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Ernährungssouveräntiät jetzt! MISEREOR beteiligt sich am Nyéléni Europe Forum in Cluj-Napoca/Rumänien

Ernährungssouveränität und Nyéléni – was ist das eigentlich?

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Laut der transnationalen Bäuerinnen- und Bauernbewegung La Via Campesina bedeutet Ernährungssouveränität das Recht aller Menschen auf gesunde, kulturell angepasste und nachhaltig erzeugte Nahrungsmittel. Dabei bestimmen Länder, Regionen und vor allem die dort lebenden Menschen selbst über die praktische Ausgestaltung des Landwirtschafts- und Ernährungssystems, anstatt sie globalisierten Märkten und den Interessen multinationaler Unternehmen zu überlassen. Die politische Idee der Ernährungssouveränität geht also über das eher technische Konzept der Ernährungssicherheit hinaus, welches oftmals „nur“ die Verfügbarkeit von und den Zugang zu Nahrungsmitteln hervorhebt. Aus Sicht der Ernährungssouveränität wird das Ernährungssystem ganzheitlich betrachtet. Dies schließt Fragen nach der Erzeugung, Weiterverarbeitung, Verteilung und dem Verbrauch von Nahrungsmitteln mit ein.

Die globale Nyéléni Bewegung ist 2007 in Mali entstanden und hat sich zum Ziel gesetzt, Ernährungssouveränität weltweit zu realisieren. Die Bewegung arbeitet, wie viele andere soziale Bewegungen auch, in dezentralen Strukturen. Sie verbreitete sich in den letzten 10 Jahren rund um die Welt und macht die Bedürfnisse und Ideen von Akteuren auf der Graswurzelebene von unten nach oben (bottom-up) sichtbar. Seit 2007 fanden verschiedene Foren im globalen Norden und Süden statt, auf denen sich hunderte Nahrungsmittelerzeugerinnen und -erzeuger, Aktivisten, Entwicklungs- und Umweltorganisationen, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vernetzten. Dabei entstanden die sogenannten Nyéléni Deklarationen (z.B. die Nyéléni Deklaration zu Agrarökologie von 2015), die zu einem gemeinsamen Verständnis und der Ausarbeitung politischer Forderungen innerhalb der Bewegung beitrugen.

Von der gemeinsamen Vision zu konkreten Aktionen

Die Organisation und Durchführung des Nyéléni Europe Forum in Cluj-Napoca lebte vom Engagement vieler Freiwilligen und Graszwurzelinitiativen. Beeindruckend war nicht nur die Arbeit vieler freiwillig arbeitender Dolmetscherinnen und Dolmetscher, die die Verständigung zwischen den auf dem Forum vertretenen Kulturen ermöglichte. Auch die Verpflegung mit Zutaten von lokalen Lebensmittelerzeugern machte das Forum zu einem wahrhaft „ernnährungssouveränen“ Erlebnis. Die Arbeitsweise des Forums war basisdemokratisch, die Methoden partizipativ. Workshops, Open Space-Einheiten und Ausflüge zu bäuerlichen Höfen im transsilvanischen Umland rundeten das Programm ab.

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Aus dem Forum heraus bildeten sich Arbeitsgruppen zu  sechs Themenfeldern, die von den Beteiligten als relevant und dringend erachtet wurden:

  • Zugang zu natürlichen Ressourcen und Gemeingüter
  • Rechte von Arbeiterinnen und Arbeitern  sowie Migrantinnen und Migranten im Ernährungs- und Agrarsektor
  • Agrarökologie und Saatgutsysteme
  • Alternative Handelssysteme und Konzernmacht
  • Territoriale Märkte und regionale Systeme der Lebensmittelverteilung
  • Ernährungs- und Agrarpolitiken

Neben der Entwicklung von Aktions- und Kampagnenideen zu diesen Themen, war auch die Erweiterung der westeuropäischen Ernährungssouveränitätsbewegung durch Vertreter osteuropäischer und zentralasiatischer Länder ein Ergebnis des Forums. Auch Akteure des globalen Südens reisten nach Rumänien, um den Menschen in ihren Ländern auf dem Forum eine Stimme zu geben.

Die Delegationen brachten vielfältige Aktionspläne mit nach Hause. Während die deutsche Delegation Protestkampagnen in Bezug auf die anstehende Bayer-Monsanto Fusion sowie Bildungskampagnen im Bereich Agrarökologie und Saatgut plant, wollen sich die Mitglieder der belgischen Delegation stärker der Frage widmen, wie alternative Ernährungsstrukturen zugänglich für alle, auch sozial benachteiligte und ärmere Menschen, gemacht werden können. Die französische Delegation will sich zukünftig damit beschäftigen, wie das Konzept der Agrarökologie vor der Übernahme französischer Agrarkonzerne geschützt werden kann.

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Austausch mit Bewegungen für Ernährungssouveränität ist wertvoll

Deutlich auf dem Nyéléni Europe Forum wurde: Auch Entwicklungsorganisationen aus dem globalen Norden müssen im Austausch mit sozialen Bewegungen wie Nyéléni stehen – im Norden wie im Süden. Der transformative Wandel, an dem wir arbeiten, ist stark verbunden mit Bewegungen, in denen die Bedürfnisse und Probleme marginalisierter Gruppen und der Ärmsten artikuliert werden können. Bewegungen wie Nyéléni sind agile Netzwerke, die sich der vorherrschenden Marktlogik widersetzen und denen kreative, neue Denkweisen entspringen. Es ist wichtig, diesen politischen „Raum“ zu unterstützen und von ihm zu lernen. Basieren wir unsere Arbeit auf den Ideen von Ernährungssouveränitätsbewegungen, verleihen wir ihr noch mehr Legitimität, schlagen Brücken zwischen dem globalen Süden und Norden und nehmen die Aufgabe der globalen Gerechtigkeit im Ernährungs- und Agrarsystem ernst.

Zur Pressemitteilung der Organisatorinnen und Organisatoren des Nyéléni Europe Forum 2016 zum Abschluss des Forums.

Vom 26. bis 30. Oktober 2016 kamen 500 Delegierte aus ca. 40 Ländern in Cluj-Napoca zusammen, um Ideen auszutauschen und Strategien zu entwickeln, die Ernährungssouveränität realisieren – im lokalen, europäischen und globalen Kontext. Auf dem zweiten Nyéléni Europe Forum stand eines im Vordergrund: Aktionspläne zu schmieden, die der zerstörerischen Ausbeutung des industriellen Ernährungssystems entgegenwirken und mit deren Hilfe sich sozial gerechte und ökologisch nachhaltige Lösungen umsetzen lassen. Als Teil der deutschen Nyéléni Delegation repräsentierte ich die Ernährungssouveränitätsbewegung in Deutschland auf dem Forum. Auch CIDSE KollegInnen von CCFD-Terre Solidaire und Entraide et Fraternité fuhren als Mitglieder der französischen bzw. belgischen Delegationen mit.

Über die Autorin: Alessa Heuser arbeitet als Referentin für Politik und globale Zukunftsfragen bei MISEREOR.

Autor:

Gast-Autoren im MISEREOR-Blog.

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