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„Die Rassentrennung hat mich nachhaltig geprägt“

Hughlene Fortune ist MISEREOR- Länderreferentin für Ägypten, Israel und Palästina. Die gebürtige Südafrikanerin wurde in Kapstadt geboren und lebte die meiste Zeit ihres Lebens in einem farbigen Vorort von Kapstadt. Sie erinnert sich an ihre Kindheit zur Zeit der Apartheid und an ihre ersten Wahlen 1994.

Hughlene Fortune @Ralph Allgaier/MISEREOR

Hughlene Fortune @Ralph Allgaier/MISEREOR

Hughlene, in der Hochphase der Apartheid waren Sie ein kleines Kind. Wie haben Sie als Kind die Rassentrennung erlebt?
Hughlene Fortune: Als Kind habe ich das alles noch nicht so richtig verstanden. In unserer Nachbarschaft haben nur farbige Menschen gewohnt, ich kannte es auch gar nicht anders. Es war einfach so. Ich lebte in meiner eigenen kleinen Welt und habe nicht mitbekommen, was im Rest des Landes passierte. Bei uns zuhause gab es minimale Gespräche über die Rassentrennung. Meine Eltern waren nicht politisch aktiv.

Gab es einen Moment, wo Ihnen die Rassentrennung doch bewusst wurde?
Hughlene Fortune: Ja. Als ich acht Jahre alt war, hat unsere Klassenlehrerin das Thema zum ersten Mal angesprochen. Sie hat uns erklärt, wie ungerecht die Trennung zwischen schwarzen und weißen Südafrikanerinnen und Südafrikanern ist und wie wir unterdrückt werden. Da empfand ich zum ersten Mal ein Gefühl von Ungerechtigkeit. Sie sagte: „Ich freue mich auf den Tag, an dem wir frei sind. Selbst wenn ich die Nachricht früh am Morgen erhalte, werde ich in meinem Bademantel auf die Straße laufen, um diesen Moment zu feiern. Diesen Tag werde ich sehr feiern.“ Von da an begegnete mir das Thema immer mehr und ich nahm wahr, wie sich die Erwachsenen in meinem Umfeld darüber unterhielten.

Durban, Südafrika (1982): Ziel und Folge der Apartheid war der gesetzlich gestützte Ausschluss der nicht-weißen Bevölkerungsmehrheit von Lebensraum, politischer Mitbestimmung und Bildung. Dem Schild zu Folge ist dieser Strandabschnitt der damaligen Gesetzeslage entsprechend „für die alleinige Nutzung von Mitgliedern der weißen Rasse reserviert“. © KNA-Bild/MISEREOR

Durban, Südafrika (1982): Ziel und Folge der Apartheid war der gesetzlich gestützte Ausschluss der nicht-weißen Bevölkerungsmehrheit von Lebensraum, politischer Mitbestimmung und Bildung. Dem Schild zu Folge ist dieser Strandabschnitt der damaligen Gesetzeslage entsprechend „für die alleinige Nutzung von Mitgliedern der weißen Rasse reserviert“.
© KNA-Bild/MISEREOR

War die Protestbewegung in Ihrem Alltag präsent?
Hughlene Fortune: Ja. Wir bekamen natürlich von den Aufständen an der Hochschule rundum und in Kapstadt mit. Panzer und Polizeipräsenz waren auch in unserer Nachbarschaft eine Normalität. Es kam auch vor, dass wir wegen der Aufstände ein oder zwei Tage nicht in die Schule gehen konnten. Als der African National Congress (ANC) 1990 als Partei zugelassen wurde, haben wir das in der Schule alle zusammen gefeiert. Und dann natürlich das Referendum über das Ende der Apartheid und die Freilassung Nelson Mandelas im Februar 1992.

Und zwei Jahre später haben Sie zum ersten Mal gewählt…
Hughlene Fortune: Ja, gemeinsam mit meiner Mutter. Wir haben am 27. April 1994 beide zum ersten Mal gewählt. Wir waren sehr aufgeregt. Die Stimmung in den Wahlzentren und auf den Straßen war sehr ausgelassen. Viele Menschen haben auf den Straßen gefeiert und Flaggen des ANC aus dem fahrenden Auto gehalten.

Was hat sich nach der Wahl für Sie verändert?
Hughlene Fortune: In unserem Alltag hat sich erst einmal nicht so viel verändert. Es war uns ja schon seit 1992 möglich, Schulen zu besuchen, die formal nur für Weiße waren. Viele meiner Schulkameradinnen und -kameraden begannen, die Schule zu wechseln. Was aber deutlich wurde: All die Jahre der Rassentrennung haben uns sehr geprägt. Ich hatte nun zwar in der Universität und auf der Arbeit auch Kontakte zu weißen Südafrikanerinnen und Südafrikanern. Aber in meiner Freizeit kam ich mit Ihnen weiterhin erst einmal nicht in Berührung.

Wie schätzen Sie aus heutiger Sicht das damalige politische Engagement von MISEREOR in Südafrika ein?
Hughlene Fortune: Ohne den Druck aus dem Ausland hätte die Apartheid vielleicht noch länger gedauert. Es war wichtig, dass die Situation im Land bekannt und dass ein Bewusstsein für die Ungerechtigkeiten geschaffen wurde. MISEREOR hat dabei auch eine wichtige Rolle gespielt und die Anwaltschaft für die unterdrückte Bevölkerung Südafrikas übernommen.

Das Interview führte Daniela Singhal.


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Autor:

Gast-Autoren im MISEREOR-Blog.

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