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Zwischen Hasspredigt und Friedenstaube

Dieses Wintersemester startete in Kooperation mit MISEREOR und missio der Masterstudiengang „Theologie und Globale Entwicklung“ an der RWTH Aachen.

Podium des Symposiums "Zwischen Hasspredigt und Friedenstaube" (von links): Emanuel Richter (Politologe der RWTH Aachen, Rabeya Müller (muslimische Theologin, Köln), Manfred Nettekoven (Kanzler der RWTH Aachen, Moderator), Pirmin Spiegel (Hauptgeschäftsführer von MISEREOR), Karin Kortmann (Leiterin der GIZ_Repräsentanz in Berlin).

Podium des Symposiums „Zwischen Hasspredigt und Friedenstaube“ (von links): Emanuel Richter (Politologe der RWTH Aachen, Rabeya Müller (muslimische Theologin, Köln), Manfred Nettekoven (Kanzler der RWTH Aachen, Moderator), Pirmin Spiegel (Hauptgeschäftsführer von MISEREOR), Karin Kortmann (Leiterin der GIZ-Repräsentanz in Berlin), Foto: MISEREOR.

Ein Studiengang in Kooperation mit zwei großen Werken für Entwicklungszusammenarbeit. Das gibt es so noch nicht in Deutschland. Dieses Wintersemester startete nach vierjähriger Planungsphase der Masterstudiengang „Theologie und Globale Entwicklung“ an der RWTH Aachen. MISEREOR und missio waren bei der Ausgestaltung maßgeblich beteilig und liefern mit Gastdozierenden konkrete Praxisbezüge aus der eigenen Arbeitsrealität. Doch welche Rolle hat Religion eigentlich im Kontext von Säkularität, Poltik, Entwicklungszusammenarbeit und globaler Integration? Und was erwarten die Studierenden? Fragen, die auf dem Eröffnungssymposium beantwortet wurden.

Klaus Krämer, Präsident von missio, Aachen:

„Friedliche, respektvolle Koexistenz der Religionen ist keine Selbstverständlichkeit und die Herausforderung des 21. Jahrhunderts. Religion wird missbraucht, um Hass zu säen; das müssen wir in vielen Partnerländern beobachten.

Friedliche Koexistenz braucht interkulturelle Kompetenz, eigenes, religiöses Selbstverständnis und die Fähigkeit zu interreligiösem Dialog. Religionsfreiheit bildet das Fundament des interreligiösen Dialogs.“

Klaus Krämer, Präsident von missio

Klaus Krämer, Präsident von missio, Foto: MISEREOR.

Emanuel Richter, Politologe der RWTH Aachen:

„Das eine ist die Trennung zwischen Staat und Kirche, die wir in vielen westlichen Systemen mühsam durchgesetzt haben und die in anderen Systemen nicht so gut klappt. Das ist ein hohes Gut, das müssen wir pflegen. Diese Trennung sichert beispielsweise Religionsfreiheit, bringt aber auch eine komplizierte Aufsicht des Staates mit sich, zum Beispiel beim Thema Religionsunterricht an Schulen.“

Emanuel Richter, Politologe der RWTH Aachen (links), Rabeya Müller, muslimische Theologin (rechts)

Emanuel Richter, Politologe der RWTH Aachen (links), Rabeya Müller, muslimische Theologin, Köln (rechts), Foto: MISEREOR.

„Die Frage, was politische Systeme in der Welt im Hinblick auf religiöse Fragen, auf Wertefragen allgemein, leisten können, ist sehr zentral. Das betrifft aber nicht das Verhältnis von Staat und Kirche, sondern von Politik und Religion. In den letzten Jahren haben wir gesehen, dass diese Verknüpfung von Politik und Religion, von Politik und Wertefragen, enorm zugenommen hat und sie von rationalen Aufklärern immer unterschätzt wurde. Übersetzt in politische Konstellationen sind religiöse und Wertefragen sehr klar auf kollektives Zusammenleben gerichtet: Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität und andere. Da muss die Politik Impulse setzen und der Staat seiner Aufsichtspflicht nachkommen. Gleichzeitig darf er sich nicht zu sehr einmischen und muss sich aus religiösen Fragen heraus halten. Wir haben mit der Religionsfreiheit das Recht, über Wertefragen zu denken wie wir wollen. Aber wir sind begründungspflichtig. Wir müssen es im kollektiven Leben operationalisieren. Da ist der Staat gefragt, das zu organisieren“.

Rabeya Müller, muslimische Theologin, Köln:

„Meiner Meinung nach darf sich der Staat nicht in die Religion einmischen. Er sollte sich aber darum kümmern, dass mehr Schülerinnen und Schüler wissen, was in der Verfassung steht. Ich bin bestimmte Grundartikel mit muslimischen Schülerinnen und Schülern durchgegangen und die Reaktion war: ‚Ach, das ist ja gar nicht so schlimm wie wir dachten. Das widerspricht unseren Werten ja gar nicht.‘ Plötzlich war da die Erkenntnis, dass wir die gleichen Werte haben, die wir auch gemeinsam verteidigen können. Diese Wertediskussion unterliegt eindeutig der Aufsichtspflicht des Staates und dazu gehört auch politische Bildung. Die ist bei uns viel zu kurz gekommen.“

Rabeya Müller, muslimische Theologin, Köln

Rabeya Müller, muslimische Theologin, Köln, Foto: MISEREOR.

