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Willkommen in der Wirklichkeit, Deutschland! – Kommentar zur Flüchtlingskrise

Ja, unserem Land wird derzeit mit der anhaltend hohen Zahl von Menschen, die bei uns Zuflucht suchen, einiges abverlangt. Es gibt nicht wenige unter uns, die dies allmählich als unerträgliche Zumutung verstehen und Katastrophenszenarien am Horizont sehen, die nach Notwehr rufen.

Fluechtlinge sind am 01.10.2015 mit einem Sonderzug im Bahnhof Schoenefeld angekommen. Anschliessend werden sie mit Bussen zu Unterkuenften in Berlin gebracht.

Diese Flüchtlinge sind am 01.10.2015 mit einem Sonderzug im Bahnhof Schönefeld angekommen. Anschließend werden sie mit Bussen zu Unterkünften in Berlin gebracht. Foto: dpa

Was noch bis vor kurzem undenkbar schien, wird plötzlich zumindest als Idee schon einmal salonfähig: Grenzzäune, Mauern, Abschottung, Abschreckung. Irgendwie hilflos wirkt dies – als könnte es durch solch einfach erscheinende und zugleich höchst inhumane Maßnahmen tatsächlich gelingen, die Wirklichkeit der Welt da draußen vor unserer Tür von uns fern zu halten. Wir leben jedoch nicht auf einer mittelalterlichen Burg, wo man einfach die Zugbrücke hochziehen könnte – nicht in Deutschland und nicht in Europa. Wer sich dies wünscht, unterschätzt zum einen vollkommen die Antriebskräfte von Verzweiflung und Not, die hinter dem ersten Schritt in die Flucht stehen und will zum anderen nicht wahrhaben, wie eng unsere Schicksale auf diesem Globus heute politisch, wirtschaftlich, ökologisch und gesellschaftlich miteinander verwoben sind. Einfach ist momentan zudem gar nichts – gewiss nicht bei uns, aber doch noch viel weniger dort, wo die Flüchtlinge und Migranten her kommen.

Wie kleinmütig mutet da manche unserer Debatten zur Bewältigung der uns auf den Tisch gelegten aktuellen Aufgaben an, wenn man bedenkt – und darauf waren wir immer so stolz – welch wohl geordnetes und wohlhabendes Land wir doch sind im Vergleich zu denjenigen Ländern, die eben nach wie vor die Hauptlast der weltweiten Flüchtlingsaufnahme zu tragen haben. Daher lohnt sich ein vergleichender Blick auf die wirtschaftliche Lage der Aufnahmeländer: So trägt lt. UNHCR beispielsweise der bitterarme Tschad eine Last von 203 Flüchtlingen pro USD Bruttosozialprodukt pro Kopf (2014), Kenia 190, Pakistan 316 und Äthiopien 440 Flüchtlinge. In Deutschland hingegen wären es sogar unter Hinzurechnung der für dieses Jahr erwarteten 1 Million Zuflucht Suchenden lediglich 33 Flüchtlinge pro USD Bruttosozialprodukt. Ebenso relativiert ein Vergleich der Pro Kopf Zahlen an Flüchtlingsbevölkerung das bei uns hartnäckig sich haltende Bild der „Überflutung“: So kommen im Libanon auf 1000 Einwohner 232 Flüchtlinge, in Jordanien 87, im Tschad 34 und bei uns in Deutschland wären es Ende 2015 trotz der so stark gestiegenen voraussichtlich immer noch nur 18 pro 1000 Einwohner.

