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Vergessen von der Welt – Bomben gegen Nuba in der sudanesischen Bergregion

Macram Max Gassis erzählt  mit einem liebevollen Strahlen für die Menschen in den Nuba-Bergen und mit scharfer Anklage gegenüber der Regierung in Karthum. Der emeritierte Bischof von El Obeid, das im Süden des Sudan liegt, engagiert sich seit Jahrzehnten für da Volk der Nuba, das unter militärischen Angriffen von Seiten der eigenen Regierung leidet. Manchmal fliegen täglich Bomben auf Zivilisten, auf Kleinbauern, auf ihre Ernte. Tausende Nuba fliehen in Höhlen der Bergregion und nozig Tausende werden zu Flüchtlingen im Südsudan oder in Kenia, die es niemals nach Europa schaffen. Die gesamte Region ist von Hilfslieferungen abgeschnitten – eine dramatische Situation.

Unter was leidet die Bevölkerung in den Nubabergen am meisten?

Macram Max Gassis: Die Situation ist dramatisch. Karthum hat die Gebiete des südlichen Kordoufan, wo die Nuba leben, isoliert. Es gibt kein Essen, es gibt kaum Schulen und kein Lehrmaterial, keine medizinische Versorgung, keine Impfungen. Was glauben Sie, von was die Menschen leben sollen? Von Luft? Die Nuba leiden, weil Karthum verweigert, dass sie irgendeiner Form der Hilfe bekommen.

UN-Vertreter haben mir gesagt, dass sie keine Lebensmittel über die Grenze liefern aus Respekt vor der Souveränität Karthums. Aber was ist wichtiger – die Politik oder die Menschenrechte? Privilegien eines Regimes, das seine eigenen Bürger tötet? Vor eineinhalb Jahren hat der UN- Sicherheitsrates eiohne Gegenstimme Hilfsmaßnahmen für Syrien beschlossen ohne die Billigung von Assad. Es wird mit zweierlei Maß gemessen. Das ist scheinheilig und heuchlerisch. Mit der unterlassenen Hilfeleistung macht sich die UN genauso verantwortlich für das Sterben von Menschen wie das islamistische Regime in Khartum.

Wie ergeht es den Menschen vor Ort ?

Macram Max Gassis: Sie fliehen bei Angriffen aus der Luft in die umliegenden Höhlen. Die Nubas sind sehr fleißige Leute und wollen nicht auf Almosen angewiesen sein. Darum bewirtschaften sie noch kleine Flächen. Doch Karthum schickt Bomben und brennt sogar die Ernte nieder. Viele Menschen fliehen und schaffen es in den Südsudan in das Lager Yida, in dem 75.000 Nuba leben. Andere flohen nach Karkuma, das ist das Flüchtlingslager in Kenia.

Was war Ihre schmerzvollste Erfahrung in diesem „vergessenen Konflikt“?

Macram Max Gassis: Unsere Klinik wurde fünf Mal bombardiert. Zwei Bomben gingen innerhalb des Klinikkomplexes nieder, drei außerhalb. Die Schäden waren groß und zwei Männer wurden verletzt. Unter dem Vorwand, dass sich Rebellen in der Klinik aufhalten sollen, haben sie versucht Patienten und Mitarbeiter zu töten. Die Menschen sind dort wegen Krankheiten, sie sterben sogar und das soll gefährlich für Karthum sein? Ich denke nicht.

Wie schätzen Sie die bewaffneten Nuba-Kämpfer ein?

Macram Max Gassis: Das ist eine Befreiungsbewegung der Nuba. Sie kämpfen für ihre Identität, für ihre Menschenrechte und für ihr Leben. Es ist ihr Recht, dieses Leben zu behüten. Es ist ein Geschenk Gottes. Sie wollen ihre Familien beschützen, sie wollen ihre Kinder vor Sklaverei schützen und ihre Frauen und Mädchen davor, dass sie vergewaltigt werden. Es gibt Mädchen, die mit dreizehn Jahren ein Kind bekommen.

Und die Soldaten aus Karthum kämpfen für ihre Chefs, für Geld, werden aber selbst nicht anständig bezahlt. Es gibt diesen großen Unterschied zwischen den Konfliktparteien und darum wird meiner Meinung nach das Regime die Bewegung in den Nubabergen nicht besiegen können.

Was sind Ursachen für den Konflikt?