„Auch Religion unterliegt einem Entwicklungsprozess. Das bedeutet nicht, dass sich die Grundfesten der Religion verändern müssen. Sondern dass es möglich ist, dass sich Religion entsprechend der sozialen Umstände und des sozialen Umfelds entwickelt. Das heißt, dass wir den Islam, den wir hier in Deutschland und Europa praktizieren, nicht mehr aus bestimmten Heimatländern der Vorfahren vieler europäischer Musliminnen und Muslime importieren müssen. Und den Islam und die Musliminnen und Muslime hier in Deutschland und in Europa nicht immer nur an dem messen, was irgendwelche Extremisten irgendwo tun. Wir können dann eigene theologische Strömungen entwickeln und in die Praxis umsetzen. Das bedeutet für mich ‚lebbarer Islam‘.“

Karin Kortmann, Leiterin der GIZ-Repräsentanz in Berlin:

„Was der Staat tun muss, ist alle Kompetenzen einzubinden, wo er sie selbst nicht hat und dafür zu sorgen, dass das was in unserer Verfassung verankert ist, die Religionsfreiheit, jeden Tag wieder mit Leben gefüllt wird. Religionsfreiheit ist ein hohes Privileg. Und das ist auch für die Entwicklungszusammenarbeit ein guter Ansatzpunkt, um im Rahmen von Good Governance tätig zu werden. Denn Religion ist eben nicht nur die Privatangelegenheit eines jeden Gläubigen, sondern sie braucht eine strukturelle Verankerungen und einen Rahmen, die der Staat ihr zur Verfügung stellt.“

Pirmin Spiegel, Hauptgeschäftsführer von MISEREOR (links), Karin Kortmann, Leiterin der GIZ-Repräsentanz in Berlin (rechts)

Pirmin Spiegel, Hauptgeschäftsführer von MISEREOR (links), Karin Kortmann, Leiterin der GIZ-Repräsentanz in Berlin (rechts), Foto: MISEREOR.

„In den letzten Jahren wurde auf internationaler politischer Ebene einiges erreicht –Klimaabkommen in Paris, Agenda 2030 mit den 17 Nachhaltigkeitszielen – das ein neues Gemeinwohldenken hervorbringen kann: Wir wollen nicht mehr tatenlos zuschauen, wir wollen stärker in Multi-Akteurs-Partnerschaften einsteigen, wo Staat, wo Wirtschaft, wo Zivilgesellschaft miteinander kooperieren. Und dann bringt ein Papst eine Enzyklika auf den Markt, die von allen rezipiert wird, nicht nur von den Katholiken, sondern von allen. Ich habe es selten erlebt, dass auf den Schreibtischen im Umweltministerium eine Enzyklika liegt. Weil da jemand ist, der gesagt hat, die Sorge um das gemeinsame Haus, die muss uns miteinander verbinden. So dass wir das Gegeneinander weglegen und das Miteinander in den Mittelpunkt stellen“.

Pirmin Spiegel, Hauptgeschäftsführer von MISEREOR:

„Das Angebot für Integration, das ich vorschlagen würde, wäre das Angebot Zuzuhören. Ich bin davon überzeugt, dass Entwicklungspolitik und -zusammenarbeit in vielen Bereichen zur Voraussetzung hat, den anderen oder die andere zu verstehen: Zu verstehen, wo er oder sie herkommt, den  Lebenskontext zu kennen. Wenn ich nicht verstehe, ist es schwierig Dialog zu führen, und wenn ich nicht versuche zu verstehen, dann ist es sehr einfach vor dem anderen oder der anderen in Furcht zu geraten. Und ich möchte dafür werben, die anderen nicht als Feind oder Gegner zu betrachten, sondern als Chance. Daher ist das Wort ‚Beziehung‘ und die Akzeptanz des Andersseins enorm wichtig, nicht nur für Entwicklungszusammenarbeit.“

Pirmin Spiegel, Hauptgeschäftsführer von MISEREOR

Pirmin Spiegel, Hauptgeschäftsführer von MISEREOR, Foto: MISEREOR.

