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Auf den Spuren der Guaranís…

Fast vier Monate ist es her, seit ich in Buenos Aires gelandet bin und das Gefühl hatte, nicht in Südamerika, sondern lediglich in einer weiteren europäischen Hauptstadt zu sein. Der Norden Argentiniens hat mich inzwischen definitiv vom Gegenteil überzeugt! Hier hat der Einfluss der indigenen Völker Qom, Pilagá, Wichí und Guaraní dafür gesorgt, dass Argentinien kulturell gesehen mehr als eine europäische Exlave ist.

In der Provinz Corrientes wurde die Kultur stark von den Guaranís geprägt, was nicht nur in traditionellen Gerichten und zahlreichen Mythen, sondern auch in den Wertvorstellungen zu merken ist.  

Zum Hintergrund der Guaranís

area de presencia guaranitica

Heutiges Gebiet der Guarani

Die Guaranís sind heute im Nordosten Argentiniens, in Paraguay, in Teilen Brasiliens, Boliviens und Uruguay angesiedelt. Nach offiziellen Angaben zählten im Jahr 2005 knapp 100’000 Menschen zum Volk der Guaranís, während die Sprache von rund acht Millionen Menschen gesprochen wird; vor allem in Paraguay, wo Guaraní zweite Amtssprache ist. Die Guaranís sind eine der ersten präkolumbischen Völker, die direkten Kontakt mit den spanischen Eroberern hatte: Zum einen in den Jesuitenreduktion, wo die Guaranís unter der Leitung von Jesuitenprieser lebten, zum anderen gab es vor allem in Paraguay konkrete Anweisungen, die zum raschen Vermischen der guaranischen und der europäischen Bevölkerung führten. Beide Effekte führten dazu, dass die Guaranís einen wichtigen Einfluss auf die Kultur der gesamten Region hatten.

Unendlich viele gute Gründe, die Siesta einzuhalten…

„Was die westliche Gesellschaft abschätzig als Aberglaube bezeichnet, hat in anderen Kulturen die Bedeutung eines siebten Sinnes, der überlebenswichtig sein kann!“, mit ähnlichen Worten bereitete Max Engels uns Freiwillige im Seminar für interkulturelle Kommunikation auf die Rolle von Mythen im Ausland vor. Auch die Guaranís nutzten Mythen, um gewisse Verhaltensregeln aufzustellen, die vor Gefahren schützen und ein geordnetes Zusammenleben zwischen Mensch und Natur gewährleisten sollen. Seit Beginn meines Aufenthaltes bekomme ich immer wieder guaranitische Mythen zu hören. Auf dem Land sind die berühmten Wesen „Yasy Yatere“, „Pombero“ und „Kurupy“ angeblich heute noch unterwegs und liefern Anlass für Erzählungen und Vermutungen..

Yasy Yatere- mit magischem Stab und leerem Blick

Yasy Yatere – mit magischem Stab und leerem Blick

Der Yasy Yatere wird als nackter Junge oder Zwerg mit goldenem Haar und Bart beschrieben. Er trägt einen Strohhut und einen goldenen Stab, der ihm magische Kräfte verleiht. Anscheinend ist er unsichtbar und hat umgekehrte Füße, sodass seine Spuren vermeintlich vom Dorf wegführen, wenn er sich nähert. „Yasy-Yateré el que se oye pero no se ve“, er ist der, den man hört, aber nicht sieht: der Yasy Yatere erscheint während der Siesta und lockt die Kinder mit einer hypnotisierenden Vogelmelodie, um sie danach zu entführen. Man sagt, er lecke den Kindern die Stirn, um ihnen das Weihwasser abzuwaschen. Die Kinder sind nach ihrer Gefangenschaft taubstumm, leiden unter Epilepsie oder psychischen Folgen. Für die Mütter war und ist der Mythos vom Yasy Yatere vor allem ein Mittel, um die Kinder davon abzuhalten, in der Siesta alleine aus dem Haus zu gehen und sie vor unzurechenbaren Gefahren, wie der extremen Hitze oder giftigen Schlangen-und Spinnenarten zu schützen.

