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„Viele wissen nicht, was sie auf der Flucht erwartet“ – Interview mit Aminu Munkaila

Aminu Munkaila hat bewegte Jahre hinter sich: Mehrmals hat der heute 35-Jährige Ghanaer sein Leben aufs Spiel gesetzt, um durch die Sahara, über Libyen und das Mittelmeer nach Europa zu gelangen. Sein Transportmittel im Mittelmeer: Ein Schlauchboot. Seine Hoffnung: Ein Medizinstudium in Europa. Dreimal wäre Aminu Munkaila fast ertrunken. Dreimal wurde er wieder nach Ghana zurückgeschickt. Nach seinen traumatischen Erfahrungen hat es sich Aminu Munkaila zur Aufgabe gemacht, Jugendliche und junge Erwachsene über die Gefahren illegaler, internationaler Migration sowie der (Stadt-)Flucht innerhalb Ghanas aufzuklären. Migrantinnen und Migranten, die nach Ghana zurückgekehrt sind, unterstützt die von Munkaila gegründete Organisation “African Development Organisation for Migration” ( AFDOM ) bei der Wiedereingliederung und hilft ihnen, eine Zukunft in ihrem Heimatland aufzubauen.Amin MunkailaSie haben über einen Zeitraum von einigen Jahren drei Mal versucht, nach Europa zu gelangen und sind dann aus Italien abgeschoben worden. Was haben Sie nach ihrer Rückkehr in Ghana gemacht?

Aminu Munkaila: Ich konnte es lange nicht glauben, dass ich wirklich in Ghana zurück bin. Alle meine Träume waren in sich zusammengefallen. Glücklicherweise bin ich zum Christlichen Rat von Ghana gegangen, sonst hätten mich die traumatischen Erfahrungen psychisch kaputt gemacht. Der Rat hat mich unterstützt, meine Studiengebühren bezahlt und so konnte ich mein Ingenieurstudium beenden.

Sie haben die “African Development Organisation for Migration“ (AFDOM) gegründet, eine NGO, die ein MISEREOR-Partner ist. Was machen Sie genau?

Aminu Munkaila: Ich brachte nach meiner eigenen Rückkehr andere Betroffene zusammen. Sie kamen aus Libyen, Algerien und Marokko. Wir begannen unsere Kampagne in Tamale, weil wir uns außerhalb nicht finanzieren konnten. Das war der erste Schritt hin zu AFDOM, African Development Organisation for Migration, einer NGO, die mittlerweile mehrere Angestellte hat. In unseren „ Anti-Dangerous Migration Clubs“ in den Schulen klären wir über Gefahren und Risiken der irregulären Migration auf und veranstalten Debattierwettbewerbe dazu. Wir lassen unsere Informationskampagne über Radioprogramme laufen mit den Beiträgen von Zeitzeugen. Wir zeigen Videos auf öffentlichen Plätzen in den Städten sowie auf dem Land über die Schicksale von Migranten in der Wüste und auf dem Mittelmeer. Wir bringen das Material in eine dramatische Form und führen Theaterstücke auf. So arbeiten wir in 18 von insgesamt 24 Distrikten in Nord-Ghana.

Was wollen Sie den jungen Leuten in Ghana vermitteln?

Aminu Munkaila: Ich will ihnen sagen, dass Migration nach Europa keine gute Wahl ist. Sie sollen verstehen, dass dieser Weg gefährlich ist und sie dabei ihr Leben dabei verlieren können. Und sie sollen merken, dass sie auch in ihrem Herkunftsland Chancen haben, wenn sie es entsprechend planen.

Was wissen die Migrationswilligen von den Gefahren, die ihnen bevor stehen?

Aminu Munkaila: Viele wissen nicht, was sie erwartet auf dem Weg – speziell durch die Wüste und auf hoher See. Doch wir machen so viel Aufklärungsarbeit, dass sich in unserem Einzugsgebiet die Migrationsrate drastisch minimiert hat. Die Wirkung unserer Radioprogramme und unserer Kampagnen ist evident.

Debatten-Wettbewerb in Schule zu Migration

Gibt es junge Leute, die sich noch Illusionen über die Vorteile der Migration machen?

