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MISEREOR-Unternehmerforum in Bonn: Vom Wohlergehen der Mitarbeiter

Wie die Wirtschaft über nachhaltiges Wachstum denkt.

Begrüßung durch Gabriele Kotulla von der Deutsche Telekom. Tagung des MISEREOR-Unternehmerforums am 17. April 2015 in Bonn.

Begrüßung durch Gabriele Kotulla von der Deutsche Telekom bei der Tagung des MISEREOR-Unternehmerforums am 17. April 2015 in Bonn.

Von der großen Transformation ist in letzter Zeit viel die Rede, von der Notwendigkeit eines sehr weitreichenden Umbaus unserer Industriegesellschaft, vom immer stärker werdenden Druck, die eigenen Alltagsgewohnheiten zu ändern. Alles das, damit wirklich jeder Mensch auf dieser Erde ein würdevolles Leben führen und wir gemeinsam die Herausforderungen des Klimawandels bewältigen können.

Doch wann kommt sie nun eigentlich, diese große Transformation? Ist eine radikale Veränderung unserer Gesellschaft realistisch? Und was bedeutet das für die deutsche Wirtschaft? Um diese Fragen ging es bei der jüngsten Tagung des MISEREOR-Unternehmerforums in den Räumen der Deutschen Telekom in Bonn, die sich „Nachhaltiges Wachstum“ zum Thema gestellt hatte. „Wirtschaftswachstum ist nicht per se gut oder schlecht“, sagte MISEREOR-Hauptgeschäftsführer Pirmin Spiegel zum Auftakt der von etwa 80 Unternehmerinnen und Unternehmern besuchten Veranstaltung. Doch angesichts der offenkundigen Schattenseiten einer auf Wachstum und Wettbewerb fixierten Wirtschaftsordnung müsse gefragt werden, wie ein zukunftsfähiger Weg aussehen könnte. „Wir sehen, dass Gewinne wirtschaftlichen Wachstums zusehends ungerecht verteilt sind. Derzeit besitzen die 80 reichsten Menschen so viel wie die ärmsten 3,5 Milliarden“, erläuterte Spiegel. Klar sei im Übrigen, dass die Art des Lebens und Wirtschaftens in Deutschland nicht auf den gesamten Globus übertragbar sei, wenn man nicht dessen Kollaps riskieren wolle.

Monsignore Pirmin Spiegel Hauptgeschäftsführer und Vorstandsvorsitzender des Bischöflichen Hilfswerkes Misereor. Tagung des MISEREOR-Unternehmerforums am 17. April 2015 in Bonn.

Monsignore Pirmin Spiegel, Hauptgeschäftsführer und Vorstandsvorsitzender von MISEREOR.

Das bestätigte auch der Volkswirtschaftler Michael von Hauff von der TU Kaiserslautern: „Lassen wir alles so weiterlaufen, werden wir enorme Umweltprobleme bekommen.“ Aus dieser Erkenntnis den Schluss zu ziehen, dass es in Deutschland am besten gar kein Wachstum mehr geben sollte, hält von Hauff gleichwohl für falsch. „In Bereichen wie Verkehr und Energie hat weiteres Wachstum sicher negative Folgen. Aber auf den Gebieten von Gesundheit, Sozialem oder Bildung sollten wir auf keinen Fall schrumpfen.“ Gleichzeitig könne die Bundesregierung ordnungspolitisch die Richtung hin zur Nachhaltigkeit vorgeben, etwa durch Steuererhöhungen in Sektoren, in denen Wachstum nicht erwünscht ist. Realistisch sei ein Umsteuern in kleinen Schritten, damit der Prozess gesellschaftlich auch breit akzeptiert werde. Derzeit gebe es vielfach die Angst vor zu großen Veränderungen. „Das kann ich auch gut verstehen, denn letztlich wissen wir bei vielen Optionen hin zu einer weniger wachstumsorientierten Gesellschaft nicht, wie und ob diese wirklich funktionieren. Dazu gibt es bisher nicht genügend Forschungsergebnisse“, sagte von Hauff.

Prof. Michael von Hauff von der TU Kaiserslautern während seines Vortrages über Nachhaltiges Wachstum.

Prof. Michael von Hauff von der TU Kaiserslautern während seines Vortrages über Nachhaltiges Wachstum.

„Nachhaltigkeit muss ein Grundprinzip unserer Politik sein“, ergänzte der Staatssekretär im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Friedrich Kitschelt. „Wir alle müssen uns verändern, denn Wohlstand für wenige auf Kosten aller ist ein Prinzip, das keine Zukunft hat.“ Daher könne und dürfe Wachstum kein Selbstzweck sein, sondern müsse dem Wohlstand der gesamten Erdbevölkerung dienen. Kitschelt unterstrich freilich: „Wir müssen unser Wachstum umbauen, nicht abbauen.“ Der Staatssekretär kündigte für die Bundesregierung einen „sehr substanziellen Beitrag“ bei der Erstellung der globalen Nachhaltigkeitsziele bis 2030 an. Das betreffe etwa die kraftvolle Etablierung von sozialen und ökologischen Standards in den Lieferketten deutscher Unternehmen, ebenso aber auch das Ziel, in den nächsten 15 Jahren mindestens ein Drittel mehr Frauen in Entwicklungsländern zukunftsfest auszubilden.Tagung des MISEREOR-Unternehmerforums