Der Pombero als Wandgemälde im Zentrum von Corrientes

Der Pombero als Wandgemälde im Zentrum von Corrientes

Der Pombero hat die Gestalt eines kleinen, dunkelhäutigen Mannes mit üppiger Körperbehaarung und kündigt sich mit einem hohen Pfiff an. Er hat die Fähigkeit, sich in Tiere oder Pflanzen zu verwandeln und wacht so über das Tun der Menschen. Der Pombero kann Freund oder Feind sein: durch nächtliche Opfergaben wie Aguardiente, Rohrschnaps oder Honig lässt der Pombero die Saat schneller wachsen und macht das Vieh fett. Er wird jedoch zornig, wenn man mehr jagt oder fischt, wie man zum Leben braucht oder mehr Bäume fällt als nötig. Zur Rache nutzt er seine Verwandlungskraft und führt den Täter tief in den Wald, bis dieser sich verirrt. In diesem Mythos steckt ein Grundprinzip vieler indigener Kulturen, wonach man von der Natur nur das Nötige nehmen soll; nichts soll verschwendet oder zur Bereicherung genutzt werden.

Kurupy-Skulptur aus Paraguay

Kurupy-Skulptur aus Paraguay

Der Kurupy wird ebenfalls als kleiner, dunkelhäutiger Mann beschrieben. Was ihn aber vom Pombero unterscheidet, ist sein übergroßer Penis. Diesen hat er wie einen Gürtel um seine Taille geschlungen und kann mit ihm laut Jesuitenbruder José de Anchieta Frauen aus der Ferne schwängern. Er lauert ihnen zur Zeit der Siesta im Wald oder auf dem Feld auf und hält sie teilweise über Monate hinweg gefangen. Der Mythos entspringt angeblich der Zeit, in der sich die strengen, christlichen Moralvorstellungen mit der guaranitischen Kultur vermischten: Frauen wurden so davon abgehalten, alleine unterwegs zu sein und Mütter hielten ihre Kinder von vaterlosen Kindern fern – in der Vermutung es könnte sich um Nachfahren des Kurupis handeln.

Im Internet und in den Zeitungen erscheinen immer wieder Artikel, die das Verschwinden und Wiederauftauchen von Frauen und Kindern auf diese Gestalten zurückführen. Und auch in der Stadt ist es ratsam, sich an die heilige Siesta zu halten, jedoch nicht aus Angst vor dem Kurupy, sondern vielmehr, weil die leergefegten Straßen in der Mittagshitze fast so unsicher sind wie nachts…

Fastfood auf guaraní

Die ersten selbstgebackenen Chipás!

Die ersten selbstgebackenen Chipás!

„Chipá! Chipacitos! Chipá!“: Mit lautem Rufen machen die Straßenverkäufer überall in Corrientes auf ihre leckere Ware aufmerksam. Die Guaraní-Kultur hat der Region nicht nur düstere Mythen, sondern auch sein berühmtes Straßenessen vermacht: Chipacitos! Dieses Gebäck aus Yuccamehl, Eier, Milch, Butter und sehr, sehr viel Käse entspricht ungefähr dem Konzept der deutschen Butterbrezel und ist immer und überall zu kaufen. Überlieferungen nach liegt der Ursprung dieses Snacks in den Jesuitenreduktionen: dort mischte sich die guarinitische Backkunst, die auf Yuccamehl basiert, mit den neuen Zutaten Butter und Käse, welche die Europäer mit Einführung der Viehhaltung mitbrachten. Daraus hat sich eine Vielzahl von Chipavariationen entwickelt: Chipa M’boca, Chipa M’beyu, Chipa Guazu – alle sehr fein! Als mir beim ersten Mal Chipá-Backen klar wurde, was in diesem Happen drin steckt, habe ich mir erst einmal eine Woche Chipa-Verzicht verhängt..zum Glück ging die Woche schnell vorbei 🙂

„Somos dueño del tiempo“- Wir sind Herr unserer Zeit

Vor allem in den ländlichen Gegenden der Provinz, wo INCUPO tätig ist, spiegelt sich der Einfluss der guaranitischen Kultur auch im Lebensryhthmus und den Wertvorstellungen der Correntiner wieder. Die Guaranis haben der Natur stets nur das entnommen, was sie zum Leben brauchten und darüber hinaus keinen Reichtum durch Handel mit anderen Völkern verfolgt. Außerdem führten sie ein Leben in der Stammesgemeinschaft, wodurch sie es gewohnt waren, Arbeitskraft und Nahrung untereinander zu teilen.

