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Essen vom Straßenrand pflücken in Andernach

Bitterorangen und China-Datteln, Granatäpfel, Kiwis und Kürbisse: All das wächst in Andernach fast überall. Zäune gibt es nicht und ernten darf jeder. Andernach ist die erste „Essbare Stadt“ Deutschlands – und auch international ein Vorbild.essen-vom-straßenrand-in-andernach

„Gießen, Jungs, ordentlich gießen – das ist das A und O!“ Gärtnermeister Gerhard Eberlein steht breitbeinig im Kürbisbeet und gibt knappe Anweisungen. „Aber nie direkt auf die Pflanzen, immer schön drum herum, dann wachsen die Wurzeln besser an!“ Es ist sonnig in Andernach, einem 30.000-Einwohner-Städtchen zwischen Bonn und Koblenz am Rhein. Im lichterfüllten Schlossgarten, vor der imposanten Kulisse der Kurfürstlichen Burgruine, warten 50 Kürbispflänzchen in kleinen Plastiktöpfen darauf, in die frische geharkte Erde gesetzt zu werden, dazwischen Sonnenblumen, „fürs Auge“, wie Eberlein sagt, „alles aus eigener Anzucht.“ In Andernach sprießt, blüht, treibt und keimt es vielerorts: Entlang der mittelalterlichen Stadtmauern reihen sich Hopfenranken und Weinstöcke, Birnen- und Apfelbäume, Wildblumenbeete und auch so ungewöhnliche Gewächse wie Indianerbananen. Hochbeete, Kisten und Kästen mit Kräutern, Salatköpfen, Erdbeeren und Tomaten, Kartoffeln und Kohl zählen hier zum Stadtbild wie anderswo Stiefmütterchen oder Geranien. Etwa ein Hektar Grünfläche werden im historischen Stadtgebiet beackert, dazu noch einmal 14 Hektar auf einer öffentlichen Permakulturanlage ein wenig außerhalb. Mehr als 100 Arten gedeihen hier, ganz ohne Chemie, denn angebaut wird konsequent ökologisch. „Dadurch haben wir häufiger mal mit Blattläusen und anderen Schädlingen zu kämpfen, aber das gehört halt dazu“, sagt Gerhard Eberlein.

In ganz Andernach sprießt und blüht es: Ein Garten für jedermann, ohne Zäune, inmitten der Stadt. Erst waren die Behörden kritisch, jetzt sind sie begeistert. © David Klammer

In ganz Andernach sprießt und blüht es: Ein Garten für jedermann, ohne Zäune, inmitten der Stadt. Erstwaren die Behördenkritisch, jetzt sind sie begeistert. © David Klammer

„Essbare Stadt“ – so nennt sich Andernach selbst –, ein deutschlandweit einmaliges Konzept, das von Stadtplaner Lutz Kosack stammt. Er hat im dritten Stock des Rathauses sein Büro und erinnert sich gut daran, wie alles begann, vor fast zehn Jahren: „Mein Ziel war es, wieder mehr Kontakt herzustellen zwischen Mensch und Pflanze, nicht nur über Dinge wie Biodiversität und Artenvielfalt zu reden, sondern sie konkret erlebbar zu machen.“ Anfangs stieß Kosack mit seiner Idee auf Skepsis – ein Garten für jedermann, ohne Zäune, inmitten der Stadt, das klang für viele in der Behörde allzu abenteuerlich. Doch längst herrscht parteiübergeifend Konsens darüber, dass Andernach von dem Projekt profitiert. „Das Medienecho ist riesig, zu uns kommen Touristen und Experten aus aller Welt, um sich zu informieren, das hat das Bild unserer Stadt enorm aufgewertet.“

Jeder, der mag, kann sich ein paar Kräuter fürs Abendbrot aus den bepflanzten Kästen zupfen. © David Klammer

Jeder, der mag, kann sich ein paar Kräuter fürs Abendbrot aus den bepflanzten Kästen zupfen. © David Klammer

Das ist es allerdings nicht, was für Kosack in erster Linie zählt: „Ich möchte die Stadt für die kommenden Generationen lebenswert machen.“ Der Klimawandel ist auch in Andernachs Talkessellage deutlich spürbar. „Wenn wir nicht wollen, dass hier irgendwann alle vor Hitze ersticken und Herz und Kreislauferkrankungen weiter steigen, dann kann nur eine konsequente Durchgrünung der Stadt die Antwort sein.“ Etwa 50.000 Euro hatte Kosack anfangs zur Verfügung, um seinen Traum zu verwirklichen. Mittlerweile hat sich der Etat zwar verdoppelt – doch „wir schwimmen hier nicht im Geld.“ Mithilfe vieler kleiner Tricks ist es der Stadtverwaltung dennoch gelungen, Andernach stetig grüner werden zu lassen. „Wir haben zum Beispiel alle Wechselstaudenbeete in mehrjährige Beete umgewandelt, das spart viel Geld“, sagt Kosack.

