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Ernährungssicherheit in Tansania: Die SAGCOT-Strategie schlägt fehl

Industrielle Landwirtschaft im großen Stil wird als die Lösung für den globalen Hunger betrachtet. Ein Beispiel ist SAGCOT, der „Southern Agricultural Growth Corridor of Tanzania“. Mit Unterstützung großer privater Investoren und unter Beteiligung der G7 wird auf einer Fläche von der Größe Italiens eine „moderne“ Landwirtschaft vorangetrieben. Das Ziel: Etwa zwei Millionen Menschen aus der Armut befreien und hunderttausende Arbeitsplätze schaffen. Frank Ademba, Programmkoordinator bei der Bauernorganisation MVIWATA in Tansania, begleitet die Initiative seit ihrer Gründung kritisch und ist sich sicher: Landnahme, Landkonflikte und Ernährungsunsicherheit sind stattdessen die Folge.

Frank Ademba von der Bauernorganisation MVIWATA erklärt die komplexe Ausweisung von Land und den Erhalt von Landtiteln in Tansania. Foto: Maurice Ressel/MISEREOR

Frank Ademba von der Bauernorganisation MVIWATA erklärt die komplexe Ausweisung von Land und den Erhalt von Landtiteln in Tansania. Foto: Maurice Ressel/MISEREOR

Sie berichten von Landraub seitdem private Investoren nach Tansania gekommen sind. Was ist das Grundproblem?

Das größte Problem ist, dass Investoren Land übertragen bekommen, ohne den „free prior and informed consent“ der lokalen Bevölkerung. Das heißt, ohne dass die betroffene Bevölkerung frühzeitig oder umfassend über die Pläne informiert wird oder die Risiken und Auswirkungen des Verkaufs an einen Investor kennt. So kann man nicht von freier Zustimmung sprechen. Dazu kommt: in Tansania ist ein Großteil des Landes nicht amtlich registriert. Die Menschen leben seit vielen Generationen auf ihren Ländereien, haben aber keine offiziellen Landtitel. Umso leichter ist es für Investoren, Kleinbauern zu übergehen. Umso wichtiger ist es daher, dass das Land ausgewiesen und die Rechte der Kleinbauern daran offiziell anerkannt werden.

Sie arbeiten mit ihrer Organisation MWIWATA mit Kleinbauern zusammen. Haben sie ein Beispiel für einen solchen Konflikt?

Die Dorfgemeinschaft Lipokela bei Songea ist ein Beispiel. Dort wurde doppelt so viel Land an einen Investor verkauft, als die Dorfgemeinschaft ursprünglich zugestimmt hat. Der Landvergabeprozess in Tansania ist komplex, im Idealfall läuft er so ab: Die Bewohner werden in einer Dorfversammlung durch den Investor über sein Vorhaben informiert und befragt und die Dorfräte einbezogen. Jeder Dorfbewohner muss mit der Landvergabe einverstanden sein, erst dann wird ein Vertrag abgeschlossen, der vor allem die soziale Verantwortung des Investors herausstellt. Doch die Realität sieht anders aus. In Lipokela wurden Dorfbewohner ausgeschlossen oder vorab nicht befragt, viele verloren ihr Land, andere profitierten und nur wenige wurden auf der Kaffeeplantage vor Ort angestellt. Außerdem machten die Investoren den Menschen in Lipokela sehr viele Versprechen. Dass sie Schulen oder eine Krankenstation für die Dorfgemeinschaft bauen, die Infrastruktur verbessern, Arbeitsplätze schaffen – dass sich das Leben der Menschen zum Positiven verändert. Das hat sich nicht bewahrheitet. Die Menschen sind wütend, hilflos und fordern ihr Land zurück. So entstehen Konflikte mit dem Investor, vor allem aber innerhalb der Dorfgemeinschaft.

Zunehmend berichten Kleinbauern aus Tansania von Landkonflikten und Landraub durch landwirtschaftliche Großinvestitionen. Foto:Maurice Ressel/MISEREOR

Zunehmend berichten Kleinbauern aus Tansania von Landkonflikten und Landraub durch landwirtschaftliche Großinvestitionen. Foto:Maurice Ressel/MISEREOR

Gibt es weitere Probleme?

