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Traumatherapie für jesidische Missbrauchsopfer

Im Nordirak hat der sogenannte Islamische Staat (IS) vor rund einem Jahr tausende Jesiden aus ihren Dörfern vertrieben. Viele konnten ins Sinjar-Gebirge fliehen und verharren dort zu einem großen Teil noch heute. Vor allem junge Frauen und Mädchen wurden verschleppt und missbraucht. Wieder in Freiheit, bleiben sie mit schweren Traumata zurück. MISEREOR fördert die therapeutische und medizinische Betreuung dieser Frauen in einer gefährlichen Region.

Mit psychosozialer Therapie lernen Kinder ihre Traumata zu bewältigen. (c) 2015 Harms/Misereor

Mit psychosozialer Therapie lernen Kinder ihre Traumata zu bewältigen. (c) Harms/Misereor

Vor rund einem Jahr fielen die Kämpfer des IS in jesidische Dörfer im Nordirak ein. Dort mordeten sie in einem Umfang, den die Vereinten Nationen als „Versuch eines Völkermordes“ einstuften. Zwischen 2.000 und 3.000 Männer wurden an Ort und Stelle exekutiert. Von den 550.000 irakischen Jesiden flohen rund 400.000 vor dem Terror des Islamischen Staates.

Viele brachten sich im irakischen Sinjar-Gebirge in Sicherheit und leben seitdem in Flüchtlingslagern. MISEREOR finanzierte ab Mitte Dezember 2014 Hilfslieferungen an die Bevölkerung im Sinjar-Gebirge. Es wurden vor allem Medikamente, Babynahrung, Decken, Windeln, Öl, Mehl und Konserven in die Region um Sinone gebracht.

Sicherheitslage angespannt

Die kurdische Armee konnte zu Beginn des Jahres einige jesidische Städte und Dörfer aus den Händen des IS befreien. Die Sicherheitslage in den befreiten Gebieten ist aber noch angespannt. MISEREOR-Geschäftsführer Martin Bröckelmann-Simon machte sich im Frühjahr dieses Jahres ein eigenes Bild von der Situation vor Ort und berichtete, dass viele der ursprünglichen Häuser der jesidischen Flüchtlinge auch derzeit noch nicht bewohnbar seien:

„Die IS-Milizen verfolgen eine grausame Politik der ‚verbrannten Erde‘ und zerstören systematisch die von ihnen eingenommenen Regionen. Die Wasser- und Stromversorgung ist zusammengebrochen. Zudem wurden die Ruinen der Häuser, Wege und Felder teilweise stark vermint, so dass momentan an einen Wiederaufbau der Dörfer und Siedlungen nicht zu denken ist.“ Aus diesem Grund verharren zurzeit noch mehr als 10.000 Jesiden im Gebirge.

Die Versorgungslage in der Bergregion ist weiterhin angespannt: „In diesem Sommer wurde das Wasser zeitweise äußerst knapp, es gab sehr wenig Regen“, klagte Salah Ahmad, Leiter der irakischen Hilfsorganisation Jiyan Foundation, mit der MISEREOR seit 2007 eng zusammenarbeitet. „Zudem hatten die Menschen stark unter Temperaturen von mehr als 40 Grad zu leiden.“ MISEREOR ermöglichte daraufhin die Verteilung von 3.000 energiesparenden Kühlgeräten durch die Partnerorganisation.

Die vor dem grausamen IS-Terror ins Sinjar-Gebirge geflohenen Jesiden werden mit Hilfsgütern unterstützt. (c) Harms/Misereor

Die vor dem grausamen IS-Terror ins Sinjar-Gebirge geflohenen Jesiden werden mit Hilfsgütern unterstützt. (c) Harms/Misereor

Die umfangreiche Vertreibung von Menschen durch den IS ist laut Father Emmanuel Youkhana, Direktor des Christian Aid Program for Northern Iraq (CAPNI), eines weiteren MISEREOR-Partners, „die größte Katastrophe in der neueren Geschichte des Iraks. Nationale Behörden und Hilfsorganisationen sind mit der Bewältigung dieser Krise überfordert und benötigen dringend weitere Hilfe aus dem Ausland.“ Die Situation der Flüchtlinge sei weiterhin sehr belastend und gekennzeichnet von Zukunftsängsten.

