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Der Lohn der Teepflücker reicht kaum zum Überleben

Anuradha Talwar (56), studierte Wirtschaftwissenschaftlerin und Sozialarbeiterin, war jahrelang Gewerkschaftspräsidentin und engagiert sich für die Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen der Pflücker auf den Teeplantagen in Westbengalen. Ihre Gewerkschaft der dortigen Landarbeiter fordert das Recht auf Nahrung, Einkommen und soziale Sicherheit. Die Zustände sind katastrophal – berichtet Anuradha Talwar. Die MISEREOR-Partnerin hat in Berlin Gespräche mit Politikern geführt, damit auch Deutschland sich für die Einhaltung der internationalen arbeitsrechtlichen Bedingungen einsetzt.

Anuradha Talwar (56), studierte Wirtschaftwissenschaftlerin und Sozialarbeiterin

Anuradha Talwar (56), studierte Wirtschaftwissenschaftlerin und Sozialarbeiterin

Anuradha Talwar, wie ist die Situation der Menschen, die auf den Teeplantagen in Westbengalen arbeiten?

Tee ist eine Hauptindustrie in Westbengalen und ist einer der größten Exportzweige. Trotzdem wird in der Branche am wenigsten bezahlt Den Arbeitern geht es schlecht. Sie bekommen 120 Rupis am Tag und können damit die Kosten ihres täglichen Bedarfes nicht decken. Die Arbeiter sollten permanent angestellt sein, aber sie sind auf Tagesbasis beschäftigt. Wenn sie arbeiten, werden sie bezahlt, wenn sie nicht arbeiten, gibt es keinen Lohn. Die Folgen: Abwanderung und Mangelernährung sind ein weit verbreitetes Problem. Das Gesundheitssystem ist sehr schlecht. Wohnraum ist ein Problem, die meisten Häuser haben keine Elektrizität. Die Trinkwasserqualität ist problematisch. Die Arbeitgeber halten keine ihrer Verpflichtungen ein. Insgesamt sind die Lebensbedingungen schrecklich.

Welche Perspektiven haben die Kinder der Teepflücker?

Den Kindern von Teeplantagenarbeitern bleibt nichts anderes übrig als selbst auf Plantagen zu arbeiten. Es gibt kaum andere Berufe, zu denen sie sich ausbilden lassen können. Kinderarbeit ist ein großes Problem sowie Mangelernährung. Studien haben gezeigt, dass viele der Kinder in den Teeplantagen unterentwickelt und untergewichtig sind. Die meisten gehen zwar zur Schule, aber erst wenn sie älter sind, denn die Schulen liegen sehr weit entfernt. Das Management der Teeplantagen sollte für einen Transport sorgen, aber das machen sie nicht.

Was können Tee importierende Länder tun?

Der Lebensstil der Leute hier in Deutschland ist nur möglich, weil die Menschen dort schlecht bezahlt werden. Im Rahmen des Systems von Lieferketten erwirtschaften einige große Profite. Ein Arbeiter selbst bekommt nur 0,16 % vom gesamten Verkaufserlös. Ein Arbeiter erhält nur 1.5 Euro von einem Quantum verarbeitetem Tee, der im Wert von 495 Euro verkauft wird.
Teefirmen hier sollten darauf bestehen, dass indische Teelieferanten ihren Arbeitern ein faires Gehalt bezahlen. Wenn man bedenkt, dass die Staaten der G7 32 % der Weltproduktion kontrollieren, dann wird klar, dass ihre Staatsführungen sich viel mehr für Arbeitsrechte und für die Armen einsetzen könnten.

Was beim Teepflücker ankommt

Was beim Teepflücker ankommt

Sie haben Gespräche mit Parlamentariern und Politikern aus den Ministerien geführt – mit welchen Hoffnungen?

Die hiesigen Teekonsumenten und Teehändler sind Teil eines ausbeuterischen Systems und sie profitieren sehr davon. Die deutsche Regierung hat eine Pflicht gegenüber den Teearbeitern in unserem Land und kann sich dafür einsetzen, dass faire Preise bezahlt werden. Deutschland hat noch einmal eine ganz besondere Rolle. Es hat den Vorsitz bei G7 und wird ihn auch wieder bei der G 20 übernehmen. Darüber bekommt es Einfluss auf die großen Handelsketten und die meisten Konsumenten weltweit. Es wird auch beim G 20-Gipfel die Möglichkeit geben, dies zu diskutieren, damit mehr Fairness in den globalen Lieferketten garantiert wird. Aber ich sehe bisher nicht, dass die deutsche Bundesregierung dieser besonderen Verantwortung beim letzten Gipfel in Elmau nachgekommen ist. Das alles hat auf mich mehr wie ein Picknick gewirkt.

Autor:

Eva Wagner

Eva Wagner arbeitet im Berliner Büro von MISEREOR.

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