Aminu Munkaila: Es gibt immer noch sehr Verzweifelte, die gehen wollen, besonders aus den Gebieten, in denen wir nicht tätig sind. Sie sehen keine Perspektiven für sich wegen der hohen Jugendarbeitslosigkeit, obwohl sie selbst mitunter akademisch gebildet sind. Die Regierung hat in den letzten drei Jahren keinen einzigen Arbeitsplatz im öffentlichen Sektor geschaffen! Die jungen Leute haben kaum Chancen Geld zu verdienen, um sich unabhängig von ihren Eltern zu ernähren.

Was für Alternativen zur Migration können Sie anbieten?

Aminu Munkaila: Wir vernetzen die Jugendlichen mit Organisationen und Distriktverwaltungen, damit sie Unterstützung erhalten. Die Regierung und die Zivilgesellschafft muss sie stärken. AFDOM bietet beispielsweise Training an, damit sie ihre Fähigkeiten verbessern, selbst in der Landwirtschaft tätig zu werden.

Warum wollten Sie selbst vor fast ungefähr zwölf Jahren nach Europa aufbrechen?

Aminu Munkaila: Ich wollte nach Europa, um eine qualifizierte Ausbildung zu bekommen und Medizin zu studieren. Ich hatte in Tamale mit einem Ingenieurstudium begonnen und gleichzeitig bei meinem Vater auf dem Land gearbeitet. Freunde haben mir ständig Geld geliehen, damit ich die Studiengebühren bezahlen konnte, aber nach einem Jahr musste ich abbrechen. Ein Freund hat mich davon überzeugt, nach Europa zu gehen und dort zu studieren.

Was erzählen Sie den Jungen Menschen von ihren eigenen Fluchterfahrungen?

Aminu Munkaila: Ich erzähle ihnen von meinen traumatischen Erlebnissen: wie ich mit meinen Freunden zwei Tage auf hoher See im Meer getrieben bin, nachdem unser Bott gekentert war. Ich musste miterleben, wie einer nach dem anderen ertrunken ist, hier ganz nah an meiner Seite – einfach weg. Jeder hatte einen Autoschlauch um den Bauch und einer nach dem anderen hat die Kraft verloren, ist verdurstet und dann in die Tiefe des Meeres geglitten und gestorben. Das waren Menschen, mit denen ich alle Erfahrungen der Reise geteilt hatte und die mir sehr nahe standen. Ich dachte, dass ich sterben muss. Doch dann kam ein Schiff von einer lybischen Bohrinsel und hat uns gerettet. Nur acht von 28 Bootsinsassen hatten überlebt. Alle anderen sind gestorben, nur weil sie nach Europa wollten. Das ist ein tiefes Trauma für mich.

Das andere schlimme Erlebnis war in der Wüste. Wir fielen Rebellen in die Hände. Und weil ich keine Wertsachen bei mir trug, die sie mir abnehmen konnten, musste ich mich auf den Rücken legen und durfte die Augen nicht schließen. In der Wüste! Das macht ganz schnell blind. Bei der kleinsten Form von Widerstand hätten sie mich erschossen. Danach ging es weiter, einen steilen Berg hoch. Ich fand dort eine junge Frau, völlig erschöpft, die von einer anderen Gruppe zurückgelassen worden war. Sie wäre auf jeden Fall gestorben. Ich habe sie auf meinem Rücken den Berg hinaufgetragen, mit unglaublichen Durst, Hunger und der letzten Kraft. Das werde ich nie vergessen.

Wie entwickelt ist das Netzwerk an Menschenschmugglern, den „connecting men“, in Ghana?

Aminu Munkaila: Sie werben über Facebook für die Reisen nach Libyen, sogar über Textmitteilungen und preisen ihre Hilfe an, den Weg durch die Wüste zu finden. Manchmal sind diese „connecting men“ sogar an den Schulen und erzählen vom Traumleben in Europa, denn je mehr junge Leute sie anwerben, desto mehr verdienen sie. Beginnt die Reise, verlieren die Migranten häufig ihren eigenen Willen an diese Leute – das ist ein Problem. Die Frauen werden von ihnen während der Reise häufig vergewaltigt und sie haben keine Wahl. Manchmal mieten die Menschenschmuggler Zimmer an und zwingen die Frauen zur Prostitution! Die Migranten haben keine Macht mehr über sich selbst. Wir haben diese „connecting men“ aus unserer Region schon in Schulclubs eingeladen und mit den Erfahrungen unserer Rückkehrer konfrontiert. Das hat schon viele veranlasst, mit dem Geschäft aufzuhören und wir haben weniger Netzwerke in unserer Region.