Für die Menschen hier ist es in erster Linie erstrebenswert, soviel Zeit wie möglich mit Familie und Freunden zu verbringen – oder besser gesagt – zu teilen. Teilen hat einen sehr hohen Stellenwert. Zum Beispiel teilt man täglich den Mate miteinander, ebenfalls eine Tradition der Guaranis. Doch auch alle Geburtstage, zu denen ich bisher eingeladen war, funktionierten „a la canasta“, das heißt, jeder bereitet etwas vor und es wird geteilt. Kein Grund in Stress und Hektik zu verfallen für den Gastgeber.

Frauen aus Itati verkaufen hausgemachte Lekcereien auf dem Markt in Corrientes

Frauen aus Itati verkaufen hausgemachte Leckereien auf dem Markt in Corrientes

In der Arbeit mit den Bauern merkt man, dass sie kein Vermögen verdienen wollen, denn das Arbeiten an sich, hat wie in der guaranitischen Kultur nur die Funktion, ein „gutes Leben“ zu  ermöglichen. Das wird vielleicht deutlicher an folgendem Beispiel: wenn hier der Arbeitgeber 5 Pesos mehr pro Stunde zahlt, werden die Arbeiter pro Woche weniger Stunden arbeiten, weil sie in weniger Stunden ihren nötigen Lohn erreichen. Ich glaube, in Europa würde ein höherer Stundenlohn viele dazu anregen, mehr oder zumindest gleich viel wie vorher zu arbeiten – die Überlegung, durch einen höheren Stundenlohn weniger zu arbeiten, erscheint mir zumindest nicht sehr naheliegend.

Eine andere Besonderheit ist auch, das im Gegensatz zum deutschen Sprichwort „was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen“ hier eher gilt, „später ist auch noch dafür Zeit“. Damit hängt zum Beispiel zusammen, dass man Probleme nicht oder nur indirekt anspricht. Man möchte den anderen zum Nachdenken anregen und lässt ihm Zeit, darüber zu reflektieren und es zu ändern – oder vielleicht hat man sich selbst geirrt und das Handeln war korrekt. Diese friedfertige, tolerante Haltung ist auch in der Wirtschaft zu sehen. Für die Bauern sind die „Ferias Francas“, die lokalen Wochenmärkte, eine wichtige Vertriebsform, da es hier keinen Wettbewerb gibt. Alle verkaufen zum selben Preis, wodurch der Konflikt mit Nachbarn und Freunden vermieden wird, denn das wäre das Geld nicht Wert.

Autor:

Meine Name ist Claudia, ich bin 23 und komme aus dem schönen Nöggenschwiel im Südschwarzwald. Meinen Freiwilligendienst verbringe ich im Nordosten von Argentinien bei der Organisation IN.CU.PO. Die Organisation unterstützt Kleinbauern und indigene Gruppen dabei, ihren Grundbesitz zu verteidigen und bietet ihnen Bildungsangebote. Im Juni diesen Jahres habe ich mein Studium in internationaler BWL abgeschlossen und freue mich jetzt schon sehr auf Argentinien, auf die vielseitige Kultur und vor allem auf die Zusammenarbeit mit den Menschen vor Ort!

