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Lima: Die Kraft der Säulen

Die Sanierung historischer Gebäude im Zuge der Stadtentwicklung verheißt für die Bewohner nicht nur Gutes. Werden die äußeren Lebensbedingungen auch verbessert, droht schnell Vertreibung, jahrzehntealte Nachbarschaft zerbricht, Lebensgrundlagen werden zerstört. In Perus Hauptstadt Lima gibt es ein Haus, dessen Bewohner sich nicht zufrieden gegeben haben mit den Vorgaben der Verwaltung.

Teil des Verfalls

Das Haus findet sich in den bunten Straßenzeilen des historischen Zentrums von Perus Hauptstadt Lima erst auf den zweiten Blick. Hat man das straßenseitige, unscheinbare Eingangstor passiert, wird der Name aber schnell Programm. Dutzende pinkfarbene Säulen stützen die Rundbögen des zweigeschossigen Gebäudes, dazwischen schmücken prachtvolle Tore die Durchgänge zu den Höfen: „Casa de Las Columnas“, das „Haus der Säulen“. In „Lima Cercado“, dem Zentrum von Lima, leben die meisten der 146.000 Bewohner in sogenannten „Tugurios“, innerstädtischen Elendsunterkünften. Ein Drittel der im Zentrum der Hauptstadt gelegenen Wohnungen hat keinen Wasseranschluss und keine Sanitäranlagen.

"Casa de Las Columnas“, das "Haus der Säulen" in Lima | Peru © Mariana Bazo

„Casa de Las Columnas“, das „Haus der Säulen“ in Lima | Peru © Mariana Bazo

Viele Häuser sind akut einsturzgefährdet und die Wohngebiete der armen Familien sind durch Baumängel und Verfall extrem gefährdet und enormen Risiken ausgesetzt. Die Situation wird durch die hohe Wohndichte verschärft. Auch das „Haus der Säulen“ war Teil des Verfalls. Erbaut im 16. und 17. Jahrhundert steht es als historisches Monument unter Denkmalschutz. Als Lima noch „Stadt der Könige“ genannt wurde, hat es als Noviziat des Ordens „Unsere Frau vom Rosenkranz“ – eines der ersten Konvente in Lima – sicher bessere Zeiten erlebt. Die Zeit und mangelnde Pflege griffen die baulichen Strukturen in Decken, Wänden, Böden und Balkonen an. Mangelhafte Wasserversorgung und Abwasserentsorgung, fehlende Toiletten und Badezimmer, veraltete, nicht vorhandene oder fehlerhafte Elektroinstallationen haben den insgesamt 194 Hausbewohnern zu schaffen gemacht. Hinzu kam die Angst, im Zuge der Sanierung von historischen Gebäuden in der Altstadt von Lima vertrieben zu werden.

"Weil ich hier geboren bin, hat dieser Ort eine große Bedeutung für mich, einen sentimentalen Wert. Deshalb möchte ich hier auch wohnen bleiben." Teresa Reyes Neyra wohnt seit 1944 in dem historischen Gebäude. © Mariana Bazo

„Weil ich hier geboren bin, hat dieser Ort eine große Bedeutung für mich, einen sentimentalen Wert. Deshalb möchte ich hier auch wohnen bleiben.“ Teresa Reyes Neyra wohnt seit 1944 in dem historischen Gebäude. © Mariana Bazo

Kraft der Veränderung

Im Jahr 2007 entschlossen sich die Bewohner der „Casa de Las Columnas“ ihre Kräfte zu bündeln und sich zu organisieren, um die Probleme des Hauses selbst in den Griff zu bekommen. Sie gründeten den Verein „Asociación Casa de Las Columnas“, um die Lebenssituation gemeinsam zu verbessern. Durch die Unterstützung von professionellen Organisationen wie der Bildungseinrichtung CIDAP wurden schnell erste Erfolge erzielt. So konnten die Bewohner einen Fonds von über 78.000 US-Dollar mobilisieren und als erste Schritte die Wasserversorgung erneuern, Gemeinschaftstoiletten und Waschstellen schaffen, Treppenhaus, Geländer, Balkone und das Eingangstor befestigen und teilweise erneuern.