Dabei sind die Probleme, die mit der Bewältigung von Flüchtlingszuwanderung einhergehen, weltweit absolut die gleichen: auch der Tschad steht vor der Frage der Überlastung seiner Bildungs- und Gesundheitssysteme, im Libanon herrscht wachsender Druck auf dem Niedriglohn-Arbeitsmarkt, in Kenia gibt es eine Zunahme von ethnischen und/oder religiösen Spannungen, in Äthiopien einen Zuwachs an provisorischen Elendsbehausungen und in Irakisch-Kurdistan einen Import gewaltsamer Konflikte. Allgemein nehmen in den Aufnahmeländern Armutsprostitution, Kriminalität und Gewalt zu. Insofern muss auch Deutschland begreifen, dass es nun in der Wirklichkeit der Folgen von Flucht, Vertreibung und Not angekommen ist – aber ungleich bessere Voraussetzungen zu ihrer Bewältigung hat als die armen Länder, die weltweit nach wie
vor den Löwenanteil dieser Aufgabe zu schultern haben. Ein solcher Perspektivwechsel ist dringend nötig, dann können wir auch überzeugter und mit gutem Recht sagen: „Wir schaffen das!“

Es sollte uns daher mit großer Freude erfüllen, welchen Zuspruch Flüchtlinge hier bei uns erhalten und welches Engagement von Ehrenamtlichen in der Aufnahme vor Ort geleistet wird.

Viele Menschen in Deutschland setzen sich jetzt – zum Teil zum ersten Mal in ihrem Leben – mit globalen Themen auseinander. Es gibt auch ein gestiegenes Interesse an Bildungsveranstaltungen und Informationen zum Thema Ursachen von Flucht und Migration. Wir schaffen das, wenn wir unsere Situation in Deutschland und Europa, die große Not in anderen Teilen dieser Welt und unsere gemeinsame globale Verantwortung in den Blick nehmen. Das Engagement zur Bekämpfung von Fluchtursachen, zu dem MISEREOR l mit seiner umfassenden Arbeit zur Verbesserung der Lebenssituation in Herkunftsländern von Flüchtlingen seinen Beitrag leistet, ist nicht von unserer Aufnahmebereitschaft hier bei uns in Deutschland zu trennen. Es sind zwei Seiten ein- und derselben Medaille.

Autor:

Martin Bröckelmann-Simon

Dr. Martin Bröckelmann-Simon verantwortet als Geschäftsführer für Internationale Zusammenarbeit die Entwicklungszusammenarbeit mit Partnern in Afrika, Naher Osten, Asien, Ozeanien und Lateinamerika.

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Sehr geehrte Damen und Herren, mein Vater ist selbst in den 60-er Jahren nach Deutschland zum Arbeiten „eingewandert“. Er blieb, zeugte zwei Kinder und starb in seinem neuen Deutschland im Alter von 81 Jahren. Die Kinder sind Juristin und Diplom Ingenieur geworden. Viel mehr kann man sich von seinem Vater nicht wünschen. Wir durften in Frieden, geborgen, sicher und im Wohlstand und in Freiheit aufwachsen. Ich wünsche allen Flüchtlingen, welche heutzutage nach Deutschland einreisen, ebenfalls das beste der Welt um ihre Familien zu beschützen um Sie in Frieden in der BRD aufwachsen zu sehen. Selten war ich stolzer „Deutscher“ zu sein! Solch eine Willkommenskultur ist EINMALIG auf dieser Welt. Danke Deutschland! Danke an alle Freiwilligen.

  2. Ist es nicht scheinheilig, wenn die Bundesregierung einerseits nichts gegen Flüchtlingsursachen unternimmt- im Gegenteil- diese immer wieder durch Unterstützung von Despoten und Waffenlieferungen fördert und anderseits sich „stoisch entsetzt“ zeigt über all die unschönen Begleiterscheinungen beim Flüchtlingsthema und obendrein die Städte und Gemeinden viel zu lange im Regen stehen lässt?