Dass der Wandel hin zu mehr Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit nicht ganz einfach ist, betonten zwei der anwesenden Konzernvertreter. „Wenn ich unseren Aktionären ein gutes Renditeergebnis vorlegen kann, sind diese auch bereit, mit mir über unsere Nachhaltigkeitsziele zu sprechen,“ sagte Frank Schneider, Vorstandsmitglied beim Hamburger Kupferkonzern Aurubis. Stimme das Ergebnis nicht, würden solche Diskussionen schwierig. Dennoch gebe es in seinem Unternehmen große Anstrengungen, nachhaltig und umweltfreundlich zu produzieren, man wende sich auch entschieden gegen die Verwendung von wiederverwertetem Material, das etwa in Ghana von Kindern unter großen Gesundheitsgefahren aus auch deutschem Elektroschrott herausgelöst wird. Michael Wedell, Leiter der Abteilung Politik und Außenbeziehungen beim Metro-Konzern, erklärte, es sei eine komplexe Herausforderung, zu überprüfen, ob bei den von seinem Unternehmen vermarkteten Waren alle wünschenswerten Standards eingehalten werden. „Bei 50.000 Produkten, die unter anderen unser Markt in Bonn anbietet, ist es schwer, die gesamte Lieferkette immer zu überblicken.“ Dennoch stelle sich Metro seiner „besonderen Verantwortung“. Ergebnis sei beispielsweise, dass man nicht zuletzt bei Fisch- und Fleischwaren die Herkunft über einen QR-Code via Smartphone zurückverfolgen könne.

Monsignore Pirmin Spiegel Hauptgeschäftsführer und Vorstandsvorsitzender des Bischöflichen Hilfswerkes Misereor, Staatssekretär Dr. Friedrich Kitschelt Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit.

Pirmin Spiegel, Hauptgeschäftsführer von MISEREOR und Staatssekretär Dr. Friedrich Kitschelt, Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit.

Wie schön, dass es trotz aller Schwierigkeiten Positivbeispiele gibt, die zeigen, dass auch radikale Ansätze neuen Lebens und Wirtschaftens funktionieren können. So wie es Michael Stein darstellte, Geschäftsführer Deutschland der niederländischen Desso Group, die nach dem sogenannten „Cradle to Cradle-Prinzip“ produziert. Sein Unternehmen, das hochwertige Teppichböden und -fliesen herstellt, hat es sich zum Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2020 so zu wirtschaften, dass kein Müll mehr hinterlassen wird. Mit anderen Worten: Die Produkte sind dann so beschaffen, dass sie am Ende ihrer nutzbaren Lebensdauer zerlegt werden können. Die Materialien werden anschließend wiederverwendet oder recycelt. „Auf diese Weise arbeiten wir auf lange Sicht wesentlich profitabler, und die Auswirkungen der zunehmenden Ressourcenknappheit werden uns deutlich weniger beeinflussen. Darüber hinaus erfüllen wir so die hohen Maßstäbe, die wir uns für den verantwortlichen Umgang mit der Umwelt gesetzt haben“, sagt Stein.Tagung des MISEREOR-Unternehmerforums

Angelika Zahrnt, die Ehrenvorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) kritisierte, eine wirklich überzeugende Nachhaltigkeitsstrategie sei nach wie vor keine Leitlinie der deutschen Politik. „Dabei sind wir auf Wachstum nicht existentiell angewiesen.“ Es gebe auch viele Unternehmer, die mit dem in ihren Betrieben erreichten Zielen zufrieden seien und gar nicht weiter wachsen wollten. „Damit sage ich nicht, dass Wirtschaftswachstum generell vermieden werden sollte. Aber es gibt meiner Ansicht nach auch kein Gebot, weiter zu wachsen.“ In diese Richtung argumentierte auch Thomas Korbun, Wissenschaftlicher Geschäftsführer des Instituts für Ökologische Wirtschaftsforschung in Berlin. „Unternehmerische Gewinne können auch in das Wohlergehen der Mitarbeiter, Qualitätssteigerungen und Innovationen investiert werden.“ Bei Aurubis-Vorstand Schneider stieß das auf offene Ohren: „Das entspricht auch dem Bedürfnis gerade jüngerer Mitarbeiter unseres Unternehmens. Die können wir auf Dauer nur halten, wenn wir Aspekte wie Nachhaltigkeit oder Work-Life-Balance mit berücksichtigen.“ Gabriele Kotulla, bei der Telekom mitverantwortlich für den Bereich Unternehmensverantwortung, betonte: „Nur die Unternehmen, die sich parallel zu ihrer Geschäftstätigkeit auch für die Gesellschaft engagieren, werden auf Dauer überleben.“


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Autor:

Ralph Allgaier

Ralph Allgaier arbeitet als Pressesprecher bei MISEREOR.

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