„Ich habe in vielen Jahren in Südamerika erlebt, dass es für Regierungen, sagen wir einfach einmal für die deutsche und die brasilianische Regierung, möglich ist, miteinander zu verhandeln und Gesetze und Abkommen anzustoßen und abzuschließen. Aber eine deutsche Regierung könnte öffentlich nie eine Menschenrechtsorganisation in Brasilien unterstützen, die permanent die brasilianische Regierung kritisiert, weil sie Minderheiten wie die Indigenen diskriminiert. Das können aber wir als zivilgesellschaftliche Akteure, als religiöse Akteure, tun. Wir können, gemeinsam mit unseren Partnern vor Ort, dafür sorgen, dass Menschenrechtsverstöße nicht unter den Teppich gekehrt werden und Betroffene an den Tisch bringen, wo die Entscheidungen fallen, und sie gehört werden. Hier können sie ihre Erfahrungen, ihre Kompetenzen und ihre Geschichte einbringen.“

Studierende des Masterstudiengangs "Theologie und globale Entwicklung" an der RWTH Aachen

Studierende des Masterstudiengangs „Theologie und globale Entwicklung“ an der RWTH Aachen, Foto: MISEREOR.

Idris Malik, MA-Student:

„Ich engagiere mich in meiner Moschee und bin schon länger ehrenamtlich im interreligiösen Dialog tätig. Da hatte ich auch einige Projekte zusammen mit Professor Paganini, Direktor des Instituts für Theologie, und er hat mir den Studiengang vorgestellt. Zwar bin ich schon mitten im Berufsleben, ich arbeite als Rechtsanwalt, aber es klang sehr interessant und ich glaube, dass es mir noch weiteres theoretisches Wissen für meine praktische, ehrenamtliche Arbeit vermitteln kann.“

Carola-Marlen Gabriel, MA-Studentin:

„Ich habe mich bewusst dazu entschieden, noch einmal etwas anderes zu studieren. Ursprünglich habe ich auf Gymnasiallehramt, Biologie und Religion, studiert. Zwar möchte ich gerne in diesem Gebiet tätig werden, aber außerhalb der Schule. Der Master gibt mir die Möglichkeit noch einmal einen Abschluss zu haben, mit dem ich auch außerhalb der Schule tätig sein kann. Genau in diesem Spannungsfeld, denn ich denke gerade in der Entwicklungszusammenarbeit ist es wichtig, dass der bioethische Aspekt mit berücksichtigt wird. Ich hoffe dadurch noch einmal neue Impulse zu bekommen, zusätzlich zu den naturwissenschaftlichen. Um aktiv werden und Verantwortung übernehmen zu können, für die Zukunft unseren ganzen Planeten.“

Alexander-Maximilian Gialousis, MA-Student:

“Meine Erwartung an den Studiengang ist, dass ich meine europäische Brille auf Entwicklungszusammenarbeit, auf Religion und die Erwartungen an Religion verliere. An der RWTH habe ich einen Bachelor in Theologie und Deutsch auf Lehramt gemacht und möchte das gerne noch erweitern, weil ich mich als religiös bezeichnen würde und eine eigene Motivation gefunden habe, mich mit dem Thema Religion zu beschäftigen. Obwohl ich aus einem nicht-religiös sozialisierten Haushalt stamme. Gleichzeitig habe ich einen politischen Aspekt in meinem Studium vermisst, was aber auch klar ist, und wollte diesen nun einbringen. Die Erwartung ist also, eine Verbindung zwischen Politik und einem globalen Verständnis von Religion und Entwicklungszusammenarbeit herzustellen.“

Laura Kühlert, MA-Studentin:

„Ich habe vorher Sonderpädagogik in Köln studiert. Menschen mit Behinderung, das war mir eigentlich schon immer ein Anliegen. Aber so wie es von der Landesregierung und von den Geldern verteilt wird, wird zwar stark auf Inklusion gesetzt, aber auch auf ein finanzielles Sparpaket. Die weltweite Perspektive und die politische Dimension fehlen mir da allerdings.“

Lena Gelsterkamp, MA-Studentin:

„Ich erwarte mir von dem Studiengang, die politische Dimension von Religion besser zu verstehen. Ich habe vorher Religionspädagogik in Paderborn studiert und da ist Politik oder Gesellschaft zu kurz gekommen. Der Master ist ein gutes Angebot, um Religion von einer anderen Seite und in größeren Dimensionen, also auf globaler Ebene, zu betrachten.“

Thomas Kuller, Referent für Religion, Frieden und Konflikt, MISEREOR und Wissenschaftlicher Mitarbeiter, RWTH Aachen:

„Ich finde es sehr sinnvoll, diesen Studiengang hier einzuführen, weil Aachen einfach den Vorteil dreier kirchlicher Hilfswerke hat. Deshalb freue ich mich, dass die Kooperation mit MISEREOR und missio zustande gekommen ist. Was meine Rolle betrifft, erhoffe ich mir, in der Uni die Praxis miteinfließen lassen zu können und umgekehrt bei MISEREOR und im Dialog mit den Partnern noch ein wenig mehr wissenschaftliche Perspektiven einbringen zu können. Ich hoffe also, beide Richtungen miteinander verbinden zu können. Es gibt ja auch noch weitere MISEREOR-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter, die Vorlesungen halten. Das ist eben eine Stärke des Studienganges, dass er so praktisch aufgebaut ist; mit konkreten Länder- und Fallbeispielen.“

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