  3. @Marion Weigend
    Sehr geehrte Frau Weigend,
    die große Zahl der Flüchtlinge, die zur Zeit auch in unser Land kommen, besteht aus einzelnen Menschen, die wie der Name schon sagt aus ihrer Heimat geflohen sind. So etwas tut niemand ohne triftigen Grund. Was mir der Beitrag von Herrn Bröckelmann sagt, ist, dass ein reiches Land wie Deutschland sicher besser in der Lage ist, viele Menschen aufzunehmen als die afrikanischen Länder, die bei niedrigerem Bruttosozialprodukt bis zu 14 mal mehr Menschen Zuflucht gewährt haben.
    Natürlich gibt es bei uns die von Ihnen erwähnten Probleme mit Schulen, Ausbildungs- und Studienplätzen, Arbeitsstellen und Wohnungen. Die bestehen aber schon seit Jahren und haben die Politik bisher nicht dazu veranlasst, zu handeln. Die Schwierigkeiten in diesen Bereichen jetzt den Flüchtlingen anzulasten, lenkt den Fokus von den Verantwortlichen für diese Situation ab. Wenn wir hier den „Stammtischparolen“ auf den Leim gehen, wird weiterhin nichts an den Problemen geändert werden. Vielleicht sollten wir ja sogar dankbar sein, dass sich durch den Zuzug von Flüchtlingen die Lage in manchen Bereichen so verschärft, dass die Politik zum Handeln gezwungen wird und sieht, dass man nicht alles dem „Markt“ überlassen kann.

  4. Sehr geehrter Herr Dr. Bröckelmann, in ihrem Bericht beschreiben sie selbst die Folgen und Probleme, die auf uns zukommen können.
    Ich glaube, bei der Thematik geht es doch nicht allein um den einzelnen Emigranten, oder Flüchtling, sondern um die derzeitige unkontrollierte Zuwanderung. An den Grenzen zu Ungarn, Kroatien stehen immer noch hundert Tausende Menschen.
    Die Folgen abzuwarten finde ich fatal. Diese werden uns auf Jahre beschäftigen, denn nichts von dem was sie schildern ist ausfinanziert, geschweige denn vorbereitet.
    Die Länder und Kommunen streichen jetzt bereits freiwillige Leistungen. Das dt. Bildungssystem ist heute schon überlastet … haben sie Kinder? Es mangelt an Lehrern , Sundenausausfälle sind an angesagt. Vereine können Vereins Arbeit nicht leisten, weil Turnhallen belegt sind.
    Überlastung des Gesundheitswesens : die Kassen werden die nächste Beitragserhöhung bald ankündigen. Schauen sie sich bitte die Zahlen an, wieviel Ärzte flächendeckend pro Person noch da sind.
    Druck auf den AM …. Mindestlohn wieder abschaffen, ich kann es nicht glauben … wissen sie was Fachkräfte vor 8.50 verdient haben. Die AG umgehen heute schon den Mindestlohn und haben die Wochenstunden Zahl der AN gesenkt. Wie viele AN müssen heute noch ergänzende Leistungen ALG II in Anspruch nehmen.
    Von der Sorge um zunehmende Gewalt und Kriminalität ganz zu schweigen.
    Wo soll bezahlbarer (!) Wohnraum herkommen …? Den gibt es nicht mal für das dt. Volk. Schauen sie sich die Markt an. Auf eine Wohnung, gibt es zig Bewerber. Eine Ghettosierung wird folgen.
    Uns als Letztes, WIR (DEUTSCHLAND )legen diese Standarts fest … angefangen von der Wohnungsbeschaffung, Ausstattung, medizinischen Versorgung bis zum Bezug von Sozialleistungen. Insofern hinkt ihr Vergleich mit Ländern wie Libanon, Pakistan usw.
    Bereit für einen weiteren Dialog verbleibe ich mit freundlichen Grüßen

  5. „Wir leben jedoch nicht auf einer mittelalterlichen Burg, wo man einfach die Zugbrücke hochziehen könnte“ Martin Bröckelmann-Simon, Misereor, zur #Flüchtlingskrise 2015 – Sie haben meine Zustimmung! Stephan Fröhder Redaktion #newsfhg fb tw http://twitter.com/1000news_de

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