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„Auf einem anderen Stern“ – Aktionärsversammlung der Deutschen Bank

Gespannt waren wir vor dieser Premiere:  der Teilnahme an der Aktionärsversammlung der Deutschen Bank.

Protest vor dem Messegebäude in Frankfurt, indem die Aktionärsversammlung der Deutschen Bank 2018 stattfindet. © Susanne Friess / MISEREOR

Protest vor dem Messegebäude in Frankfurt, indem die Aktionärsversammlung der Deutschen Bank 2018 stattfindet. © Susanne Friess / MISEREOR

Vor dem Messegebäude haben Fernsehteams ihre Kameras aufgebaut, ein paar tapfere Demonstranten halten Plakate in die Luft, auf denen „Diese Wirtschaft tötet“ und „Kein Geld für Rüstung“ steht.

Die Eingangskontrollen sind streng wie am Flughafen – Wasserflaschen, mitgebrachte Äpfel und Handcreme müssen wir abgeben. Die „Kritischen Aktionäre“ haben Aktien, und damit können wir uns für die Hauptversammlung anmelden. Wir sind zeitig da, um unseren Wortbeitrag frühzeitig anzumelden: Unser Gast Joceli Andrioli aus Brasilien will sprechen, zu den Tagespunkten 3 und 4 „Entlastung des Aufsichtsrats und der Geschäftsführung“. Wir wissen, dass die Redezeiten knapp bemessen sind – 5 Minuten, wenn wir Glück haben! Lilica, unser zweiter Gast aus Brasilien, wird das Wort nicht ergreifen – zu lang ist die Rednerliste, zu kurz die Redezeiten.

Dann heißt es warten, bis wir aufgerufen werden.

Die Sitzung beginnt um 10 Uhr und zu Beginn sprechen erst mal die „wichtigen Leute“ von der Bank : Aufsichtsratschef Paul Achleitner sowie der neu berufene Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing. Viel ist die Rede von „Nachhaltigkeit“, von den „Werten“ der Bank, von einer „Wende“ in der Politik der Bank und von einer „neuen Ehrlichkeit“. Was damit gemeint ist, erschließt sich schnell über die Beschallungsanlagen: unter „Nachhaltigkeit“ versteht man in erster Linie, dass die Erträge der Bank nachhaltig gesteigert werden müssten. Die „Werte“ der Bank sind Gewinne und positive Bilanzsummen und die „Wende“, die eingeläutet wird, bezieht sich wohl darauf, dass für die positive Bilanzsumme bis zu 10.000 Stellen gestrichen werden und somit die Dividenden für die Aktionäre vielleicht im nächsten Jahr höher ausfallen als 2017.

Verteidigen muss sich die Bank, warum sie trotz des schlechten Jahresergebnisses im Jahr 2017 Boni in Höhe von 2,2 Milliarden Euro an ihre Investmentbanker ausbezahlt hat. 2,2, Mrd. Euro, das ist auch der Betrag, den die Bank 2016 und 2017 an Verlusten eingefahren hat. Die Chefs verweisen ganz selbstbewusst darauf, dass die Bank vor Abzug der Steuern durchaus Gewinn gemacht habe – dass der Staat ihr diese Gewinne dann wieder weggenommen hat, scheint ihnen sehr ungerecht.

Für mich wirkt dieser ganze Diskurs überaus skurril und ich gebe es bald auf, unseren brasilianischen Gästen zu übersetzen, was da geredet wird. Es ist mir zuwider und peinlich, Lilica, einer Frau, die aufgrund von Profitgier eines von der Bank finanzierten Bergbauunternehmens alles verloren hat, zu erklären, welche Themen für diese Menschen von Bedeutung sind.

Ein Redner beschwert sich, das Logo der Bank sei zu „kühl“ und überhaupt sei es eine Sauerei, dass die Aktionäre mit Kartoffelsalat und Würstchen abgespeist würden, während die Banker sich bei ihren Reisen nach London und New York in Sterne-Restaurants die Steaks schmecken ließen.

Stunden vergehen bis wir endlich aufgerufen werden.

Staudamm-Betroffenen spricht vor der Aktionärsversammlung © Susanne Friess / MISEREOR

Joceli Andrioli von der Bewegung der Staudamm-Betroffenen spricht vor der Aktionärsversammlung © Susanne Friess / MISEREOR

Joceli Andrioli von der Bewegung der Staudamm-Betroffenen in Brasilien berichtet vom Bruch eines Rückhaltebeckens für giftige Minenschlämme in der Samarco-Mine in Minas Gerais, Brasilien, im November 2015, bei dem 19 Menschen gestorben sind, mehr als eine Million Menschen sind bis heute von der Katastrophe betroffen – sei es, dass ihr Haus, ihr Land, ihre Lebensgrundlage im Schlamm versunken ist, sei es, dass ihr Trinkwasser mit giftigen Schwermetallen verseucht ist, sei es, dass diese Schwermetalle, die sie seit der Katastrophe über Nahrung, Wasser und Luft aufnehmen, in ihrem Körper schon gefährliche Schäden anrichten. Alleine 13.000 Fischer haben ihre Lebensgrundlage verloren, weil der Rio Doce, der „Süße Fluss“ auf viele Jahre für den Fischfang verloren ist. Sein Flusstal ist auf einer Länge von 600 km verseucht. Bis heute liegen die giftigen Minenschlämme unbearbeitet in der Natur, filtern ins Grundwasser, das Gras, das darüber wächst, ist mit Schwermetallen kontaminiert, was die Tiere, die das Gras fressen, aber nicht wissen, weshalb sich die Schwermetalle auch in ihrem Fleisch, in ihrer Milch oder in ihren Eiern wiederfinden.