Durch Großinvestitionen in Tansania wird auch das Menschenrecht auf Nahrung verletzt. Die meisten Investoren produzieren wie in Lipokela Kaffee oder Holz oder andere Lebensmittel für den Export, aber keinen Mais, den die Menschen brauchen. So produzieren Arbeiter das, was sie nicht brauchen und konsumieren das, was in ihrer Region nicht angebaut wird. Die Folge: Sie müssen weite Strecken zu Feldern zurücklegen, auf denen sie ihre Nahrungsmittel anbauen. Ihr Land haben sie ja verkauft. Verschärft wird das durch Nukleus-Farmen, ein Konzept, dass die tansanische Regierung unterstützt. Rund um die Plantage sollen Kleinbauern z.B. Kaffee als Vertragsbauern produzieren. Sie haben dabei aber keinerlei Abnahmesicherheit für ihre Produkte. Die SAGCOT-Strategie, die Ernährungssicherheit in Tansania zu erhöhen, schlägt aus unserer Sicht fehl.

Von welcher Fläche sprechen wir? Wie viele Hektar Land sind in Tansania für private Investoren im Rahmen der SAGCOT-Initiative ausgewiesen bzw. wie viele Kleinbauern sind betroffen?

Es geht um eine riesige Fläche im Süden des Landes, der fruchtbarsten Region Tansanias. Ein Drittel der Bevölkerung sind direkt oder indirekt von SAGCOT betroffen; ein Großteil davon Kleinbauern. Bisher hat die Regierung den Großinvestoren innerhalb der SAGCOT-Region rund 146.000 Hektar Fläche zugesprochen.

Frank Ademba im Gespräch mit Kleinbauern aus Magome, wo die New Forrest Company auf gut 6000 Hektar Kiefern und Eukalyptus anbaut. Foto: Maurice Ressel/MISEREOR

Frank Ademba im Gespräch mit Kleinbauern aus Magome, wo die New Forrest Company auf gut 6000 Hektar Kiefern und Eukalyptus anbaut. Foto: Maurice Ressel/MISEREOR

Welche Alternativen sieht bzw. unterstützt MWIWATA mit Blick auf die Souveränität von Kleinbauern?

Wir fördern lokale Märkte in fünf Regionen, denn der Zugang zu Absatzmärkten ist für die Kleinbauern entscheidend. Darunter ein Markt bei Kibaigwa in der Region Dodoma, auf dem regionale Produzentennetzwerke ihren hochwertigen Mais zu guten Preisen mittlerweile an Käufer aus ganz Tansania und in Nachbarländer verkaufen. In Mbinga vermarktet ein Netzwerk aus 52 Gruppen seinen eigenen Kaffee – von der Produktion bis hin zum Verkauf. Teile der Gruppe verhandeln den Preis direkt an der Kaffeebörse in Moshi und verkaufen dann gemeinsam. Im Jahr 2015 haben sie etwa 700 Tonnen Kaffee geerntet und 1,8 Milliarden Tansanische Schilling eingenommen (Anmerkung der Redaktion: rund 720.000 Euro).

John Magufuli ist seit Oktober neuer Präsident in Tansania, er gilt als ehrgeiziger Kämpfer gegen Korruption und Misswirtschaft. Wird er auch die Rechte der Kleinbauern stärken?

Die tansanische Bevölkerung steckt viele Hoffnungen in den neuen Präsidenten. Während des Wahlkampfes versprach er, dass er die Landkonflikte in Tansania beenden will. Auf einer Reisfarm bei Kapunga, wo Kleinbauern seit vielen Jahren ihr Land zurückfordern, hat er das bereits umgesetzt. Der Schutz der Kleinbauern und die Demarkierung ihres Landes müssen weiter vorangetrieben werden. Zudem müssen die Übertragungszeiträume von Land deutlich gekürzt werden – Investoren können zurzeit Land bis zu 99 Jahre pachten! Dabei mussten sie bisher nicht einmal nachweisen, dass sie es landwirtschaftlich nutzen. Magufuli will das ändern. Ich hoffe, er macht seine Versprechen wahr.


Weitere Informationen

MISEREOR-Studie „A Right to Food Perspektive – Auswirkungen großflächiger Agrarinvestitionen auf Kleinbauern im Südhochland Tansanias

Deutsche Kurzfassung der Studie

Autor:

Rebecca Struck

Rebecca Struck arbeitet bei MISEREOR in der Presseabteilung.

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