Suche
Suche Menü

Kinotour: 10 Milliarden – Wie werden wir alle satt?

Wie können wir eine Weltbevölkerung von 10 Milliarden Menschen ernähren, wenn schon jetzt ein Drittel unseres Getreides an Tiere verfüttert wird? Wie können wir uns gesund ernähren, wenn das Fleisch in Zukunft aus dem Reagenzglas kommt? In seinem Film „10 Milliarden – Wie werden wir alle satt?“ geht der Filmemacher Valentin Thurn diesen Fragen nach. Jetzt hatte die Dokumentation NRW-Premiere in Köln.

10_Milliarden_reis

© Prokino Filmverleih GmbH

Kusum Misra steht mit einer Gruppe Männern vor dem Reisfeld eines indischen Bauern, ihre Augen über den Rand ihrer Sonnenbrille Richtung Boden gerichtet. „Wie lange stand das Wasser auf deinem Feld?“, fragt sie ihn. In nur fünf Tagen hat Starkregen die Hälfte der Reispflanzen vernichtet: Fast mittig spaltet sich das Feld in saftig grüne auf der einen und platte, geldbefärbte Pflanzen auf der anderen Seite. Rechts zerstörter Hybridreis, links eine traditionelle Reissorte, die dem Wasser standgehalten hat. Kusum Misra zeigt auf das Feld und ist überzeugt: Mit dem Hybridreis der westlichen Agrarkonzerne kam nicht die „Grüne Revolution“ nach Indien, sondern Abhängigkeit und Verschuldung der Bauern. „Die Saat soll den Bauern gehören, nicht den Unternehmen. Wenn sich die Bauern darauf einlassen, sind sie Gefangene der Konzerne. Doch die Menschen verstehen erst, wenn sie leiden,“ sagt sie. Daher hat sie über 500 verschiedene traditionelle Reissorten in ihrer Samenbank in Balasore gesammelt, in schwarzen Tonkrügen aufbewahrt und den Bauern zur Aussaat zur Verfügung gestellt.


 „Die Saat soll den Bauern gehören, nicht den Unternehmen. Wenn sich die Bauern darauf einlassen, sind sie Gefangene der Konzerne. Doch die Menschen verstehen erst, wenn sie leiden.“
Kusum Misra, Leiterin einer Samenbank, Indien.


Valentin Thurns Frage, wie wir uns in Zukunft ernähren, führt ihn jedoch nicht nur zu Kusum Misra nach Indien. Er reist auch auf eine Soja-Plantage in Mosambik, wo Kleinbauern von Großkonzernen skrupellos enteignet werden und spricht in Milwaukee mit dem ehemaligen Basketballprofi Will Allen, der mithilfe von Aquapoonik-Systemen – einem Nährstoffkreislauf aus Fisch- und Pflanzenzucht – frisches Gemüse für die Armen der Stadt erschwinglich macht. Thurn besucht Bio-Höfe in Deutschland und wirft einen Blick auf das erste, im Reagenzglas gezüchtete Hamburgerfleisch. Nüchtern zeigt er in seiner Dokumentation auf, wie in der indischen Geflügelfabrik Suguna Chicken rund sieben Millionen Hühnchen pro Woche am Fließband „produziert“ werden. „Noch essen viele Inder nach wie vor vegetarisch“, erklärt der Vorstandsvorsitzende Bangaruswami Soundararajan im rosa Kittel. Er steht inmitten der Fließbänder und strahlt in die Kamera. „Doch wir wachsen täglich. Und ich hoffe, das setzt sich fort“. Und Thurn wirft einen Blick in die futuristisch anmutende Pflanzenfabrik SPREAD in Kyoto, wo Gemüse fein säuberlich in meterhohen Regalen inmitten der Großstadt gezüchtet werden – Erde und Sonnenlicht gelten hier als unkontrollierbare Risiken.