Niemand wurde bis heute für diese Katastrophe – die schlimmste in der brasilianischen Geschichte – zur Verantwortung gezogen. Niemand sitzt dafür hinter Gittern, obwohl das Unternehmen Samarco schon 6 Monate vorher wusste, dass der Damm brechen und dass dies verheerende Folgen haben würde. Keine Gemeinde wurde umgesiedelt. Samarco hielt es noch nicht einmal für nötig, in den Dörfern Sirenen zu installieren, um sie im Fall des Dammbruchs zu warnen. Die Entschädigungszahlungen wurden bisher nur an wenige Betroffene ausbezahlt, und sie sind lachhaft niedrig.

Das Haus von Maria do Carmo und ihrer Familie vor und nach der Schlamm-Katastrophe. @ Christina Weise

Haus vor und nach der Schlamm-Katastrophe durch den Staudammbruch Mariana in Brasilien. @ Christina Weise

Die Deutsche Bank hat den beiden verantwortlichen Unternehmen Vale und BHP Billiton, in deren Besitz das Tochterunternehmen Samarco ist, zwischen 2010 und 2017 fast 1,4 Milliarden Euro an Krediten und Anleihen zur Verfügung gestellt. Die Deutsche Bank hält auch Aktien an den beiden Konzernen. Auch nach dem Dammbruch im November 2015 hat die Deutsche Bank noch Kredite in Höhe von 111 Mio. Euro an Vale vergeben, obwohl damals die katastrophalen Ausmaße der Verwüstung und der schändliche Umgang der Unternehmen Vale und BHP Billiton mit den Folgen des Dammbruchs bereits hinlänglich bekannt waren. Auch Justizverfahren, die in Brasilien eröffnet wurden, sowie Beschwerden, die bei den Vereinten Nationen oder bei der Interamerikanischen Kommission für Menschenrechte eingereicht wurden, haben die Deutsche Bank nicht dazu veranlasst, ihre Geschäftsbeziehung zu den verantwortlichen Konzernen abzubrechen.

María José ("Lilica") aus Brasilien im Bankenviertel in Frankfurt © Susanne Friess / MISEREOR

María José („Lilica“) aus Brasilien im Bankenviertel in Frankfurt © Susanne Friess / MISEREOR

Auf Jocelis Frage an den Chef der Deutschen Bank, ob die Bank ihre Geschäftsverbindung mit den verantwortlichen Konzernen einer grundlegenden menschenrechtlichen Überprüfung unterziehen werde und inwiefern die Finanzierung von Vale und BHP Billiton mit ihren menschenrechtlichen Sorgfaltspflichten vereinbar sei, kommen nur vorformulierte Standardsätze:  Man halte sich an die Richtlinien der Bundesregierung und an die UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte und könne darüber hinaus leider keine Auskunft zu konkreten Geschäftskontakten geben.

Wir verlassen die Hauptversammlung um 17:30 Uhr. Müde. Frustriert. Desillusioniert.

Der Besuch der Hauptversammlung der Deutschen Bank war wie die Reise auf einen fremden Stern, auf dem die Profitgier die höchste Maxime ist und Begriffe wie Nachhaltigkeit, Erfolg und Verbesserungen mit Inhalten gefüllt werden, die uns nur noch widerwärtig erscheinen.

Am Abend verabschiede ich mich von unseren brasilianischen Gästen. Zwei Wochen lang sind wir gemeinsam durch die Republik gereist, haben auf dem Katholikentag in Münster mit Menschen über nachhaltige Geldanlagen diskutiert, haben in Berlin mit Parlamentariern und Regierungsvertretern gesprochen, haben um Unterstützung für die Opfer des Dammbruchs geworben und Journalisten Interviews gegeben.

© Susanne Friess

© Susanne Friess

In den zwei Wochen haben wir uns kennengelernt, haben viel diskutiert, aus „Vertretern von Partnerorganisationen“ sind Freunde geworden.

Ich bin froh, auf meinen Stern zurückkehren zu können. Mögen sie uns  verächtlich „Gutmenschen“ nennen – ich bin froh, dass ich mit Menschen für eine Sache kämpfe, die über unseren persönlichen Profit weit hinausgeht, die einen Horizont hat, der weltumspannend ist.

Ich bin dankbar, dass ich für eine Organisation arbeite, die sich berühren lässt und die sich nicht scheut, die Missstände in unserer kapitalistischen Weltgesellschaft anzusprechen. Auch wenn wir damit  in der Minderheit sind.

Über die Autorin: Susanne Friess, MISEREOR-Beraterin für Bergbau und Entwicklung in Lateinamerika, besuchte mit Gästen aus Brasilien die Aktionärsversammlung der Deutschen Bank

Autor:

Susanne Friess arbeitet seit 2004 für Misereor. Von 2005 bis 2008 war sie Leiterin der Misereor Dialog- und Verbindungsstelle in Lima, Peru. Seit 2009 ist sie als Beraterin mit dem Schwerpunkt Bergbau und Entwicklung für die Lateinamerika-Abteilung tätig.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Persönlicher ernüchternder Bericht – Gott sei Dank mit ganz viel Leidenschaft!

  2. Liebe Frau Friess,
    vielen Dank für Ihren Beitrag. Sie sprechen mir aus der Seele! Und auch wenn es oft frustrierend ist, so ist es doch wichtig, an solchen Themen zu arbeiten und sie publik zu machen. Ich bin auch sehr froh, bei MISEREOR zu arbeiten. Eine Arbeit, die Sinn macht. Und Gutmensch darf man sich durchaus auch mal schimpfen lassen …
    LG aus Aachen!

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