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„Der Tropfen, der den Ozean bewegt“ – Eine Umweltinitiative in Mumbai kämpft gegen die Vermüllung der Meere

Der Morgendunst über Mumbai lichtet sich. Die ersten Jogger und Spaziergänger zieht es früh an die Strände der größten Wirtschaftsmetropole Indiens. Auch am Versova Beach – etwa 30 Kilometer nordwestlich vom Zentrum Mumbais – fasziniert der Blick auf die im Süden schimmernde Skyline. Ein Blick in den Sand unter den Füßen ist hingegen sehr ernüchternd und holt die morgendlichen Besucher auf den Boden der schmutzigen Tatsachen zurück: Ein Meer aus Kunststoffverpackungen, Plastikflaschen und Tragetüten bedeckt beinahe flächendeckend den 2,5 Kilometer breiten Strand von Versova. Die vergangene Regenzeit mit Stürmen hat das Meer zusätzlich aufgewühlt und wieder große Mengen Plastikmüll angespült.

Ein Meer aus Kunststoffverpackungen, Plastikflaschen und Tragetüten bedeckt beinahe flächendeckend den 2,5 Kilometer breiten Strand von Versova im indischen Mumbai. © Thomas Stauber

Ein Meer aus Kunststoffverpackungen, Plastikflaschen und Tragetüten bedeckt beinahe flächendeckend den 2,5 Kilometer breiten Strand von Versova im indischen Mumbai. © Thomas Stauber

Bürgerinitiative leistet Sisyphusarbeit

Unter die Morgenspaziergänger am Versova Beach mischt sich an diesem Sonntag eine Gruppe, die sich als Versova Resident Volunteers zu erkennen gibt. Sie tragen Westen oder Polohemden in orangener Signalfarbe, mit einer Aufschrift gut lesbar auf den Rücken aufgedruckt. Vor über zwei Jahren hatte sich die Bürgerinitiative gegründet. Jeden Samstag und Sonntag lesen die Versova Resident Volunteers in den frühen Morgenstunden den Müll auf – Strandabschnitt für Strandabschnitt. Eine Sisyphusarbeit, die im vergangenen Mai von Erfolg gekrönt wurde. Die Volunteers konnten stolz verkünden, dass Versova Beach „müllfrei“ sei.

Jeden Samstag und Sonntag lesen die Versova Resident Volunteers in mühevoller Sisyphusarbeit den Müll auf: Strandabschnitt für Strandabschnitt. © Thomas Stauber

Jeden Samstag und Sonntag lesen die Versova Resident Volunteers in mühevoller Sisyphusarbeit den Müll auf: Strandabschnitt für Strandabschnitt. © Thomas Stauber

Ohne großes Aufheben ans Werk

Der Kopf hinter der Bewegung ist Afroz Shah, der vor gut zwei Jahren nach Versova zog. Ihm machte der Zustand des Strandes so zu schaffen, dass er sich mit einem Nachbarn und guten Freund ohne großes Aufheben ans Werk machte. Und sich zunächst viel Spott und Hohn anhören musste. Doch langsam wuchs die Initiative, Shah konnte weitere Nachbarn und Anwohner überzeugen. Immer mehr Menschen wollten tatkräftig mitmachen – und ein Zeichen setzen.

8.000 Tonnen Müll

Mona Keshwani ist Freiwillige der ersten Stunde und Nachbarin von Afroz Shah. Sie erzählt, dass das eigentliche Ziel nicht die Sauberkeit am Strand von Versova sei: „Es geht weniger um diesen einen Strand. Es geht vielmehr um das Signal, das wir aussenden wollen. Wir möchten die Öffentlichkeit auf das Problem der Vermüllung der Meere – und damit auch der Strände –  aufmerksam machen. Das machen wir jetzt seit 104 Wochen!“ Und damit sind Shah, Keshwani und all die anderen Freiwilligen ziemlich erfolgreich: Zum 100. (Wochen-)Jubiläum kamen über 3.000 Unterstützer an den Strand von Versova. Shah und die zahlreichen Helferinnen und Helfer konnten Versova bislang von 8.000 Tonnen Müll befreien.