„Die Lebensbedingungen im Haus der Säulen wurden bereits wesentlich verbessert. So funktionieren inzwischen Wasserversorgung und Abwasserentsorgung. Jede Familie besitzt einen Stromzähler und bezahlt monatlich ihren Verbrauch. Wir sind dabei, weitere Verbesserungen einzuführen.“ Juan Jorge Espíritu, Vizepräsident des Vereins © Mariana Bazo

„Die Lebensbedingungen im Haus der Säulen wurden bereits wesentlich verbessert. So funktionieren inzwischen Wasserversorgung und Abwasserentsorgung. Jede Familie besitzt einen Stromzähler und bezahlt monatlich ihren Verbrauch. Wir sind dabei, weitere Verbesserungen einzuführen.“ Juan Jorge Espíritu, Vizepräsident des Vereins © Mariana Bazo

Weitere Verbesserungen

Ein wichtiges Ziel des Vereins für die kommende Zeit ist die Legalisierung des Eigentums. Mit Hilfe von CIDAP prüfen die Bewohner Möglichkeiten, das Eigentum auf die Einzelnen zu übertragen. Bisher ist der Staat Peru Eigentümer des „Hauses der Säulen“. Die Verwaltungsgesellschaft „Sociedad de Beneficiencia de Lima“ verwaltet das Gebäude. Mit dieser Gesellschaft verhandeln die Bewohner, wie sie ihr Recht auf angemessenes Wohnen frei von Vertreibung realisieren können. Gemeinsam erarbeitete die Hausgemeinschaft auch Leitlinien zur Erleichterung des Zusammenlebens. Es gibt ein Komitee zur Prävention von Gewalt, das von einer Fraueninitiative, die von Teresa Reyes gegründet wurde, vorangetrieben wird. Das Komitee wird mittlerweile auch von der peruanischen Nationalpolizei unterstützt.

„Wir fühlen uns sicher, weil die Nachbarn uns in allen Belangen unterstützen. Sicher gibt es einzelne Personen, die nicht aufrichtig sind, trotz unserer Mahnungen. Aber es gibt im Alltag keine Gewalt in der engen Nachbarschaft. Außerhalb des Gebäudes gibt es mehr Kriminalität und Gewalt. Raubüberfälle sind keine Seltenheit. Die Angst vor der Gewalt draußen ist unter uns groß.“ Teresa Reyes Neyra, Präsidentin des Vereins © Mariana Bazo

„Wir fühlen uns sicher, weil die Nachbarn uns in allen Belangen unterstützen. Sicher gibt es einzelne Personen, die nicht aufrichtig sind, trotz unserer Mahnungen. Aber es gibt im Alltag keine Gewalt in der engen Nachbarschaft. Außerhalb des Gebäudes gibt es mehr Kriminalität und Gewalt. Raubüberfälle sind keine Seltenheit. Die Angst vor der Gewalt draußen ist unter uns groß.“ Teresa Reyes Neyra, Präsidentin des Vereins © Mariana Bazo

Leben in Armut

Die 57 Familien, die im „Haus der Säulen“ wohnen, leben in armen Verhältnissen. Das zeigt eine sozioökonomische Analyse, die von der Organisation CIDAP durchgeführt wurde. In Lima sind gerade die Armen darauf angewiesen, im Zentrum zu wohnen, da sie dort Arbeitsmöglichkeiten als Gelegenheitsarbeiter, Straßenverkäuferinnen oder als Hausangestellte finden. Viele Bewohner leben seit Jahrzehnten in der „Casa de La Columnas“. Für sie ist das „Haus der Säulen“ mehr geworden als ein bloßes Dach über dem Kopf. Dort ist ihre Lebensgrundlage, sind ihre familiären Bindungen, lebt die Geschichte ihrer Nachbarschaft.

Über die Fotografin: Mariana Bazo lebt und arbeitet als freie Fotojournalistin in Peru. Schwerpunkt ihrer Arbeit ist das tägliche Leben in Peru. Pressekonferenzen, Sportevents und politische Themen fotografiert sie vor allem für die Agentur Reuters. Die studierte Historikerin entschied sich während zahlreicher Reisen in und um Peru dafür, professionell zu fotografieren.


Die Organisation CIDAP

Die Nichtregierungsorganisation Centro de Investigación, Documentación y Asesoría Poblacional (CIDAP) beschäftigt sich seit über 30 Jahren mit Programmen zur Qualifizierung der Bevölkerung und zur Verbesserung der Elendsviertel in der Innenstadt und in den Randvierteln Limas. Seit 1991 wird sie von MISEREOR unterstützt. Sie berät 59 Nachbarschaftsorganisationen im Zentrum von Lima sowie das Komitee zur behutsamen Sanierung des historischen Zentrums. Außerdem erarbeitet sie Planungsvorschläge zur lokalen Entwicklung und diskutiert diese mit der Stadt- bzw. Bezirksverwaltung.

Dieser Artikel erschien zuerst im MISEREOR-Magazin „frings.“ Das ganze Magazin können Sie hier kostenfrei bestellen >

Autor:

Gast-Autoren im MISEREOR-Blog.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Bevor die Gebäude zusammenbrechen sollte man auf jeden Fall eine Sanierung durchführen, aber dabei auf die Einwohne große Rücksicht nehmen. Toller Artikel. LG Hanna

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