Er ist stolz darauf, wie sich Andernach in den vergangenen Jahren gewandelt hat. So besitzen mittlerweile sämtliche Grundschulen einen eigenen Garten, viele Schüler haben Patenschaften für Beete im Stadtgebiet übernommen. „Wir haben erst nach und nach begriffen, wie viele Facetten unser Ansatz hat“, erinnert sich Kosack. „Als plötzlich Fernsehteams vor der Tür standen, die Filme über Demokratieverständnis oder das Teilen drehen wollten.“ Er steht täglich im Austausch mit Kommunen bundesweit, die seine Idee nachahmen wollen. Auch aus dem Libanon, Tunesien und Marokko waren schon Delegationen zu Gast.

Shabir Ahmadi arbeitet im Team. Ihm gefällt, dass die Arbeit auch für die Bevölkerung sichtbar wird und Perspektiven eröffnet. © David Klammer

Shabir Ahmadi arbeitet im Team. Ihm gefällt, dass die Arbeit auch für die Bevölkerung sichtbar wird und Perspektiven eröffnet. © David Klammer

„Wir können viel voneinander lernen, denn Deutschland ist, was Stadtgärtnern angeht, noch Entwicklungsland“, sagt Kosack. Während der urbane Obst- und Gemüseanbau in vielen Ländern des Südens einen wichtigen Beitrag zur Ernährung der lokalen Bevölkerung leiste, sei er hierzulande, angesichts der Überproduktion, eher Luxus. „Das war nach dem Zweiten Weltkrieg ganz anders, da war der Potsdamer Platz in Berlin eine einzige große Ackerfläche und hat die Menschen vor dem Verhungern bewahrt.“ Der Austausch mit aller Welt freut Kosack, spornt ihn an. Rundum zufrieden ist er trotzdem nicht. „Wir werden hier oft als grünes Schlaraffenland beschrieben oder als die verrückten Öko-Buhmänner“, sagt er. „Mir fehlen dabei die Graustufen.“ Denn davon, so findet er, gibt es noch viele in Andernach. Ein großes Problem ist etwa die mangelnde Bürgerbeteiligung. „Viele interessieren sich mehr für kaputte Ampeln und Schlaglöcher als für ökologischen Landbau. Die Menschen zum Mitmachen zu motivieren, sodass sie vom Beschwerdeträger zum Selbstgestalter werden, das ist nicht einfach.“ So sind die Andernacher zwar rasch bei der Ernte, pflücken reifes Obst und Gemüse bei Gelegenheit gern im Vorübergehen. Doch gehegt und gepflegt werden die Nutzpflanzen allein von Gärtnermeister Eberlein und dessen Team.

Gärtnermeister Gerhard Eberlein pflanzt alles ökologisch an. © David Klammer

Dr. Lutz Kosack ist Projektverantwortlicher der Essbaren Stadt. © David Klammer

Das besteht hauptsächlich aus Langzeitarbeitslosen und Flüchtlingen. Sie sollen dadurch eine Perspektive auf dem Arbeitsmarkt bekommen, sagt Kosack, und: „Gartenarbeit ist in hohem Maße sinnstiftend, sie hilft, die Seele zu erden.“

Fünf junge Männer aus Pakistan, Afghanistan und Eritrea sind heute in den Kürbisbeeten im Einsatz. Unermüdlich schleppen sie Gießkannen voll Wasser herbei, damit die Pflanzen auch ordentlich anwachsen. Shabir Ahmadi war in Afghanistan Inhaber eines Supermarktes. Gärtnern gelernt hat er erst hier. „Es macht mir großen Spaß, besonders, wenn ich am Ende des Tages sehe, was wir alles geschafft haben“, sagt er. Zufrieden ist auch Gerhard Eberlein. Er muss keine großen Worte verlieren, damit die Arbeit läuft. „Die Jungs haben das Gärtnern im Blut“, sagt er, nickt anerkennend und fügt hinzu: „Es ist wichtig, dass sie nicht nur für sich selbst leben, sondern gezwungen sind, sich mit uns auseinanderzusetzen und wir uns mit ihnen.“ Nicht nur von ihm wird die Gruppe bei ihrer Arbeit beäugt: Immer wieder bleiben Mütter mit Kindern stehen, Touristen, Passanten. Stellen Fragen zu den Pflanzen, wollen Tipps und Anregungen – oder einfach nur ein bisschen schauen. So wie Kläre Ferber: „Ich rieche so gerne an den Kräutern und zupfe mir ab und zu etwas ab, für mein
Abendbrot“, sagt die Rentnerin. „Ich glaube, wir alle hier sind stolz auf unsere Stadt!“

Über die Autorin: Gesa Wicke ist Redakteurin beim Deutschlandfunk in Köln. Zuvor hat sie als TV- und Hörfunkreporterin für den NDR gearbeitet. „Mich hat beeindruckt, mit wie viel Engagement und Herzblut viele Menschen in der ‚Essbaren Stadt‘ Andernach für unkonventionelle Ideen kämpfen und diese Stück für Stück durchsetzen – auch, wenn das nicht immer ganz einfach ist.“


Dieser Artikel erschien zuerst im MISEREOR-Magazin „frings.“ Das ganze Magazin können Sie hier kostenfrei bestellen >

Autor:

Gast-Autoren im MISEREOR-Blog.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Wieso wird in dem Artikel Heike Boomgaarden nicht erwähnt, die maßgeblich das Konzept mit entwickelt hat, jede Menge Preise dafür bekommen hat und ein Buch über das Projekt geschreuben hat. Sehr schlecht recherchiert.

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