Terror gegen Frauen

Jesidische Frauen und Mädchen sind besonders gefährdet. „Ihr Schicksal hat angesichts des gezielt gegen Frauen gerichteten Terrors eine ganz besonders dramatische Dimension“, berichtet Bröckelmann-Simon. Mehr als 5.000 Frauen und Mädchen wurden vom IS aus den jesidischen Dörfern entführt, nach Mossul verschleppt und dort als Sklavinnen gehalten. Etwa 3.000 befinden sich nach wie vor in der Gewalt der Dschihadisten, nur 2.000 konnten den Händen des IS entfliehen.

Missbrauchserfahrungen lassen diese Frauen tief verstört und verängstigt zurück. Dazu kommt oft der Verlust von Ehemännern und des gesamten sozialen Netzes. Es fehlt ein sicheres Zuhause. Nöte und Ängste ums tägliche Überleben prägen den Alltag. Diese verhindern wiederum die aktive Aufarbeitung der traumatischen Erlebnisse. „Auch die psychische Infrastruktur der Menschen wurde von den IS-Milizen vernichtet“, sagte Bröckelmann-Simon.

Neben Soforthilfe zur Deckung der wichtigsten Bedürfnisse von Flüchtlingen fördert MISEREOR im Nordirak daher vor allem Projekte der psycho-therapeutischen Traumabehandlung für Opfer von schweren Menschrechtsverletzungen. Den Opfern von Vergewaltigung, physischem oder emotionalem Missbrauch, Genitalverstümmelung, Todesdrohungen, Zwangsprostitution und sonstigen Kriegstraumata bietet die Jiyan Foundation for Human Rights eine geschützte Umgebung.

Jiyan ist das kurdische für Wort für „Leben“. Seit 2005 unterstützt die irakische Menschenrechtsorganisation Opfer von Gewalt und Folter. Im von MISEREOR geförderten Projekt hilft ein interdisziplinär ausgerichtetes und ausschließlich weibliches Team jährlich bis zu 1.000 Frauen kostenfrei bei psychosozialer Traumabewältigung in Selbsthilfegruppen, individueller Psychotherapie und Familientherapie. Darüber hinaus werden genderspezifische medizinische Betreuung und rechtliche Beratung angeboten.

Bildungsangebote

Ein weiteres zentrales Element der Traumatherapie ist die Heranführung an ein möglichst normales und eigenständiges Leben. Durch Bildung sollen die Opfer wirtschaftlich selbstständiger werden. Im Programm der Jiyan-Stiftung finden sich daher auch Weiterbildungsangebote wie Seminare und Abendschulen.

Schließlich gilt es, die Selbstachtung der Frauen wiederherzustellen und ihre soziale Wiedereingliederung zu erleichtern. Eine jesidische Frau gilt nach dem Geschlechtsverkehr mit einem Nicht-Jesiden eigentlich nicht mehr als Jesidin. Der oberste Priester sicherte den Opfern in diesem Fall jedoch bereits zu, dass sie nicht aus der Gemeinschaft ausgeschlossen seien.

„Unsere Unterstützung hat ohne Zweifel dazu beigetragen, den Menschen wieder ein kleines Stück Selbstachtung zu geben. Die fürchterlichen sexuellen Übergriffe auf die jesidischen Frauen und Mädchen bedeuten eine so tiefe Entwürdigung, dass Worte dafür fehlen“, kommentierte Astrid Meyer, MISEREOR-Regionalreferentin für den Nahen Osten. Für seine Arbeit wurde Salah Ahmad, dem Gründer und Leiter der Jiyan Foundation, im Februar 2015 das Bundesverdienstkreuz verliehen.

Spendenkonto:
Pax-Bank Aachen
Konto 10 10 10
BLZ 370 601 93
Stichwort: Nothilfe Naher + Mittlerer Osten

Autor:

Thomas Kuller

Thomas Kuller arbeitet in der Abteilung Kommunikation.

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