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Vom „Verschwindenlassen“ in Mexiko: Consuelo Morales Elizondo im Gespräch

Consuelo Morales Elizondo ist die Direktorin der Menschenrechtsorganisation CADHAC. 2015 erhielt sie den französisch-deutschen Menschenrechtspreis „Gilberto Bosques“ für ihr unermüdliches Engagement im nördlichen Bundesstaat Mexikos. Seit zwei Jahrzehnten setzt sich die Sozialarbeiterin und Nonne für die Familien der „Verschwundenen“ ein.

Consuelo Morales Elizondo ist die Direktorin der Menschenrechtsorganisation CADHAC

Consuelo Morales Elizondo ist die Direktorin der Menschenrechtsorganisation CADHAC

Wieviel Menschen sind in Ihrem Bundestaat verschwunden?

Im Bundesstaat Nuevo León haben wir zwischen 2009 – 20015 1290 Fälle registriert. Wir haben 134 Menschen gefunden, 65 waren noch am Leben und 69 waren tot und wurden über ihre DNA identifiziert.

In wie vielen Fällen wissen Sie, dass Sicherheitskräfte, Polizei oder Militär am „Verschwinden lassen“ beteiligt waren?

Wir haben 351 Fälle registriert, in deren Verlauf insgesamt 1290 Personen verschwunden sind. In 38% der Fälle sind staatliche Institutionen involviert. Das sind die lokale Polizei, die Bundesstaatspolizei, das Militär oder die Marine.


„Wir dürfen nicht vergessen, dass es das Hauptziel des „Verschwindenlassens“ ist, Schrecken oder Angst zu verbreiten.“


 

Wie können Sie wissen, dass staatliche Akteure an den Verbrechen beteiligt sind?

Wenn die Familien kommen, um eine vermisste Person zu melden, beschreiben sie in der Regel die letzten Minuten, wann und wo sie ihre Angehörigen gesehen haben. Wir sind uns also sicher, weil Familie oder andere Zeugen gesehen haben, dass die Personen von Beamten mitgenommen wurden.

Was macht Ihre Organisation, um die Familien der „Verschwundenen“ zu unterstützen?

Unsere Organisation arbeitet seit 1992 im Bundesstaat Nuevo León – seitdem die Gewalt in einem unermesslichen Ausmaß zugenommen hat. Als wir die ersten Fälle von „Verschwinden lassen“ gemeldet bekamen, fanden wir es besonders notwendig, uns für die verschwundenen Personen einzusetzen. Seit 2009 besteht 80% der Arbeit von CADHAC darin, Familienangehörige verschwundener Menschen zu begleiten. Zunächst machen wir die juristische Arbeit d.h. wir haben als eine direkte Beziehung zu den Behörden, um Akteneinsicht zu bekommen. Wir organisieren Treffen mit den Familienangehörigen, mit den Anwälten von CADHAC und mit der Staatsanwaltschaft, um die Fortschritte von jedem einzelnen Fall zu prüfen. Und wir entwickeln gemeinsam juristische Strategien, damit sich die gesetzlichen Grundlagen verbessern, um die einzelnen Fälle zu untersuchen. Ein anderer, sehr wichtiger Bereich ist die psychosoziale Begleitung. Wir schaffen einen Raum für die Familien, damit sie sich treffen und austauschen können.

Consuelo Morales Elizondo ist die Direktorin der Menschenrechtsorganisation CADHAC

Im Gespräch mit Consuelo Morales Elizondo, Direktorin der Menschenrechtsorganisation CADHAC, im Berliner Büro von MISEREOR.

Worunter leiden die Familien am meisten?

An erster Stelle leiden sie darunter, wie die Gesellschaft und die Behörden reagieren. Denn es wird immer gesagt, dass ihr Sohn sicherlich in irgendeine „krumme Sache“ verstrickt gewesen oder auf die schiefe Bahn geraten sei. Die Familien leiden darunter, dass sie nicht zu wissen, was geschehen ist, wie es ihren Kindern geht, ob sie Hunger haben, ob sie leben oder schon gestorben sind. Dieses Nichtwissen und diese Unsicherheit lässt sie in einer sehr schmerzhaften Situation zurück.

Was sind die Gründe, warum Menschen verschwinden?

Die Gründe sind nicht politischer, sondern ökonommischer Natur. Wir dürfen nicht vergessen, dass es das Hauptziel des „Verschwindenlassens“ ist, Schrecken oder Angst zu verbreiten. Dass die Bürger und auch die Behörden eingeschüchtert und handlungsunfähig werden. Das hat das organisierte Verbrechen zumindest im Bundesstaat Nuevo León erreicht. Die kriminellen Verbrecher kämpfen darum, ihr Territorium zu kontrollieren und ihre illegalen Geschäfte auszuweiten.

Was können Sie bewirken, damit es zu Strafverfolgung kommt?

In Nuevo León haben wir es geschafft, dass ein Protokoll für die Suche nach den Verschwundenen erstellt wurde. Es verlangt, dass eine Spezialeinheit sofort mit den Ermittlungen beginnt. 88% der zunächst als verschwunden Gemeldeten konnten wiedergefunden werden.

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Autor:

Eva Wagner

Eva Wagner arbeitet im Berliner Büro von MISEREOR.

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