Wie finanzieren die Migranten ihre Reise?

Aminu Munkaila: Die meisten verkaufen alles, was sie besitzen und verdienen dann noch zwischendurch in Libyen Geld beispielsweise als Straßenfeger oder Träger. Ich selbst habe als Schuhputzer, als Friseur und in einer Firma als Hilfsarbeiter mit ganz wenig Lohn gearbeitet. Man bekommt im Vergleich zu den Libyern ganz wenig raus wegen des Status‘. Überhaupt hat man als Illegaler keinerlei Rechte. Wenn einem Ungerechtigkeit widerfährt, wird die libysche Polizei trotzdem nie gegen die eigenen Bürger vorgehen – das habe ich erlebt, als mir aus meiner Unterkunft mein Fernsehgerät gestohlen worden war.

Warum ist es für die Migranten so schwierig, ihre Reise abzubrechen oder auch nach einer Abschiebung zurückzukehren?

Aminu Munkaila: Die Erwartungen sind sehr hoch bevor man geht. Bevor man etwas erreicht hat, ist es sehr schwer zurückkommen, weil man wieder mit denselben Problemen konfrontiert ist. Auch manche Leute in dem heimischen Umfeld sind enttäuscht, weil man scheinbar „versagt“ hat. Manche Rückkehrer werden nicht mehr von den eigenen Eltern akzeptiert, andere schon. In meinem Fall rief mich mein Vater an nach meiner Ankunft in Tamale an. Er sagte, ich solle in mein Dorf kommen und ich sei höchst willkommen. Er wisse, dass ich alles mir Mögliche gemacht habe. Mein Vater schlachtete ein weißes Huhn! Das bedeutet bei uns sehr viel. Er wollte zeigen, wie glücklich er ist, dass ich lebend wieder da bin.

Die Migranten müssen viel Geld mitnehmen oder es sich zwischendurch verdienen. Was wäre alles machbar mit diesen Mitteln?

Aminu Munkaila: Ungefähr 99,9 % der Migranten wollen nicht in Libyen bleiben, auch nicht in Marokko oder Ägypten. Das sind für sie nur Transitländer. Sie wollen mit dem Geld, das sie dort verdienen, ihren Traum in Europa erfüllen. Und genau das ist ein Knackpunkt. Es wäre wichtig, wenn es Leute in Libyen gäbe, die sie umstimmen könnten mit dem Tenor: „Statt Dein Leben auf dem Meer zu riskieren, sende doch Dein Geld zurück nach Ghana und kehre eines Tages mit gut verdientem Geld zurück und baue Dir etwas damit auf.“ Aber in Libyen gibt es niemanden mit solchen Ratschlägen, alle sagen nur: Versuche Dein Glück! Darum habe ich schon öfter überlegt, dorthin zu gehen, um die jungen Migranten aufzuklären. Aber das Sicherheitsrisiko ist sehr hoch. Doch ein paar Tausend Dollar gespartes Geld ist viel, wenn man damit nach Ghana zurückkehrt. Damit lässt sich etwas bewegen, denn viele haben Potential und sind ausgebildet als Handwerker, als Mediziner und in der Produktion. Warum mit dem Geld nicht Maschinen kaufen und eine Geschäftsidee umsetzen?

Sie sind ja gerade in Berlin und werden vielfältig interviewt. Was ist Ihre Botschaft an uns Deutsche?

