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Soja-Anbau in Paraguay: „Schwangere haben Angst um ihr Baby“

Interview mit Miguel Lovera, Agronom und Ex-Präsident der paraguayischen Saatgutbehörde SENAVE.

Miguel Lovera: „Die Konzerne erzählen immer, die Soja rette die Menschheit vor dem Verhungern, aber das ist Quatsch.“ Foto: Sandra Weiss.

Wie ist die Soja nach Südamerika gekommen?

Miguel Lovera: Im Jahr 2003 schaltete der Schweizer Saatgutkonzern Syngenta eine Werbeanzeige, in der von der „Vereinten Sojarepublik“ die Rede war. Das umfasste damals Teile Argentiniens, Brasiliens, Paraguays und Boliviens. Diese Länder hatten Studien zufolge das richtige Klima und die richtigen Böden für den massiven Anbau genmanipulierten Sojas. Diese ist einige Jahre zuvor auf den Markt gekommen, aber noch nicht zugelassen worden. Viele Bauern hatten die Samen aber bereits geschmuggelt und pflanzten sie illegal an. Die Strategie hat funktioniert, die Regierungen legalisierten die genmanipulierte Soja, und sie breitete sich immer mehr aus. Heute wächst Soja am Amazonas und im Chaco, außerdem hat sie sich auch in Uruguay ausgebreitet. Derzeit umfasst die Soja-Republik  80-90 Millionen Hektar. Alleine in Paraguay erwirtschaftet die Soja um die drei Milliarden US-Dollar jährlich.

Wer hat am meisten von dem Geschäft?

Der Preis wird an der Lebensmittelbörse in Chicago festgesetzt von den Zwischenhändlern, von multinationalen Konzernen wie Bunge, Cargill, Louis Dreyfuss. Sie machen den größten Gewinn, aber auch bei den lokalen Agraroligarchen bleibt genügend hängen. Vor allem, je größer ihr Anbaugebiet ist. Weitere Nutznießer sind die Samenhändler mit ihrem patentierten, genmanipulierten Saatgut. Also vor allem die Konzerne Monsanto und Syngenta, sowie die Maschinenhersteller, denn bei der Soja geht nichts ohne teure Landmaschinen.

Paraguays Soja geht vor allem nach Europa, wo sie als Viehfutter dient.

Die Konzerne erzählen immer, die Soja rette die Menschheit vor dem Verhungern, aber das ist Quatsch. Die ärmsten Menschen in Paraguay sind Kleinbauern, die just von der Soja vertrieben werden. Soja ist im Prinzip ein Konsumgut, das als Futtermittel indirekt den Hunger der Mittel- und Oberschicht nach Fleisch stillt, vor allem in Asien und Europa.

Welche Folgen sind nach über 15 Jahren Soja in Paraguay zu beobachten?

Entwaldung, Vergiftung und Verarmung der Böden, Verlust der Artenvielfalt, Anstieg von Schädlingen auf den kleinbäuerlichen Betrieben, Zunahme von Gewalt und Menschenrechtsverletzungen, Landraub. 90 Prozent all dieser Probleme haben mit der Soja und anderen Agro-Exportgütern zu tun. Paraguay konnte sich bis vor 20 Jahren selbst ernähren, und zwar mit Produkten allererster Qualität. Heute importieren wir drittklassige Lebensmittel aus Argentinien und Brasilien. Und statt gesunden Lebensmitteln essen wir industrialisierten Schrott. Das hat Auswirkungen auf die Volksgesundheit. Krebs hat zugenommen, ebenso wie Allergien und Missbildungen bei Tieren und Menschen. Heute haben Schwangere in Paraguay Angst, ob ihr Baby wohl gesund auf die Welt kommen wird. Die Soja wird von der Regierung als Heilsbringer angepriesen, aber sie ist eigentlich eine Katastrophe. Der Gewinn durch die Soja ist virtuell und bleibt nicht in Paraguay. Die Sojaproduzenten und Exporteure zahlen kaum Steuern, und die großen Konzerne bringen die Gewinne ins Ausland. Was in Paraguay bleibt, fließt in den Luxuskonsum der Reichen und in Immobilienspekulation. Der Staat und die Armen haben nichts davon.

