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Mit Geschichten der Nächstenliebe gegen den Hass: Der indische Marsch ‚Karwan e Mohabbat‘

Endlich wird Prabhat Rathod öffentliche Anerkennung entgegengebracht. Als vor 15 Jahren im indischen Bundesstaat Gujarat schwere Pogrome von fanatisierten Hindus gegen Muslime das Land Indien erschütterten, hatte er 20 Muslimen Unterschlupf und Schutz geboten. Damals rettete der Hindu Prabhat seine muslimischen Nachbarn, Freunde und Bekannten vor dem Tod durch Lynchen.

Vor dem Haus eines der Opfer im Ort Vadva /Indien macht Karwan e Mohabbat Halt: mit Gedichtrezitationen, Musik und Reden wird der Opfer gedacht. © SK/MISEREOR

Vor dem Haus eines der Opfer im Ort Vatva /Indien macht Karwan e Mohabbat Halt: mit Gedichtrezitationen, Musik und Reden wird der Opfer gedacht. © SK/MISEREOR

Von vielen wurde er dafür jahrelang geächtet. Doch heute ist das vergessen. Auf der Veranstaltung am 18. September werden die stillen Helden der Gujarat Riots 2002 geehrt. Neben Prabhat werden noch 25 andere Frauen und Männer gefeiert. Sie alle hatten inmitten des Hasses hunderte Menschen vor dem aufgebrachten Mob gerettet – 25 herausragende Beispiele für Zivilcourage und Geschichten der Nächstenliebe.

Mutige Retter werden geehrt

Die feierliche Anerkennung der mutigen Retter ist Teil eines Protestzuges, der sich derzeit durch Indien bewegt. Karwan e Mohabbat wurde unter dem Eindruck der Gewalt gegen Minderheiten ins Leben gerufen. Mit diesem „Marsch für Solidarität und Liebe“ will man der Opfer gedenken und den Wogen des Hasses entgegentreten, die in Indien derzeit wieder hochschlagen. Treibende Kraft hinter dem Marsch ist der bekannte Bürgerrechtler und Aktivist Harsh Mander. Bei der Ehrung von Prabhat Rathod und all den anderen Helfern appelliert Mander eindringlich an die Öffentlichkeit, nicht länger wegzusehen. Und äußert die Hoffnung, dass der Marsch für breitere Proteste sorgen könnte: Die „Atmosphäre der Furcht und Verzweiflung“ dürfe sich nicht weiter ausbreiten. Man müsse ihr mit einer „Atmosphäre der Liebe“ begegnen.

Menschenrechtsaktivist John Dayal (2. v.l.), Harsh Mander (4. v.l.), Initiator des Marsches, und Wahida von der Freiwilligenorganisation Nyayagraha während des Marsches durch Gujarat. © SK/MISEREOR

Menschenrechtsaktivist John Dayal (2. v.l.), Harsh Mander (4. v.l.), Initiator des Marsches, und Wahida von der Freiwilligenorganisation Nyayagraha während des Marsches durch Gujarat. © SK/MISEREOR

„Atmosphäre der Furcht“

Opfer des Hasses war auch Pehlu Khan geworden. Vor wenigen Monaten hatte ein Mob den 35-jährigen Muslim gelyncht. Erst hatte man ihn aus seinem Transporter gezerrt und dann mit Eisenstangen auf ihn eingeschlagen. Khan erlag kurz darauf seinen schweren Verletzungen. Die Täter rechtfertigten später ihre Tat und behaupteten, er habe Vieh zu einem Schlachthof transportiert. Und wähnten sich damit auf der „richtigen Seite“. Denn das Schlachten von Rindern ist in vielen Teilen Indiens verboten und wird drakonisch bestraft. Dabei war Khan nur Milchbauer, der Kühe zu seinem Hof bringen wollte.

Mord im Namen der „heiligen Kuh“

Der Lynchmord an Pehlu Khan ist die Spitze des Eisberges. Nur wenige solcher Vorfälle kommen in der überregionalen Berichterstattung indischer Medien vor. Dabei nehmen im ganzen Land Anfeindungen und Gewaltverbrechen gegen Minderheiten zu. Wie im Falle von Pehlu Khan dient oftmals die „heilige Kuh“ als Rechtfertigung für grausame Gewalttaten. Selbst ernannte Kuh-Beschützer gehen genauso gegen Muslime wie Dalits und Adivasis vor. Auch Christen fühlen sich bedroht. Die Regierung verurteilt die Vorfälle – wenn überhaupt – nur halbherzig. Viele Bürgerinnen und Bürger schauen weg. Doch es erheben sich mehr und mehr Stimmen gegen das kollektive Wegsehen. Karwan e Mohabbat, der Marsch für Solidarität und Nächstenliebe, ist eine bedeutsame Stimme des zivilgesellschaftlichen Protestes.

Karwan e Mohabbat, der Marsch für Solidarität und Liebe, unter Polizeibeobachtung. © SK/MISEREOR

Karwan e Mohabbat, der Marsch für Solidarität und Liebe, unter Polizeibeobachtung. © SK/MISEREOR

Stimmen gegen das Wegsehen

Am 4. September hatte sich Karwan e Mohabbat  auf den Weg durch neun indische Bundesstaaten begeben. Angeschlossen haben sich dem Marsch engagierte Studierende, Priesterseminaristen, Aktivisten und Anwälte sowie Vertreter der Zivilgesellschaft und von NGOs. Auch der MISEREOR-Partner Janvikas ist hier in Gujarat mit dabei. Zudem begleiten Journalisten und Fotografen den Zug und dokumentieren die Ereignisse. Neben einem festen Kern von etwa 50 Teilnehmenden reihen sich immer wieder zahlreiche weitere Engagierte in den Zug ein. An den Orten des Hasses und Verbrechens wie denen in Gujarat und Rajasthan, wo Pehlu Khan getötet wurde, macht Karwan e Mohabbat Halt. Blumenketten werden niedergelegt. Mit Gedichtrezitationen, Musik und Reden von Überlebenden und Angehörigen gedenken die Unterstützer des Zuges den Opfern.

Gandhi als Vorbild

Am 2. Oktober wird der Marsch zu Ende gehen. An diesem historischen Datum – es ist der Geburtstag von M.K. Gandhi – findet die große Abschlusskundgebung statt. Auch der Ort der Veranstaltung ist klug gewählt: An Gandhis Geburtsort, in Porbandar, wollen die Initiatoren daran erinnern, dass der „Vater der Nation“ unbeirrt die Nächstenliebe beschwor. Prabhat Rathod und all die anderen stillen Helden haben dieser Nächstenliebe in einer „Atmosphäre der Furcht“ ein Gesicht gegeben.

Über den Autor: Thomas Stauber lebt und arbeitet in Indien.


Dieser Beitrag ist Teil einer Beitragsreihe, die sich im Vorfeld der Fastenaktion 2018 mit politischen, gesellschaftlichen, kulturellen und kirchlichen Hintergründen in Indien auseinandersetzt. Die Fastenaktion 2018 wird gemeinsam mit der Kirche in Indien gestaltet und geht der Frage nach, was wir gemeinsam tun können, damit immer mehr Menschen ein menschenwürdiges und gutes Leben leben können.

www.misereor.de/fastenaktion >

Geschrieben von:

Gast-Autorinnen und -Autoren im Misereor-Blog.

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