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Humanität: Ein Rezept gegen Geschmacklosigkeit

Also eigentlich gehöre ich nicht zu den Menschen, die sich immer Sorgen machen, die immer nur das Schlechte sehen. Ich will auch nicht die Vergangenheit schön reden. Aber ich spüre eine zunehmende Brutalisierung in unserer Gesellschaft: Männer laufen Amok. Mütter werfen ihre Kinder aus dem Fenster. Auf offener Straße werden Menschen verprügelt, erstochen oder erschossen. Als hätte es nie eine Erziehung, eine Aufklärung oder eine sittliche Moral gegeben.humanitaet-ein-rezept-gegen-geschmacklosigkeit

Ich klicke die Videos an von Überwachungskameras, in denen Jugendliche, Kinder der bürgerlichen Mittelschicht, wie von Sinnen auf Schwächere losgehen, sie tottreten, zerstampfen wollen im Ekelrausch wie Ungeziefer. Die Verabredung, dass man von einem wehrlosen Feind, der sich ergeben hat, ablässt, existiert nicht mehr.

Welche Bestie breitet sich da unter uns aus? Wie kann eine Gesellschaft so auseinanderbrechen, wie können manche danach trachten, andere zu bestrafen, weil sie selbst so verwahrlost, so verkommen sind? Die Gewalt kennt keine Ausnahmen: Kranke, Behinderte, Gläubige, Lebenslustige, Schwule, Lesben, Eltern und kleine Kinder – alle werden zur Zielscheibe. Die Kirche als Zuflucht, als moralisches Fundament, wird verhöhnt, besprüht oder angezündet. Die Familie, das Flaggschiff, die Keimzelle einer funktionierenden Gesellschaftsordnung, zerfällt in viele, alleinerziehende Einzel- und Elternteile.

In den Schulen werden Lehrer bespuckt, geschlagen und dabei gefilmt. Wir beklagen den Verlust von Autorität bei den Polizeikräften. Einige Polizisten träumen vom Deutschen Reich! Die Kriminellen feixen und vermehren sich rasend. Die Politik verausgabt sich beim Abtasten des Wählers und seinen Befindlichkeiten.

Wir jagen einem Wohlstand nach, der uns zusehends verarmen lässt. Und schauen einer Zukunft entgegen, die uns aus alten, faltigen, grimmigen Gesichtszügen den Krückstock zeigt: Die Altenrepublik!

Wir diskutieren gern, aber eigentlich ist jeder Sachverhalt zu kompliziert. Alles kann man so sehen, aber auch ganz anders. Viele sind müde von der Faktenflut und reiben sich nur noch den Bauch. Nie gab es so viele Menschen, die ihre Zerstörungswut so radikal im Internet ausleben. Nie gab es Menschen, die auf offener Straße zu tickenden Zeitbomben werden. Das Böse bricht aus der geschlossenen Anstalt der Phantasie aus und wütet in der Realität.

Wohlsituierte Bürgersleute mit freundlichen Gesichtern erklären Ausländern in gewählten Worten den totalen Krieg. Der Wahnsinn trägt kleines Karo und Brille. Ehemalige DDR-Bürger werden zu Nostalgie-Rittern. Wohlstandsbürger westlicher Prägung schwärmen vom Kalten Krieg. Wir enttäuschen und verstopfen uns selbst und tun es freiwillig. Die Festplatte, die Köpfe, die Phantasie zugeschüttet mit Nacktbildern, dummen Sprüchen, lächerlichen Parolen und kleinen, vermeintlich aufklärerischen Film-Schnipseln. Wollt ihr die totale Zerstreuung?

Nie war das Bedürfnis, zur Ruhe zu kommen, größer. Niemals waren die Apparate, diese Ruhe zu stören, ausgereifter. Unser Wohlstand ist auf dem Zenit, aber unsere Menschlichkeit geht auf Krücken!

Wir brauchen die Rückbesinnung, den inneren Kompass von Gut und Böse, eine Weltordnung im Privaten. Wir müssen den Mund aufmachen, uns engagieren.

Aufstehen und uns auf den Weg machen. Wir, die wir nicht unser Herz, unseren Verstand und unseren Mut verlieren wollen – auf dem Weg in die Zukunft.

Lars Reichow ist erfolgreicher Kabarettist, Fernsehmoderator und Entertainer. Seine intelligenten, witzigen und frechen Programme begeistern seit Langem seine Fans im deutschsprachigen Raum. Dem TV-Zuschauer ist er aus verschiedenen
Sendungen bekannt; zum Beispiel Mitternachtsspitzen, Intensivstation, Ottis Schlachthof, Neues aus der Anstalt, Mainz bleibt Mainz, Kunscht, Spätschicht, Die Lars Reichow-Show und Ohne Garantie. Einmal monatlich ist er in seiner eigenen Radiosendung „Musikalische Monatsrevue“ auf SWR2 zu hören. Seine Kolumne „Weckruf“ erscheint wöchentlich in der Allgemeinen Zeitung Mainz. Für seine Bühnenprogramme wurde er schon mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem renommierten „Deutschen Kleinkunstpreis“, dem „Gaul von Niedersachsen“ und dem „Berliner Kabarettpreis“.
Tourdaten unter www.larsreichow.de


frings-2-titelbildDieser Artikel erschien zuerst im MISEREOR-Magazin „frings.“ Das ganze Magazin können Sie hier kostenfrei bestellen >

Autor:

Gast-Autoren im MISEREOR-Blog.

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