht, überall nach ihnen gefragt. „Wie Bergsteiger sind wir über die Trümmer geklettert, haben Schlamm und Gerümpel durchforstet – doch alles war vergeblich.“

Rückkehr zur Normalität: In dieser Siedlung wurden zahlreiche Häuser mit Hilfe von MISEREOR wieder aufgebaut. © Kopp/MISEREOR

Rückkehr zur Normalität: In dieser Siedlung wurden zahlreiche Häuser mit Hilfe von MISEREOR wieder aufgebaut. © Kopp/MISEREOR

In diesen schweren Tagen lernte Milawati Wardah Hafidz kennen, die Koordinatorin der indonesischen MISEREOR-Partnerorganisation Uplink, die direkt auf viele Tsunami-Betroffene zuging und sie fragte, wie sie ihnen helfen könne. Milawati erinnert sich voller Dankbarkeit an diesen Moment, und wie die Uplink-Leute schnell, planvoll und effizient tätig wurden. Mit ihrer Unterstützung erhielten sie und ihre Familie die Möglichkeit des Neubaus eines 36 Quadratmeter großen Hauses, das auf Stelzen steht, aus Stahlbeton und mit doppelter Wandstärke errichtet wurde und damit widerstandsfähiger gegen künftige Erdbeben und Flutwellen sein soll. Mit dem Haus kehrte auch die Hoffnung auf eine gute Zukunft wieder zurück, Milawati bekam noch einmal ein Kind, das mittlerweile vier Jahre alt ist; Muriana, die ältere Tochter Milawatis, steht kurz vor der Geburt ihres zweiten Kindes und arbeitet als Lehrerin. Das Gebäude wurde mittlerweile erweitert und bietet der Familie ein schönes Zuhause.

Wiederaufbau von 3.800 Häusern

Rettungsweg: In vielen Orten weisen Schilder Not-Routen für den fall eines erneuten Seebebens aus. ©Kopp/MISEREOR

Rettungsweg: In vielen Orten weisen Schilder Not-Routen für den fall eines erneuten Seebebens aus. ©Kopp/MISEREOR

Bis zum Jahr 2007 hat Uplink mit finanzieller Hilfe von MISEREOR in Indonesien den Wiederaufbau von 3.800 Häusern koordiniert. Yuli Kusworo und Andrea Fitrianto sind zwei ehemalige Mitarbeiter von Uplink, die schon wenige Tage nach dem Tsunami in Banda Aceh eintrafen, um Kontakt zu Betroffenen aufzunehmen, ihre Nöte und Bedürfnisse zu analysieren und rasche Hilfsmaßnahmen einzuleiten. „Es bot sich uns ein unbeschreibliches Durcheinander“, formuliert Yuli seine ersten Eindrücke. „Die erste Nacht habe ich im Zelt geschlafen, und als ich am nächsten Morgen aufgestanden bin, lagen um mein Zelt herum 17 Leichen. Daran musste ich mich erst einmal gewöhnen.“ Tagelang half er mit, Tote zu bergen, sowie Schutt und Trümmer, die sich bis zu zehn Meter aufgetürmt hatten, wegzuräumen. Langsam gelang es ihm, das Vertrauen der Tsunami-Opfer zu gewinnen, ein Gefühl für ihre Bedürfnisse, Nöte und Ängste. Kompliziert wurde die Lage durch den zu dieser Zeit noch schwelenden Konflikt zwischen der militanten Separatistenorganisation Gerakan Aceh Merdeka (GAM) und der indonesischen Regierung. Trotz der Mega-Katastrophe Tsunami wurde es den internationalen Helfern von den Behörden zunächst erschwert, in Gebieten tätig zu werden, die als Hochburgen der Rebellen galten. Die Uplink-Mitarbeiter haben sich darüber meist hinweggesetzt und waren so in manchen Wohngebieten über einen längeren Zeitraum die einzige Hilfsorganisation, die trotz der bewaffneten GAM-Präsenz unbürokratisch tätig wurde.

„Dafür sind wir Uplink bis heute dankbar“, sagt Ridban Husin, den wir in seinem wieder aufgebauten Haus besuchen. Er traf die Uplink-Leute im Flüchtlingslager, wo sie ihm unbürokratische Hilfe anboten. Sie unterstützten ihn dabei, auf den alten Fundamenten wieder sein Zuhause zu errichten. Ein paar Tage zuvor hatte es in der Nachbarschaft noch Schießereien gegeben, es herrschte ein Klima permanenter Unsicherheit. Heute sind alle froh, dass sich die Konfliktparteien angesichts des Tsunamis zu einem Friedensschluss durchrangen, der 2005 das Ende des seit 1976 laufenden Bürgerkriegs in Banda Aceh besiegelte. Ganz friedlich ist es freilich nicht geworden: Immer wieder kommt es punktuell zu Gewalt bis hin zu Brandstiftung und Mord.

Erinnerung an Frau, Kinder und Enkel: Ridban Husin hat zu ihren Ehren mehrere Grabsteine in seinem Garten aufgestellt. ©Kopp/MISEREOR

Erinnerung an Frau, Kinder und Enkel: Ridban Husin hat zu ihren Ehren mehrere Grabsteine in seinem Garten aufgestellt. ©Kopp/MISEREOR

Ridbans Vorgarten ist von einer Reihe Grabsteinen geprägt, er verlor seine Frau, drei Kinder und einen Enkel, die er nicht beerdigen konnte, weil ihre Leichen nicht gefunden wurden. So erinnern nur die Steine vor seinem Haus an die Toten. Zwei Kinder und ein Enkel überlebten. Sein Dorf Lam Rukam am Rande von Banda Aceh zählte vor dem Tsunami etwa 250 Einwohner, nur 65 konnten nach dem Seebeben ihr Leben retten. Die meisten Toten waren Frauen und Kinder, denn sie befanden sich überwiegend zu Hause, als der Tsunami kam, während die Männer meist außerhalb der eigenen vier Wände einer Arbeit nachgingen. So war es auch bei Ridban, der gerade auf einem Markt Obst und Gemüse verkaufte, als die große Flutwelle kam, die er noch sah, aber der er auch entkommen konnte. Er verlor sein gesamtes Hab und Gut, Ausweispapiere, Briefe, Fotos, Erinnerungen. Sein hauseigener Brunnen war versalzen, seine Gemüsefelder nicht mehr nutzbar. „Zwei Monate haben wir gebraucht, um uns einigermaßen von dem Schock zu erholen und wieder handlungsfähig zu werden“, berichtet der 65-Jährige. Uplink half ihm auch, seinen Handel wieder aufzubauen. Langsam kehrte der gewöhnliche Alltag so wieder zurück.

Für Baharruddin, den Dorfführer von Lam Tengoh, war das ganz besonders schwierig. Er verlor seine gesamte Familie, blieb als einziger übrig. Das hinterließ Wunden, die vielleicht niemals heilen werden. Und doch ist es dann irgendwie weitergegangen. Heute hat Baharrudin mit Rozma Wardhani wieder eine Frau und mit Ikram auch einen kleinen Sohn. „Ich schaue nach vorne und will mich nicht zu sehr mit der Vergangenheit beschäftigen.“ Er hat wieder sein Glück gefunden. Das Tsunami-Trauma aber bleibt.

Ein Beitrag über die Wiederaufbauarbeit von MISEREOR nach dem Tsunami 2004.

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Autor:

Ralph Allgaier

Ralph Allgaier arbeitet als Pressesprecher bei MISEREOR.

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