Der jetzige Präsident Horacio Cartes sagte vor brasilianischen Unternehmern: „braucht und missbraucht Paraguay“. Das sind schon seltsame Worte …

Die Selbsterniedrigung unserer Elite macht mich immer wieder sprachlos. In anderen Ländern kommt man deshalb wegen Vaterlandsverrats hinter Gitter. Für Beobachter ist es unerklärlich, wie solche Politiker hier immer wieder an die Macht kommen. Es hat auch mit der Geschichte Paraguays zu tun, mit dem Triple-Allianz-Krieg, der Paraguay zu einer brasilianischen Kolonie machte. Das Modell hält sich aber auch durch systematische Unterdrückung Andersdenkender und durch die kriminelle Komplizenschaft des Auslands.

Voriges Jahr haben NGOs in Den Haag Monsanto symbolisch den Prozess gemacht. Weshalb ist ein richtiger Prozess derzeit nicht möglich?

Es gibt in den USA, Australien, Sri Lanka oder Argentinien Prozesse gegen Monsanto, aber dabei geht es jeweils um Einzelfälle, um Leute, die an Autismus oder Krebs erkrankt sind durch den Einsatz von Glyphosat. Aber es geht nicht um das gesamte Modell, so wie in unserem Schauprozess. Es existiert kein politischer Wille, das Modell auf den Prüfstand zu stellen.Dabei gäbe es genügend Straftatbestände, zum Beispiel Umweltzerstörung, Vergiftung,  irreführende Werbung, Vertreibung, Mord. Und jeder der Beteiligten hat daran mit Schuld, sowohl die Staaten als auch die Großgrundbesitzer, als auch die multinationalen Firmen. Ich sehe aber, dass Monsanto zunehmend in Bedrängnis gerät, denn in letzter Zeit argumentiert die Firma nicht mehr mit der Unschädlichkeit ihrer Produkte, sondern, dass sie dafür die nötigen Zulassungen hatte, also sozusagen eine Lizenz zum Verschmutzen. Das ist die gleiche Strategie, wie sie einst die Tabakindustrie fuhr. So lange diese Lizenzen bestehen, machen die Firmen weiter Geld, auch wenn sie wissen, dass ihr Vorgehen kriminell ist.

Nun plant Bayer Monsanto zu kaufen. Was bedeutet das für uns in Deutschland?

Bayer hat auch die Verantwortung für dieses kriminelle Geschäftsmodell mit eingekauft, ein Modell, das auf Mord, Korruption und Lüge basiert und Kritiker mundtot macht. Ich hoffe, dass die Deutschen sich dessen bewusst sind und entsprechend Druck ausüben, damit diese Praktiken aufhören.

Das Interview führte Sandra Weiss, Politologin und seit 18 Jahren freie Journalistin in Lateinamerika.


MISEREOR zur Fusion von Bayer und Monsanto

Es ist die größte Übernahme, die ein deutscher Konzern je getätigt hat: Im September 2016 kündigte das Agrochemie-Unternehmen Bayer an, den US-Saatgut- und Pestizidhersteller Monsanto zu übernehmen. „BaySanto“ würde damit zum größten Anbieter für Saatgut und Pestizide weltweit – mit enormem Einfluss auf unsere Landwirtschaft, Ernährung und Umwelt. Bäuerinnen und Bauern weltweit brauchen deshalb nicht nur die Unterstützung durch die Politik, sondern auch durch Verbraucherinnen und Verbraucher – informieren Sie
sich und zeigen Sie Ihre Solidarität!

Unter www.saat-fuer-vielfalt.de informieren wir über die Folgen der wachsenden Konzernmacht für Kleinbäuerinnen und Kleinbauern wie in Paraguay und stellen Alternativen für unsere Welternährung vor, die ohne Chemie und Gentechnik funktionieren und uns alle satt machen können.

 

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Autor:

Gast-Autorinnen und -Autoren im MISEREOR-Blog.

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