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo Fabian,
    Vielen Dank für deinen Kommentar! Auch ich habe in meinen BWL-Vorlesungen einen anderen Ansatz zur Bestimmung des Marktpreises kennengelernt und weiss, dass die Methode der Wochenmärkte eher an sozialistische Praktiken erinnert. Mir ging es in dem Artikel deshalb auch vielmehr darum, eine mögliche Erklärung für diese für uns so atypische Vorgehensweise zu geben ohne sie mit meiner europäischen Denkweise zu bewerten.
    Abgesehen von den kulturellen Hintergründen geht es INCUPO mit diesem “fairen Preis” ja aber nicht nur darum, dass ein gewisser Mindestpreis gewahrt wird. Es geht ausserdem darum, dass ein Preisanstieg wie z.B. beim Bio-Hype in Deutschland vermieden wird, das heisst dass die Ware auf den Märkten wegen plötzlich wachsender Nachfrage teurer wird und so die lokalen Produkte zum Privileg der wohlhabenden Bevölkerung werden. Dieser Preisanstieg wäre die direkte Folge der Gewinnmaximierung. Die Solidarität besteht also auch darin, den Kunden mit niedrigem Einkommen den Einkauf der qualitativen Produkte weiterhin zu ermöglichen.
    Man darf meiner Meinung nach in dieser Diskussion auch nicht vergessen, dass im argentinischen Agrarsektor der kapitalistische Ansatz in Form der Agrarindustrie mit grossflächigen Monokulturen und Gentechnik und die sozialwirtschaftliche Einstellung der Kleinbauern direkt aufeianderprellen. Die negativen ökonomischen sowie sozialen Auswirkungen der Agroindustrie auf die Gesellschaft sind wohl kaum zu bestreiten- wie also ihre Funktionsweise und ihre Grundsätze auch in den Wochenmärkten aufnehmen?
    Es fällt mir persönlich auch schwer zu glauben, dass der bisherige Ansatz der Wochenmärkte langfristig funktionieren kann. Ich bezweifle aber auch, dass die konventionelle Wirtschaftslehre das Dilemma der Wochenmärkte lösen kann, welches darin besteht sowohl gesunde Produkte für alle zu liefern und gleichzeitig genug Gewinnmarge zu erzielen um eine ökologische Produktion finanzieren zu können. Es muss eine Lösung dazwischen geben.
    Bisher ist es im System der Wochenmärkte notwendig, dass jeder Händler sich fragt, welchen Preis er ansetzen muss um die Produktionskosten und darüber hinaus eine “solidarische” Marge zu decken, die nicht unbedingt der grösstmöglichsten Marge entspricht. Für uns, die wir vom westlichen Wirtschaftsraum geprägt sind, ist dieses Vorgehen nur schwer nachvollziehbar.

  2. Hallo Claudia,

    schöner Artikel, der auch mich nochmal dazu anregt über viel Erlebtes in Santiago del Estero nachzudenken und aus Deiner – wie ich empfinde positiveren – Sichtweise zu betrachten! Das ist mir so nicht immer gelungen. Beispielsweise sehe ich die gemeinsame Absprache über Preise auf Wochenmärkten sehr kritisch! Wie wird ein vermeintlich ‚fairer Preis‘ ohne das Ziel der Gewinnmaximierung bestimmt? Gibt es überhaupt einen fairen Preis für zwei unterschiedliche Produkte? Aus volkswirtschaftlicher Sicht kippe ich da, wie Nicole so schön sagt, auch aus den Latschen. Aber ohne darauf weiter einzugehen: Warum sollte ein gesunder Wettbewerb dazu führen, dass Konflikte zwischen den Familien entstehen? Die sogenannte ‚economía social y solidaria‘, die INCUPO vorantreiben möchte, ist meiner Meinung nach erst dann sozial und solidarisch, wenn die Teilnehmer eben gerade lernen, mit einem gesunden Wettbewerb umzugehen!

    Trotz meiner kritischen Anmerkung vielen Dank für den schönen Artikel und weiterhin eine gute Zeit!

  3. Liebe Claudia,

    vielen Dank für diesen tollen Artikel. Ich habe gerade in meiner Mittagspause echt viel gelernt. Sehr interessant, diese Sagen. Und von wegen alles spinnertes Zeugs. Da steckt viel Überlegung hinter. Ich befürchte zwar, dass sich in unserer Kultur nicht viel von dem „Miteinander“, von dem du berichtet hast, durchsetzen wird. Aber wir könnten uns davon wirklich eine Scheibe abschneiden. Obwohl ich schon auch das Gefühl haben, dass sich in unserer Gesellschaft in den letzten Jahren immer mehr Menschen damit identifizieren können, dass man nur einmal lebt und Geld wahrlich nicht alles ist … Wer weiß.

    Liebe Grüße aus Aachen, Uta

  4. Oh, wie viel wir nur von anderen Kulturen und Ländern lernen können!
    Besonders die Geschichte des Pombero finde ich toll: nur das Nötige von der Natur nehmen und nichts verschwenden. Noch ist Theorie des Wirtschaftswachstums ja noch weit verbreitet, aber das wird sich ändern. Da bin ich mir sicher!
    Deinen Eintrag sollten sich eh mal einige BWL‘ler durchlesen. Wenn ich meinen BWL-Dozenten erzähle, dass es Menschen gibt, die auf dem Markt nicht auf Gewinnmaximierung aus sind, kippen die bestimmt aus den Latschen 🙂

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