Aminu Munkaila: Meine Hauptbotschaft ist, dass Migration eine Herausforderung für Afrika wie für Europa ist. In dem Ausmaß, in dem sich Europa durch die die hohe Zahl an Migranten belastet fühlt, in dem Maße sorgt sich Afrika über den hohen Verlust an Menschenleben in der Wüste und auf hoher See. Es ist höchste Zeit, dass sich Europa engagiert: man muss den Jugendlichen auf lokaler Ebene Angebote machen, sie stärken und ausbilden, so dass sie ein Einkommen beziehen können. Wenn das passiert, verknüpft mit unseren Aufklärungskampagnen, wird sich hoffentlich die Rate an illegaler Migration reduzieren. Migration ist eine Herausforderung, die multilateral angegangen werden muss.


 Über die Arbeit von AFDOM

Die Migrantinnen und Migranten, die sich eine bessere Zukunftsperspektive in Europa erhoffen, sind für ihre Reise durch die Sahara und über das Meer auf die „Dienste“ von Schleppern angewiesen. Sie machen dabei zum Teil traumatisierende Erfahrungen. Auf dem Weg nach Europa kommt es zu Vergewaltigungen, Raub und Ausbeutung in den Transitländern. In einigen Fällen sind Menschen auf ihrer Flucht von Afrika in den Norden sogar ermordet worden. Es gibt viele Migrantinnen und Migranten, die bereits seit Jahren in der Region zwischen Marokko und Libyen festsitzen und auf ihre Chance der Schiffsreise nach Italien oder Spanien warten. Deren Lebenssituation hat sich nach Ende des libyschen Bürgerkrieges deutlich verschlechtert.

Eine nicht unerhebliche Zahl dieser Flüchtlinge stammt auch aus Ghana, insbesondere aus der nördlichen Region Ghanas, die der ärmste Landesteil ist. Die Mehrzahl dieser Migranten sind männliche Jugendliche und junge Erwachsene.

Aminu Munkaila arbeitet mit seiner Organisation AFDOM in vielfältiger Weise mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen: Als ein Teil der Aufklärungsarbeit werden im Projekt Radiosendungen und Theaterstücke zum Thema Migration ausgearbeitet und der Öffentlichkeit präsentiert. Es werden Jugendgruppen dabei unterstützt, ihre Interessen vor Ort bei Distriktparlamenten zu vertreten und sich selbst Einkommensquellen zu erschließen. Daneben werden abgeschobene Ghanaer, die in die Region zurückkehren, beim Aufbau einer eigenen Existenz unterstützt. Ähnliche Arbeit leistet AFDOM für junge Frauen, die zuvor innerhalb Ghanas in größere Städte migriert waren und schließlich – meist ernüchtert – wieder in ihre Herkunftsregion zurückkehren.

Denn zahlreiche junge Frauen aus den nördlichen Landesteilen Ghanas schlagen den Weg der internen Migration ein. Sie wandern in die größeren, wirtschaftlich besser gestellten Städte im Süden des Landes (vor allem Accra und Kumasi), um dort als Lastenträgerinnen („Kayayie“) oder im Dienstleistungsbereich ein bescheidenes Geldeinkommen zu erwirtschaften und dadurch eine eigene Existenz aufzubauen und/oder ihre arme Familie in Nord-Ghana zu unterstützen. Viele dieser Mädchen werden früh schwanger, nicht wenige finden sich schon bald in der Prostitution wieder. Verschiedene Organisationen in Accra und Kumasi (Catholic Action for Streetchildren in Accra/Daughters of Charity in Kumasi – beide Projektpartner von MISEREOR), die sich für obdachlose Kinder und Jugendliche engagieren, helfen diesen jungen Mädchen und Frauen bei der Reintegration in ihre Herkunftsfamilien.

Autor:

Eva Wagner

Eva Wagner arbeitet im Berliner Büro von MISEREOR.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Sehr geehrte Damen und Herren,
    mit Aufmerksamkeit habe ich Ihren Artikel gelesen. Auch bin ich der Auffassung, dass die Hilfe vor Ort der einzig richtige Weg ist, denn er bindet mehrere individuelle Interessen des einzelnen, in seiner Heimat zu bleiben. Durch einen kleinen Verein – Förderverein Springs of Life International School e.V – helfen auch wir vor Ort, um die Basis der Hilfe zur Selbsthilfe zu bessern. Bitte informieren Sie sich über unsere Webside: http://www.springsoflife.de

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