Macram Max Gassis: Das Regime im Norden des Sudans will die Nuba-Region politisch kontrollieren und dominieren. Wenn Khartum das erreicht, dann werden die Bewohner der Nuba-Berge zu Bürgern zweiter Klasse und können ihre eigene Identität nicht aufrechterhalten: sie sind Afrikaner mit ihren Traditionen, Kulturen, Sprachen, Verhaltensmustern und sozialen Gepflogenheiten. Sie sind Christen, Muslime, Protestanten, Katholiken und Menschen traditionellen Glaubens. Im Norden dagegen leben arabische Menschen muslimischen Glaubens. Wir haben es mit zwei sehr verschiedenen Welten zu tun im Sudan.vDer sudanesische Premierminister hat mir gesagt: wenn sich die Nubas assimilieren würden, wäre das gut für alle. Aber man assimiliert Leute nicht, denn damit zerstört man am Ende ihre Kultur. Warum haben sie Angst vor der Verschiedenheit der Menschen? Das ist, was Gott wollte: wir sind verschieden, aber können trotzdem vereint sein. Die USA ist ein gutes Beispiel dafür.

Welche Politik verfolgt die deutsche Regierung in diesem Konflikt?

Macram Max Gassis: Einige Politiker in den deutschen Ministerien halten die Regierung in Karthum für fähig, Lebensmittelhilfe und Impfstoffe in die Konfliktregion zu bringen. Die Rebellen verweigern solche Hilfe von Akteuren, die sie gleichzeitig bombardieren un. Das Regime aus Karthum verhindert auch, dass es Impfstoffe gibt und will gleichzeitig Impfkampagnen starten. Was für Widersprüche sind das! Das kann so nicht funktionieren.

Der einzige glaubwürdige Weg ist, das Regime in Karthum unter Druck zu setzen, damit die Luftangriffe aufhören und die Menschen Hilfe bekommen. Das ist der Gradmesser, an dem wir das Regime messen können, um zu sehen, ob es ehrlich ist.

Wie ist es möglich, den Menschen dort zu helfen?

Macram Max Gassis: Wenn man den Nubas wirklich helfen will, dann ist das immer möglich. Alles ist möglich unter der Sonne. Wo es einen Willen gibt, da gibt es auch einen Weg und für jedes Problem gibt es eine Lösung.  Wenn man der Kirche Hilfslieferungen gibt, wird das Essen dort ankommen, wo es gebraucht wird. Aber wenn die Bundesregierung afrikanischen Regierungen etwas gibt, damit die Menschen sich nicht auf den Weg nach Europa begeben, dann ist das realitätsfern. Das Geld wird den Menschen nichts nutzen, weil es sie nicht erreicht. Die Kirche dagegen ist Teil der sudanesischen Gesellschaft– wir stehen nicht außerhalb und sind mit den Menschen und für die Menschen da. Das haben wir auch dem deutschen Bundesaußenminister beim letzten Gespräch deutlich gemacht.

Gibt es irgendeine politische Lösungsoption für die Region?

Macram Max Gassis: Wenn man über Wege nachdenkt, wie die offenen Fragen politisch gelöst werden können, muss aus meiner Sicht die Befreiungsbewegung einbeziehen. Aber erst soll die Regierung damit aufhören, Kinder, Frauen und Ältere zu beschießen. Jeden Tag wird bombardiert. Während der Regenzeit explodieren die Sprengkörper nicht, weil sie im Matsch landen, doch während der Trockenzeit dafür umso mehr.

Wir werden die Hilfe über Landkorridore aus allen Himmelsrichtungen reinlassen, Hauptsache die Sicherheitsrisiken aus der Luft und am Boden verschwinden. Daran können wir leicht messen, ob Karthum ehrlich ist oder lügt. Ich bin der Erste, der ihnen nicht glaubt.

Und was kann die internationale Gemeinschaft tun?

Macram Max Gassis: Die internationale Gemeinschaft muss Druck auf Karthum ausüben, damit die Luftangriffe aufhören. Dann kann Hilfe für die lokale Bevölkerung über Landkorridore gebracht werden und zwar aus dem Norden, sowie aus Uganda, Kenia, Tansania und Äthiopien. Dann erst haben wir die Voraussetzung geschaffen für Friedensvereinbarungen.

Es gibt keinen Frieden trotz,Friedensgruppen, Friedenskommissionen, Magna Carta für Frieden, denn die Basis fehlt und die Menschenrechte werden nicht respektiert. Lasst uns die Menschenrechte respektieren, die Menschenwürde, dann haben wir Frieden und Gerechtigkeit und nicht Frieden ohne Gerechtigkeit.

Das Interview führte Eva Wagner

 

Autor:

Eva Wagner

Eva Wagner arbeitet im Berliner Büro von MISEREOR.

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