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Aleppo: Zwischen Zerstörung und buntem Markttreiben

Ich schaue zurück auf die letzte Woche in Syrien. Am eindrücklichsten bleiben die vier Tage in Aleppo. Bilder der Zerstörung, für die mir die Worte fehlen, stehen Szenen belebter Straßen, buntem Markttreiben und der allgegenwärtigen Porträts von Assad gegenüber. Ein Bericht von Länderreferentin Astrid Meyer aus Aleppo.

Das „I love Aleppo“- Monument am Saadallah al-Jabiri Platz steht symbolisch für die Befreiung Aleppos. Foto: Meyer/MISEREOR

Unsere Unterkunft ist direkt am zentralen Saadallah al-Jabiri Platz, dem „Times Sqare von Aleppo“, der 2012 durch Sprengsätze schwer beschädigt worden war. Seit seiner Wiederherrichtung prägt das „I love Aleppo“- Monument den Platz. Alljährlich finden hier die Feierlichkeiten zur Befreiung Aleppos statt. Fast jeden Tag führt unser Weg vorbei an den Häuserblocks, die von Ost-Aleppo blieben. Trümmer, Schutt und Asche. Bilder, die mich nicht loslassen. In den Armutsvierteln der Oststadt, wie in Al-Sakhour haben sich tausende Binnenflüchtlinge notdürftig eingerichtet, die weitgehend sich selbst überlassen sind. Hier fehlt es weiter am Nötigsten, die Regierung scheint angesichts knapper Ressourcen andere Prioritäten zu setzen.

„I believe in Aleppo“

Am Nachmittag besuchen wir die Zitadelle. P. Sami vom MISEREOR-Partner „Internationalen Flüchtlingsdienst der Jesuiten“ (JRS) erinnert sich, wie sie hier auf dem großen Vorplatz als Kinder spielten. Er schaut auf den Boden vor sich, zündet sich eine Zigarette an und wendet sich zum Gehen. Ich blicke noch wie gebannt auf das riesige Eingangstor der mächtigen Burganlage, eine der ältesten und größten Festungen der Welt. Die schweren Schäden wurde beseitigt. Heute zeigt sich die Zitadelle in beängstigender Größe von der aus Assad, von einem riesigen Porträt staatsmännisch dem Land zuwinkend, versichert „I believe in Aleppo“.

Die Zitadelle in Aleppo wird als eine der Größten und Ältesten angesehen. Foto: Meyer/MISEREOR

Unser Weg führt uns weiter zu den kläglichen Überresten der einstigen Altstadt. Uns umgibt eine gespenstische Ruhe. Der einstige Glanz des Weltkulturerbes lässt sich trotz der Beklemmnis und Schwere, die sich in mir ausbreitet, erahnen. Nur wenige Straßenzüge weiter bringen uns in den Westteil zurück. Unvermittelt sind wir in belebten Straßen, umgeben von buntem Markttreiben. Das Bild, das ich von Syrien bekommen habe, steht der zumeist polarisierenden Berichterstattung entgegen. Für mich ist Syrien heute, im siebten Kriegsjahr, geprägt von Parallelwelten mit vielen Facetten. Ich höre die Nachrichten. Es geht um erneute Militärschläge in Syrien und das Außenministertreffen der Nato in Brüssel. Die Nato will den Dialogfaden zu Russland pflegen, denn anders ist der Krieg in Syrien nicht zu beenden. Der Krieg ist nicht vorbei. Darüber können die Bilder eines scheinbaren Alltags in West-Aleppo und Damaskus nicht hinwegtäuschen.

 

Die Bewohner von Al-Sakhour haben ihre Strom- und Wasserversorgung selbst provisorisch eingerichtet. Foto: JRS

Solidarität inmitten der Kriegsökonomie

Angesicht der unwiederbringlichen Zerstörung gibt es nur Verlierer in diesem Krieg. Gleichzeitig gibt es viele kleine und große Profiteure: Private Stromanbieter, Hausbesitzer und der florierende Schwarzmarkt halten ein System auf dem Rücken der Bevölkerungsmehrheit zu ihren Gunsten aufrecht. Ebenso gibt es Menschen, die sich solidarisch mit anderen zeigen. Einigen durfte ich jeden Tag begegnen: Farajallah führte in Aleppo vor dem Krieg ein international erfolgreiches Textilunternehmen. Er hat alles verloren. Sein Schicksal steht für das von Tausenden. Seit drei Jahren koordiniert er die JRS-Arbeit in Aleppo. Ihm gelang es, Zugang zu den Kurden in Sheikh Maqsoud zu bekommen. „Ich gebe was ich kann, für die vielen Menschen, die das wenige was sie hatten verloren haben.

Die 6,6 Millionen Binnenflüchtlinge gehörten bereits vor dem Krieg zum unteren Ende der Gesellschaft. Sie kommen zumeist aus den ländlichen Regionen und konnten die Mittel für eine Flucht in eines der Nachbarländer nicht aufbringen. Durch Flucht und Vertreibung sind sie von der Armut ins Elend abgerutscht.Wir kommen zurück nach Damaskus. Wieder lassen die nächtlichen Tiefflieger und Sprengkörper mich kaum schlafen. Sie richten sich gegen den wieder aufflammenden Widerstand aus dem Flüchtlingslanger Yarmouk, das überwiegend von Flüchtlingen aus Palästina und deren Nachfahren bewohnt wird. Der Krieg ist nicht vorbei.

Der JRS gibt Kindern, die bisher nur den Krieg kannten, wieder Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Foto: JRS

Ich erinnere mich an Loucin Akob, JRS -Sozialarbeiterin in Jaramana, einem Viertel am Stadtrand, wo in dicht gedrängte Rohbauten und provisorischen Behausungen täglich weitere Binnenflüchtlinge vor den Kämpfen im Süden und Osten von Damaskus Zuflucht suchen. Wir sprachen über die Motivation für ihre Arbeit im Umfeld des andauernden Konfliktes: „Du fragst die Menschen: ‚Was ist Krieg?‘ und sie berichten vom Schmerz über den Verlust Angehöriger, Panik und Angst. Du fragst: ‚Was ist Frieden?‘, und sie wissen nichts zu sagen. Frieden durch menschliches Miteinander zu vermitteln hat sich der JRS in Syrien zur Aufgabe gemacht. Kinder, die bisher nur Krieg kannten, aufblühen zu sehen, ist meine Motivation, weiter zu machen, obwohl die Zukunft ungewiss ist.“

Inmitten der beängstigend fortschreitenden Entzweiung der syrischen Gesellschaft setzt JRS jeden Tag Zeichen für Versöhnung, die einen eigenen Weg für das Land aufzeigen.

Über die Autorin: Astrid Meyer arbeitet als Länderreferentin für Syrien bei MISEREOR.


Weitere Informationen

Spendenaufruf Syrien: Überleben im Krieg

Autor:

Gast-Autoren im MISEREOR-Blog.

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