An diesem Sonntagmorgen im Oktober sind es etwa 50 Personen, die mitmachen. Sie alle wollen gemeinsam etwas verändern und Versova vom gigantischen Müllteppich befreien. © Thomas Stauber

Bereits 8.000 Tonnen Müll konnten die Freiwilligen am Strand von Versova einsammeln. © Thomas Stauber

Social Media und gute PR

Der Erfolg ist auch einer breiten und geschickten Berichterstattung zu verdanken. Dafür ist der umtriebige Afroz Shah verantwortlich. Regelmäßig twittert Shah Fotos und kurze Statements seiner Einsätze. Zudem gelang es ihm, den Schauspieler Amitabh Bachchan als Fürsprecher zu gewinnen. Dessen Engagement wurde zum „Selbstläufer“ für die Bürgerinitiative. Sodann wurde auch die UN auf die unermüdlichen Bemühungen aufmerksam. Sie möchte die Volunteers von Versova als Good Practice an anderen Orten dieser Welt vorstellen. Premier Modi lobte das Engagement Shahs in höchsten Tönen, internationale Medien berichteten über das Engagement in Mumbai, auch Leonardo DiCaprio zeigte sich begeistert von deren Engagement zum Schutz der Meere und Strände.

Gemeinsame Sache machen

In der Regenzeit musste man einen Rückschlag hinnehmen, denn die Unwetter hatten das Meer aufgewühlt und wieder Unmengen von Plastikmüll angespült. Doch von Entmutigung ist in der Gruppe nichts zu spüren: Beinahe trotzig macht man sich wieder an die Arbeit. An diesem Sonntagmorgen im Oktober sind es etwa 50 Personen, die mitmachen: Jung und Alt, Arm und Reich, Christen, Hindus und Muslime. Sie alle wollen gemeinsam etwas verändern. Fischerleute aus Versova sind genauso engagiert dabei wie Anwohner der Nobel-Apartmenthäuser am Strand. Straßenkinder fischen Plastik aus dem Wasser, College-Kids aus wohlhabendem Haus türmen Müllhaufen auf. Sie alle vereint das gemeinsame Ziel, Versova vom gigantischen Müllteppich zu befreien.

An diesem Sonntagmorgen im Oktober sind es etwa 50 Personen, die mitmachen. Sie alle wollen gemeinsam etwas verändern und Versova vom gigantischen Müllteppich befreien. © Thomas Stauber

An diesem Sonntagmorgen im Oktober sind es etwa 50 Personen, die mitmachen. Sie alle wollen gemeinsam etwas verändern und Versova vom gigantischen Müllteppich befreien. © Thomas Stauber

Ein Tropfen sorgt für Wellen am Strand von Mumbai

Afroz Shah kann heute ausnahmsweise nicht mit dabei sein: Während sich seine Mitstreiterinnen und Mitarbeiter ans Werk machen, referiert Shah auf einer EU-Konferenz über seine Initiative und die Bedeutung von individueller Erfahrung, die gesellschaftliche Veränderung bewirke: „Wenn Menschen bei einer unserer Säuberungsaktionen mitmachen, verändert dieses persönliche Erlebnis ihre gesamte Haltung. Denn die Person sieht direkt den Effekt ihres Verhaltens. Und das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sie danach auch ihr Denken grundsätzlich verändert und zukünftig mehr Verantwortung für die Umwelt übernimmt.“ Eine Botschaft auch an seine Kritiker, die seine Initiative als „Tropfen im Ozean“ kritisieren und sie als wirkungslos abkanzeln wollen. Shah würde wohl mit einer Gegenfrage antworten: „Ist es nicht der eine Tropfen, der für große Wellenbewegungen sorgen kann“?

Der Erfolg der Versova Resident Volunteers ist auch einer breiten Berichterstattung zu verdanken: Zum 100. (Wochen-)Jubiläum kamen über 3.000 Unterstützer an den Strand von Versova. © Thomas Stauber

An diesem Sonntagmorgen im Oktober sind es etwa 50 Personen, die mitmachen. Sie alle wollen gemeinsam etwas verändern und Versova vom gigantischen Müllteppich befreien. © Thomas Stauber

Über den Autor: Thomas Stauber lebt und arbeitet in Indien.


Dieser Beitrag ist Teil einer Beitragsreihe, die sich im Vorfeld der Fastenaktion 2018 mit politischen, gesellschaftlichen, kulturellen und kirchlichen Hintergründen in Indien auseinandersetzt. Die Fastenaktion 2018 wird gemeinsam mit der Kirche in Indien gestaltet und geht der Frage nach, was wir gemeinsam tun können, damit immer mehr Menschen ein menschenwürdiges und gutes Leben leben können.

www.misereor.de/fastenaktion >

Autor:

Gast-Autoren im MISEREOR-Blog.

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