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Barmherzigkeit? – „In Gefahr begeben“ von Jon Sobrino

Papst Franziskus hat zu einem heiligen Jahr der Barmherzigkeit aufgerufen – genau 50 Jahre nach Ende des 2. Vatikanischen Konzils. Doch was bedeutet das eigentlich – Barmherzigkeit? Man wisse nicht recht etwas damit anzufangen, waren sich viele Kommentatoren schnell einig.

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Die Spezialisten sehen das differenzierter – solche, die die Grenzsituationen der menschlichen Existenz aus der Nähe kennen, dort, wo Barmherzigkeit buchstäblich spürbar werden kann. Aber wird sie das auch? Und was sagen andere bedeutende Religionen wie Islam oder Buddhismus?

In loser Reihenfolge stellen wir in den kommenden Wochen Menschen vor, die sich mit dem Thema „Barmherzigkeit“ auseinandergesetzt haben und diese aktiv in ihrem Alltag (er)leben.
„Es hat mich wirklich gepackt, als ich verstanden habe, was es mit der Barmherzigkeit Jesu auf sich hat. In Scharen kamen einst die Armen zu Jesus, um in Leid und Krankheit seine Hilfe zu erbitten, und sie taten dies mit folgenden Worten: „Herr, erbarme Dich meiner. Erbarme Dich unser.“  Die Menschen wussten, dass sich Jesus einem solchen Drängen nicht entziehen konnte. Die griechische Bezeichnung für „Barmherzigkeit üben“ bedeutet „in den Eingeweiden ergriffen sein“. Es steht außer Zweifel, dass das große Leid, das Jesus unter den Menschen seiner Zeit sah, ihm förmlich die Eingeweide zerriss: Die Unterdrückung, die Hungerlöhne, die Arbeitslosigkeit, die Behördentyrannei, der Machismo, der die Frauen ihrer Würde und ihrer Chancen beraubte, all dies schmerzte Jesus. Wenn Jesus von Gott spricht, so definiert er ihn auf der Grundlage der Barmherzigkeit. Der Vater sah seinen verlorenen Sohn kommen, und er war gerührt. Er lief auf ihn zu, fiel ihm um den Hals und küsste ihn. Jesus fordert die rechtschaffenen Männer und Frauen auf, wie jener gute Samariter zu handeln: „Als dieser einen verletzten Mann auf dem Weg liegen sah, hatte er Mitleid mit ihmund brachte ihn in Sicherheit.“ Im Neuen Testament wird Jesus als treu gegenüber Gott und mitfühlend gegenüber den Menschen bezeichnet.Sobrino Dies mag den Christen sehr vertraut sein, wird aber im allgemeinen von uns Menschen kaum praktiziert. Antonio Montesinos drohte im 16. Jahrhundert den spanischen Eroberern, die die Indios misshandelten und sterben ließen, mit ewiger Verdammnis. Sein Zeitgenosse, Bartolomé de las Casas, setzte Himmel und Hölle in Bewegung, um solche Missstände zu bekämpfen. Die wahrhaft Barmherzigen sind jedoch nach wie vor in der Minderheit. Und ich weiß nicht, ob sich die Nationen auch nur ein einziges Mal für das Leben der Armen entschieden haben. Papst Franziskus aber ruft sie uns sehr wohl immer wieder ins Gedächtnis. Es sind die Ertrunkenen vor Lampedusa; es sind die syrischen Kinder, Frauen und Männer, die von Ungarn auf dem Weg nach Österreich in einem Lastwagen erstickt sind; es ist die zunehmende Gewalt in El Salvador. Ich persönlich schäme mich oftmals dafür, in dieser Welt zu leben. Mit ermutigenden, deutlichen Worten weisen die lateinamerikanischen Bischöfe daraufhin, dass Gott für alle Armen eintritt – einfach, weil sie arm sind und nicht, weil sie gute Menschen oder Heilige sind. Die Armen dieser Welt zu verteidigen bedeutet sicherlich, ihnen beizustehen, und dafür müssen wir Opfer bringen. Aber nicht nur das. Es bedeutet auch, sie vor denjenigen zu schützen, die sie in die Armut stürzen und unterdrücken. Dafür müssen wir uns in Gefahr begeben. Für uns war es eine Gnade, mit Bischof Oscar Romero leben zu dürfen. Er fühlte mit den Armen, er verteidigte sie und setzte für sie sein Leben aufs Spiel. Das Bewegendste aber war vielleicht, dass er sich bis zum Schluss vom Leid der Armen und der Opfer anrühren ließ: „In dieser Woche zerriss es mir das Herz, als ich jene Frau mit ihren neun kleinen Kindern sah, die zu mir kamen, um zu berichten, was ihnen widerfahren war. Nach Aussage der Frau war ihr Mann mit Folterspuren tot aufgefunden worden. Da stand sie nun mit ihren Kindern in ihrer ganzen Hilflosigkeit. Meiner Ansicht nach ist derjenige, der ein solches Verbrechen begeht, zur Wiedergutmachung verpflichtet. So vielen Familien, die wie diese hilflos zurückgelassen wurden, muss geholfen werden. Der Verbrecher, der eine Familie ihres Schutzes beraubt, hat die Pflicht, zum Lebensunterhalt dieser Familie beizutragen.“ „Mut zu Taten“ sind anspruchsvolle Worte. Sie sind notwendig, um barmherzig zu sein – und menschlich. So können wir uns in dieser armen Welt auf den Weg machen hin zu Solidarität und Erfüllung.

Über den Autor: Der Jesuit Jon Sobrino lebt seit 1957 in El Salvador. Der Professor für Theologie entkommt 1989 nur durch Zufall einem Attentat, dem unter anderem sechs seiner Mitbrüder zum Opfer fallen. Seinen spanischen Originaltext übersetzten Estella Biurrun und Beate Engelhardt.

Autor:

Gast-Autoren im MISEREOR-Blog.

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