10_Milliarden_Huehnchen

© Prokino Filmverleih GmbH

© Prokino Filmverleih GmbH

© Prokino Filmverleih GmbH

„Der Film soll Veränderung auslösen“, betonte NRW-Landwirtschafts- und Umweltminister Johannes Remmel zur Landespremiere des Films in Köln. „Wir haben heute eine landwirtschaftliche Fläche, die zwölf Milliarden Menschen ernähren könnte, aber noch immer müssen fast eine Milliarde hungern. Dieses System hat keine Zukunft“. Dass dabei die industrielle Großproduktion, die Macht weniger globaler Großkonzerne und genetisch veränderte Pflanzensorten nicht das Allheilmittel sein können, macht Thurn anhand inspirierender Beispiele verschiedenster lokaler Alternativen in der Dokumentation deutlich. Und ebenso, dass es vor allem dem Überdenken des eigenen Lebensmittelkonsums bedarf. Bei seinen umfassenden Recherchen half Valentin Thurn unter anderem der Journalist Günther Wallraff, der ebenfalls zur Premiere in Köln erschienen war.

Weitere Informationen zur Dokumentation „10 Milliarden – Wie werden wir alle satt?“ gibt es auf der Homepage zum Film


MISEREORs Engagement zum Thema „Gutes Essen – Für Alle“:

„Wir brauchen viele lokale Ernährungssysteme – überall auf der Welt“, betont Will Allen, Aktivist aus Milwaukee, in dem Thurn- Film „10 Milliarden – Wie werden wir alle satt?“

Genau dafür setzt sich MISEREOR ein.

MISEREOR fördert zurzeit rund 600 Projekte, bei denen es vor allem um die Stärkung von kleinbäuerlicher und lokal angepasster Landwirtschaft sowie die Ernährungssouveränität in Lateinamerika, Asien und Afrika geht. Denn hier erwirtschaften Kleinbauern noch immer rund 90 Prozent der Erträge, die die Ernährung der Menschen ihrer Heimatländer sicherstellen.

MISEREOR setzt auf die Stärkung der Menschen vor Ort, auf den gemeinsamen Austausch und die Weitergabe von Wissen: Ob im Aufbau von Saatbanken, beim nachhaltigen Boden- oder Ressourcenschutz oder bei Strategien, die die Landwirte vor Ort selbst entwickelt haben.

MISEREOR ist überzeugt: Es sind auch die politischen Spielregeln, die die Kleinbauern benachteiligen. Während Einfuhrzölle in den Ländern des Südens sinken, werden Produkte aus Ländern mit hoch subventionierter Landwirtschaft dorthin exportiert – mit schwerwiegenden Folgen. So schwächt verbilligte Milch aus Europa die lokalen Märkte in Burkina Faso, auf denen Einheimische nicht mit den Preisen der EU-Produkte konkurrieren können. Und das in einem Land, das den heimischen Bedarf an Milchprodukten sehr gut selbst decken kann.

MISEREOR setzt gemeinsam mit Partnerorganisationen auf politische Lobbyarbeit in Süd und Nord, um vor allem den Interessen von Kleinbauern Gehör zu verschaffen und das Recht auf Nahrung für alle Menschen durchzusetzen. MISEREOR unterstützt den Verein Taste of Heimat dabei, Kleinbauern in Deutschland bei der Direktvermarktung ihrer Produkte zu helfen und organisiert Feldbesuche zwischen Milchviehhaltern auf Bauernhöfen und Landwirtschaftsflächen im Allgäu und in Burkina Faso.

 Praxisbeispiel: MASIPAG auf den Philippinen

Die philippinische Landwirtschaft ist auf die Förderung von Exporten ausgerichtet, so dass kleinbäuerliche Produktion für lokale Märkte lange Zeit vernachlässigt wurde. Das dortige System einer ursprünglich diversifizierten, traditionellen Landwirtschaft und die Nutzung verschiedenster Nahrungsmittelquellen wurden im Zuge der sogenannten „Grünen Revolution“ grundlegend verändert. Im Netzwerk MASIPAG sind heute über 30.000 Bauernfamilien organisiert, die ein nachhaltiges System entwickelt haben, in dem die Kontrolle über Saatgut, Dünger und den Pflanzenschutz weitestgehend bei ihnen selbst liegt. Unterstützt von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern haben sie über 750 alte Reissorten wieder aufleben lassen und über 500 neue gezüchtet – den lokalen Bedingungen ideal angepasst, produktiv und nährstoffreich.

Weitere Informationen zu MASIPAG finden Sie hier

Autor:

Rebecca Struck

Rebecca Struck arbeitet bei MISEREOR in der Presseabteilung.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


Sichherheitsüberprüfung * Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.