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Barmherzigkeit? – „Vibrierendes Flehen“ von Norbert Nikolai

Papst Franziskus hat zu einem heiligen Jahr der Barmherzigkeit aufgerufen – genau 50 Jahre nach Ende des 2. Vatikanischen Konzils. Doch was bedeutet das eigentlich – Barmherzigkeit? Man wisse nicht recht etwas damit anzufangen, waren sich viele Kommentatoren schnell einig.

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Die Spezialisten sehen das differenzierter – solche, die die Grenzsituationen der menschlichen Existenz aus der Nähe kennen, dort, wo Barmherzigkeit buchstäblich spürbar werden kann. Aber wird sie das auch? Und was sagen andere bedeutende Religionen wie Islam oder Buddhismus?

In loser Reihenfolge stellen wir in den kommenden Wochen Menschen vor, die sich mit dem Thema „Barmherzigkeit“ auseinandergesetzt haben und diese aktiv in ihrem Alltag (er)leben.

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Dieses Jesuswort, gesungen am Palmsonntag von hunderten von Kehlen, lässt hier im Männerknast von Lima niemanden  unberührt. Das Flehen unserer 9.500 Gefangenen um Gottes Barmherzigkeit wird für mich in solchem Moment geradezu vibrierend spürbar. Und es ist kein Ruf, der etwa weite Wege zurückzulegen hätte. Könnte ihn doch nur der peruanische Richter hören, der auch heute noch so machen zerlumpten, armen Mann eher nach eigenen Kriterien und wagen Anschuldigungen als mit wirklichen Beweisen wegen Diebstahls schnell mal zu fünf Jahren Haft verurteilt! Bräche sich nur im Gewissen so manches korrupten Verteidigers und Staatsanwaltes, die sich eher an dick gefüllten Geldumschlägen als am Gesetzesbuch orientieren, dieser Ruf nach Erbarmen und Recht die Bahn! Könnte uns nur der Polizist hören, der bei der Hausdurchsuchung das Päckchen Kokain gleich mitbringt und nur dann schnell wieder verschwinden lässt, wenn die Bezahlung stimmt. Das Rechtssystem im Land und auch unser Knast sind schon manchmal ein Dschungel von fressen und gefressen werden: Korruption und gewalttätiges Macho-Gehabe allerorten. Alle bewegen sich frei zwischen den 21 Blöcken – mit dem Handy wird schon der nächste Coup geplant. Drogen grassieren in jedem Winkel. Aber dank der Mithilfe der Gefangenen selbst wird auch Leben möglich, nicht nur Überleben. Der junge Mann auf Droge, dreckig und stinkend, trifft nach durchrauschter Nacht auf Pedro, der mit ihm sein Mittagessen teilt. Seit 13 Jahren bereitet Lucho aus Kolumbien den tuberkulosekranken Männern zweimal am Tag ein Päppchen, damit sie die vielen Tabletten besser vertragen. In unserer Sozialpastoral gibt es viele ehrenamtliche Männer und Frauen, die zuhören können, die nicht nach dem Delikt fragen, sondern nach dem Potential zum Wandel. So manchen Polizisten und auch Mitarbeiter der Gefängnisbehörde erreicht der Ruf aus hunderten Männerkehlen nach Barmherzigkeit. Sie begegnen dann den 5.000 Frauen, die am Besuchstag lange Schlangen vor dem Knast bilden, mit Respekt und freundlich, ohne wie sonst üblich die Hand aufzuhalten. All das nimmt unseren Männern manchmal das Gefühl, von Gott und den Menschen verlassen zu sein. Fragmente von Barmherzigkeit?!“Norbert Nikolai

Über den Autor: Norbert Nikolai aus Bochum arbeitet als Priester und Gefängnisseelsorger seit 2010 im berüchtigten Männergefängnis San Juan de Lurigancho in Lima.

Autor:

Gast-Autoren im MISEREOR-Blog.

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