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Flüchtlinge in Mauretanien: „Guantanamito“ statt Teneriffa

Sein Lebensweg führte ihn schon in jungen Jahren ins weit entfernte Ausland. Martin Happe, der in Sendenhorst im Münsterland geboren wurde und aufwuchs ist Angehöriger des Ordens der Weißen Väter, der Gesellschaft der Missionare von Afrika. Längst ist Westafrika zu seiner zweiten Heimat geworden. Seit 1995 lebt er in Mauretanien und wirkt dort seit dieser Zeit als der einzige katholische Bischof des Landes. Zuvor war der Geistliche 22 Jahre in Mali tätig. In der Aachener Geschäftsstelle von MISEREOR berichtete Happe kürzlich von der Flüchtlingssituation in Mauretanien.

Bischof Martin Happe in der MISEREOR-Geschäftsstelle © MISEREOR/Thomas Kuller

Bischof Martin Happe in der MISEREOR-Geschäftsstelle © MISEREOR/Thomas Kuller

Vor zehn Jahren war der Seeweg von Mauretanien auf die kanarischen Inseln einer der Hauptflüchtlingsrouten nach Europa. Dann begann dort der Einsatz der EU-Grenzschutzagentur Frontex. Wie bewerten Sie diese europäische Politik?

Bischof Happe: Der Beginn des Einsatzes war skandalös. Mit europäischem Steuergeld wurde eine Schule mit Stacheldraht umzäunt und in ein Aufnahmelager umfunktioniert. Die Schüler konnten dort nicht mehr unterrichtet werden. Stattdessen wurden in dem Gebäude Auswanderungswillige interniert, die das Lager „Guantanamito“ tauften. Die spanische und die mauretanische Polizei machten in gemeinsamen Nacht- und Nebel-Aktionen Jagd auf Ausländer und Auswanderungswillige. Menschen, die schon seit zehn Jahren ihren Lebensunterhalt in Mauretanien verdienten, wurden dort nachts aus dem Bett gezogen und ins „Guantanamito“-Lager gesteckt.

Wie hat sich die Situation seitdem entwickelt?

Bischof Happe: Das besagte Lager wurde nach massiven Protesten geschlossen. Die Flüchtlingssituation in Mauretanien hat sich beruhigt, seitdem Frontex an der Küste präsent ist. Die spanische Zivilgarde hält mit Schnellbooten und Hubschraubern Aussicht nach Flüchtlingsbooten und hindert diese daran, die Kanarischen Inseln zu erreichen. Kein Mensch kommt mehr durch. Die Europäische Union zahlt viel Geld an die mauretanische Regierung, damit sie die Überwachung auf mauretanischem Hoheitsgebiet erlaubt. Wo dieses Geld am Ende wirklich hinfließt, weiß kein Mensch.

Was waren die Hauptursachen für die Flucht nach Mauretanien und von dort nach Europa?

Bischof Happe: Die Flüchtlinge kamen überwiegend auf Grund der Unruheherde in der Region und weniger aus wirtschaftlicher Not. Stoßweise flohen viele Menschen aus Kamerun, aus der Elfenbeinküste, aus gewissen Bereichen Nigerias und jetzt aus Mali.

Viele der Probleme, die Menschen zur Flucht bewegen, sind jedoch auch von Europa und anderen Industrieländern verursacht. Eine Reihe von afrikanischen Staatspräsidenten kann sich nur dank des Wohlwollens westlicher Regierungen an der Macht halten. Dahinter steht das Interesse an günstigen Rohstoffen, an fischreichen Küsten, Eisenerz, Kupfer, Gold und seltenen Erden. In Mauretanien vergeht nicht eine Woche, in der im Ministerrat nicht irgendwelche Lizenzen für die Suche oder den Abbau von Ressourcen an ausländische Firmen vergeben werden. So sahen sich auch wegen der Überfischung der Atlantikgewässer vor der mauretanischen Küste durch Spanier, Chinesen, Russen, und Koreaner viele Einheimische zur Flucht mit dem Boot veranlasst. Bewohner von Fischerdörfern, die seit Generationen vom Fischfang gelebt hatten, fingen plötzlich keine einzige Sardine mehr. Diese Menschen nahmen Ihr Fischerboot und versuchten, zu den Kanaren überzusetzen. Damit ist jetzt jedoch Schluss.

Was könnte in der Flüchtlingskrise ein wirkungsvollerer Beitrag Europas sein?

Bischof Happe: Man muss die Probleme an der Wurzel anpacken. Das Geld für den Frontex-Einsatz sollte besser in Ausbildungsmaßnahmen investiert werden, um für benachteiligte und arme Menschen in ihren Heimatländern Perspektiven zu schaffen. Darüber hinaus habe ich immer wieder die Erfahrung gemacht, dass Menschen, die nach Europa wollen, gar nicht die Absicht haben, dort zu bleiben. Man muss in Europa daher Regeln für eine legale, zeitlich begrenzte Migration schaffen und die Menschen in Afrika über diese Möglichkeit aufklären. Die europäische Migrationspolitik ist immer noch zu stark von Abschottungskultur geprägt und zu wenig von Willkommenskultur.

Autor:

Thomas Kuller

Thomas Kuller arbeitet in der Abteilung Kommunikation.

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