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Folter und Justizwillkür in Mexiko: Erzwungene Geständnisse II

Viele Opfer von Justizwillkür, Folter und Bedrohung in Mexiko wollen nicht länger schweigen. Lesen Sie hier die Geschichte von Andrea Rodriguez, 20 Jahre, aus Cuidad Juárez, die seit zweieinhalb Jahren im Frauentrakt des Centro de Readaptación Social („El Cereso“) inhaftiert ist. Ihr Sohn Jacob kam dort zur Welt.

Andrea Rodriguez, 20, sitzt seit zweieinhalb Jahren im Frauentrakt des Centro de Readaptación Social (El Cereso). Ihr Sohn Jacob kam in der Haft zur Welt. Foto: Struck/MISEREOR

Andrea, warum bist du im Gefängnis, was wird dir vorgeworfen?

Ich sitze wegen des Vorwurfs des Mitführens von Waffen und wegen Drogenbesitzes im Gefängnis. Vom Drogenvorwurf wurde ich bereits freigesprochen. Der Fall über das Mitführen von Waffen ist weiterhin offen, ich bin noch nicht verurteilt. Rechtsanwältin Carla ergänzt: Es gibt keine zeitliche Befristung für ein Verfahren. Man kann grundsätzlich davon ausgehen, dass Beschuldigte nach zwei Jahren ohne ein Urteil aus der Haft entlassen werden. Es gibt allerdings Ausnahmen, Delikte „mit hohem Wirkungsgrad“ wie Entführungen oder Erpressung, wie im Fall von Andrea. In diesen Fällen gibt es keine Entlassung. Es gibt es hier noch viele Fälle, Frauen, die seit Jahren einsitzen und die aber keine Familienangehörigen haben, die ihnen helfen. Die Behörden lassen deren Fälle in Vergessenheit geraten.

Kannst du deine Verhaftung schildern?

Sie kamen zum Haus meines Bekannten, drangen dort ein und schlugen uns. Es waren viele Polizisten. Sie zerrten mich an meinen Haaren heraus und verbrannten mein Bein mit einem Elektroschocker. Wir wurden vier Tage bei der Staatsanwaltschaft festgehalten, wo man uns folterte. Sie wollten mit Gewalt aus mir herausholen, wer einen Kommandanten erschossen hat. Meinem Bekannten wurde vorgeworfen, ihn an dem Tag, an dem wir festgenommen wurden, umgebracht zu haben. Natürlich sagte ich, dass ich es nicht weiß. Sie wollten mich zu einer Aussage zwingen. Als ich mich weigerte, schlugen sie mit Brettern zu und zogen mir eine Tüte über den Kopf. Sie zeigten mir Kopien mit Namen von Personen, die ich nicht kannte. Ich sollte in der Aussage genau diese Namen angeben. Wenn ich sie nicht auswendig konnte, wurde ich geschlagen.  Einige Tage, nachdem ich schon hier war, hatte ich eine Anhörung, da war ich noch von den Schlägen gekennzeichnet. Ich wurde viel angestarrt.

Der Frauentrakt von „El Cereso“ in Ciudad Juarez, Mexiko. Fotos: Struck/MISEREOR

Was ist mit deinem Bekannten passiert?

Er ist wegen Mordes zu 50 Jahren Haft verurteilt worden.

Als du diese vier Tage bei der Staatsanwaltschaft warst, hattest du da die Möglichkeit, dich mit deiner Familie in Verbindung zu setzen?

Nein. Meine Mutter erfuhr erst wenige Stunden bevor ich ins Gefängnis gebracht wurde von meiner Verhaftung. Ich flüsterte ihr ins Ohr, dass sie mich geschlagen haben. Aber meine Mutter konnte nichts tun, zumal sie mich schon bedroht hatten. Sie sagten, dass sie die Adresse meiner Wohnung kennen und dass ich tun müsse was sie sagen, weil sie sonst meine Familie umbringen würden. Eine Zeit lang stand ein Pick-Up –Laster vor unserem Haus, um uns Angst zu machen.

Hast du einen Anwalt von der Staatsanwaltschaft zugewiesen bekommen?

Eine Pflichtanwältin, wegen der Umstände ist es eine heikler Fall, nicht viele Anwälte wollten sich mir annehmen. Aus Angst, denke ich. Einmal sind zwei Polizisten der Staatsanwaltschaft hierhergekommen, um mich unter Druck zu setzen.  Darunter war auch die Polizistin, die mich bei der Verhaftung am meisten geschlagen hatte. Sie fragten mich, warum ich nicht wiederhole, was ich bei der Staatsanwaltschaft ausgesagt habe. Ich sagte ihnen, dass sie mir nichts mehr anhaben könnten. Sie wurde sehr wütend, ich rief nach den Beamten des CERESO.

Wie geht es dir jetzt?

Zuerst schämte ich mich. Alle meine Bekannten rückten von mir ab, haben mich vorverurteilt, so als ob ich es getan hätte.  Aber jetzt geht es mir besser, jetzt geht es um etwas Größeres, um die hier herrschende Ungerechtigkeit. Mir geht es hier gut mit meinem Kind, denn ich kann mich kümmern, ich kann es hier bei mir haben. Nur manchmal, da verzweifle ich. Da werde ich traurig, denn ich möchte ihn doch auch später noch weiter aufwachsen sehen. Ich habe nie erfahren, warum gerade ich. Ich denke die ganze Zeit darüber nach.

Was würdest du tun, solltest du das Gefängnis verlassen können?

Das erste ist, von hier fort zu gehen. Ich möchte politisches Asyl beantragen und in die Vereinigten Staaten gehen, wegen der Bedrohung, die mich hier erwartet. Mein Leben und das meines Kindes sind hier in Gefahr.

Zum Interview mit Cristel Fabiola Piña Jasso, dreifache Mutter und ehemalige Gefängnis-Insassin im Centro de Readaptación Social („El Cereso“)

Folter und Justizwillkür in Mexiko: Erzwungene Geständnisse

 

Übersetzung: Thomas Sonntag


Weitere Informationen

Misereor-Dossier zum Thema Menschenrechte: „Alles, was Menschen recht ist“

Film „Die Verschwundenen von Mexiko“ (Deutsch untertitelt, 4:22 Minuten)

Autor:

Rebecca Struck

Rebecca Struck arbeitet bei MISEREOR in der Presseabteilung.

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