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Wenn das Klima plötzlich kippt

Der Blick richtet sich meist in die eher  ferne Zukunft: In 20 oder auch 30 Jahren, so wird prognostiziert, könnte es zu dramatischen Veränderungen des Klimas in kurzer Zeit kommen, Fachleute sprechen von  sogenannten Kipp-Punkten. Das Abschmelzen des grönländischen Eises wäre so ein Ereignis. Oder die Verstärkung des El-Nino-Wetterphänomens.

Diskussion zur „Sorge um das gemeinsame Haus“: Der Nachhaltigkeitsexperte Oliver Putz im Gespräch mit Speyerer Bischof Karl-Heinz Wiesemann. Foto: Allgaier/MISEREOR

Aber haben wir noch so viel Zeit, um solch Einschneidendes zu verhindern? Fragt man den Nachhaltigkeitsexperten, Biologen und Theologen Oliver Putz, dann sind erste Kipp-Punkte längst eingetreten oder stehen bald bevor. Auf der im Rahmen des Katholikentags in Münster stattgefundenen Diskussion „Sorge um das gemeinsame Haus“, moderiert von dem MISEREOR-Referenten  Markus Büker, sagte Putz, derzeit betrage der Verlust an Biodiversität „das Hundert- bis Tausendfache dessen, was in der Evolution als normaler Verlust einzustufen wäre“.  Es stehe womöglich – bezogen auf die gesamte Erdgeschichte –  zum sechsten Mal ein Massensterben bevor.

Was tun? An einem „radikalen ökologischen Umbau“ der Gesellschaft gehe kein Weg vorbei, glaubt Putz. Auf dem Katholikentag schreibt er gleichwohl der Kirche ins Stammbuch, dass sie Vorreiterin sein und zunächst einmal  diesen Umbruch in den eigenen Reihen konsequent vollziehen müsse.

Diese Forderung trifft auf Zustimmung des Münchner Theologen Markus Vogt, der gleich diverse Vorschläge macht, wo die Kirche konsequenter werden müsse – von der eigenen Fahrzeugflotte über die nach wie vor gängigen Plastikflaschen auch auf Katholikentagen bis hin zu kirchlichem Grund und Boden, der nicht immer nachhaltig genutzt werde.

Engagierte Debatte: Der Münchner Thoeloge Markus Vogt (rechts) nimmt beim Klimaschutz die Kirchen stärker in die Pflicht. Mit auf dem Bild: Ellen Ueberschär von der Heinrich-Boell-Stiftung und Markus Büker von MISEREOR. Foto: Allgaier/MISEREOR

Einig ist man sich auf dem Podium, dass der Mensch sich von der im  biblischen Buche Genesis beschriebenen Vorstellung, in der unsereins quasi zum „Statthalter“ der Schöpfung ernannt wurde, lösen und sich als „Mitgeschöpf“ in einem großen Ganzen betrachten solle, für das  der Mensch eine große Verantwortung trage. Es brauche mehr Ehrfurcht vor der Natur, die theologisch betrachtet „ein Ort der Gottesbeziehung“ sei, sagt Vogt.  Die Kirche widme dem nicht genügend Aufmerksamkeit, kritisiert er, die ökologische Herausforderung werde nicht als Kernaufgabe angesehen, sondern „ein paar Spezialisten“ überlassen.

Der Speyerer Bischof Karl-Heinz Wiesemann will dem auch gar nicht gänzlich widersprechen.  Er nimmt für die katholische Kirche aber in Anspruch, dass sie mit der päpstlichen Sozial- und Umweltenzyklika  „Laudato Si“ die Debatte neu belebt und starke argumentative Akzente gesetzt hat. So etwa mit der klaren Aussage, dass soziale und ökologische Fragen nicht zu trennen und Aufgabe der gesamten Menschheit seien. Oder dem Hinweis, dass technischn Entwicklungen vielfach  ein höherer Stellenwert zugestanden werde als der Natur. Dabei blieben ethische Grundsätze nicht selten auf der Strecke. Ein übertriebener Konsumismus lenke den Menschen von seinem eigentlichen Wesen ab und löse ihn nicht selten von seinen Beziehungen zu Mitmenschen und Umwelt. Als technikfeindlich will die Kirche gleichwohl nicht gesehen werden. Technik müsse aber „sozialer, ganzheitlicher, gesünder und menschlicher“ eingesetzt werden, fordert der Bischof.

Autor:

Ralph Allgaier

Ralph Allgaier arbeitet als Pressesprecher bei MISEREOR.

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