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Jugend ohne Macht

Mit 15 Jahren beenden die meisten El Salvadorianer die Schule. Dann hängen sie in der Luft. Eine Zukunft hat nur, wer Glück hat und an die richtigen Leute gerät. So wie Miguel Vásquez aus San Salvador.

Miguel Vásquez hat einen Plan: Der hübsche Junge aus Ciudad Delgado, einem verrufenen Vorort von San Salvador, will Konditor werden, ein Geschäft aufmachen, sein eigener Boss sein. Er ist 14 Jahre alt. Das Lernen fällt ihm leicht, die Lehrer mögen ihn. „Schwuli, Streber“, hänselt ihn ein Mitschüler. Er ist größer, kräftiger, tätowiert. Miguel hat keine Chance. „Hier im Viertel zählst du nur, wenn du zu einer Bande gehörst“, sagt er. Die Attacken nehmen zu, andere Schüler machen mit. Sie nehmen Miguels Stifte weg, verfolgen ihn auf die Toilette, schubsen und prügeln ihn auf dem Heimweg. Die Lehrer tun so, als bekämen sie nichts mit. Zu Hause hat Miguel niemanden, dem er sich anvertrauen kann. Seine Eltern sind in Drogenhandel und Bandenkriminalität verstrickt und kümmern sich nicht um ihn. Miguel wird von Angehörigen großgezogen, mal vom Großvater, mal von einer Tante. Er glaubt, dass ihn niemand mag und er allen nur zur Last fällt. Dann droht ihm der Peiniger: „Weicheier wie dich brauchen wir hier nicht. Wenn ich dich auf der Straße erwische, bringe ich dich um.“ Miguel weiß, dass es kein Scherz ist. Der andere gehört der Mara M-18 an, wie die Mara Salvatrucha (MS-13) eine der beiden großen kriminellen Jugendbanden des mittelamerikanischen Landes.

Auf 60.000 schätzen Experten die Zahl der schwer bewaffneten Bandenmitglieder in El Salvador. Sie finanzieren sich aus Schutzgelderpressung, Drogenhandel, Prostitution und liefern sich blutige Gefechte um die Kontrolle ganzer Stadtviertel. Sie nehmen sich, was sie wollen – Alkohol, schöne Mädchen oder Häuser. Wer sich widersetzt oder sie verpfeift, stirbt. Wer ihnen missfällt, muss das Viertel verlassen. 296.000 Salvadorianer sind durch die Gewalt im eigenen Land Vertriebene, knapp 100.000 flüchten jedes Jahr gen Norden und versuchen, in die USA zu kommen.

Das alles kennt Miguel. Er weiß, wo in seinem Viertel die Grenze zwischen beiden Banden verläuft, entziffert an die Wände gepinselte Gaunerzinken, mit denen sie sich verständigen. Er erkennt den brummenden Motor der Polizei-Pickups schon aus der Ferne und kann Schüsse aus Pistolen und halbautomatischen Maschinengewehren unterscheiden. Mit Gewalt ist er aufgewachsen, obwohl ja eigentlich Frieden herrscht in El Salvador seit Ende des Bürgerkriegs 1992. Doch der steht auf dem Papier und gilt vor allem für die ehemaligen linken Guerrilleros, die heute Politik machen. In den Armenvierteln herrscht weiterhin das Recht des Stärkeren. Die Regierung setzt auf Repression und harte Hand, schickt das Militär auf die Straßen und duldet Todesschwadronen der Polizei und Unternehmer, um das Land von unliebsamen Jugendlichen zu säubern. Miguel steht im Kreuzfeuer. Er muss vor ihnen genauso auf der Hut sein wie vor den Banden.

Die Regierung wird von den USA unterstützt, die Mittelamerika zu einer Gefahr für die nationale Sicherheit abgestempelt haben. Doch die Strategie läuft ins Leere. Sie senkt weder die Armut noch schafft sie Arbeitsplätze oder Perspektiven für Jugendliche. Die Nachkriegsregierungen investierten wenig in Soziales. Es gibt weder genügend Studienplätze an staatlichen Universitäten noch Ausbildungsberufe. Mit 15 Jahren beenden die meisten Salvadorianer die Schule. Dann hängen sie in der Luft. Gut ein Drittel der Jugendlichen zwischen 16 und 29 gehen nach amtlichen Statistiken weder arbeiten noch studieren. Auch Miguel nicht. Er schließt sich zu Hause ein, liegt den ganzen Tag auf dem Sofa mit Videospielen. „Ich merkte, dass etwas nicht in Ordnung war“, sagt die Tante, Mari Vásquez. „Er schien jeglichen Lebensmut verloren zu haben, er erlosch vor meinen Augen.“ Sie überredet ihn, die Schule zu wechseln. Doch der Schulweg führt durch das Gebiet der M-18, und das Ticket für einen Bus kann sich die Familie nicht leisten. Miguel hat Angst. Fußballspielen, mit Freunden draußen abhängen – so etwas gibt es für ihn nicht. Die Straße gehört der Bande. Stattdessen hilft er seinem Onkel in der Autowerkstatt oder seiner Tante in der Bäckerei im Stadtzentrum. Wenn es spät wird, muss er im Laden auf einer alten Matratze schlafen. „Nachts in der Stadt unterwegs zu sein, ist für Jugendliche lebensgefährlich“, seufzt seine Tante. Klassenkameraden leihen ihm ihre Bücher und nennen ihm die Hausaufgaben.

Dann lernt Miguel einen Jungen aus dem Nachbarviertel kennen. Sie quatschen, er spendiert Miguel einen Drink. Miguel weiß, dass der andere einer der „Bosse“ ist. Aber er hat einen Mentor gefunden und fühlt sich zum ersten Mal im Leben aufgehoben und respektiert. Er eifert ihm nach: Baseballkäppi, ein Ring im Ohr, weite Hosen und ein Schlabbershirt. Der Look der Jugendbanden. Das Abitur macht er mit 18 mit Ach und Krach, weil er es seiner Tante versprochen hat. Immer wieder wird er von der Polizei aufgegriffen. Sein Großvater warnt ihn: „Von den Banden kommt nur Tod und Verderben.“ Miguel zögert – aber welche Alternative hat er? Ein Studium, selbst an der Fachhochschule für das Konditorwesen, kann seine Familie nicht bezahlen. Mit seinem Abiturschnitt und seiner Wohnadresse in einem der verruchtesten Viertel von San Salvador ist er abgestempelt und hat nur eine Chance auf schlecht bezahlte Aushilfsjobs. „Selbst mit einem Diplom und in einem festen Job verdienst du in El Salvador gerade einmal das Nötigste zum Überleben“, sagt er. Miguel lässt sich treiben. Seine Verwandten haben wenig Zeit, sich um ihn und seine Probleme zu kümmern. Sie müssen selbst schauen, wie sie das Nötigste zum Überleben heranschaffen. Eines Tages schleppt ihn eine Cousine mit zu einer Veranstaltung. „Das ist cool, da lernt man spannende Sachen“, überredet sie ihn. „Neue Lebenspläne“ heißt das Programm. Miguel ist skeptisch. Am Anfang sitzt er breitbeinig am Rand und macht nicht mit, wie sich Animateurin Ingrid Ganuza erinnert: „Ich hielt ihn für einen Spitzel der Bande.“ Doch dann lässt sich Miguel anstecken von der fröhlichen Stimmung. Er lernt, wie man einen Lebenslauf schreibt, sich für ein Vorstellungsgespräch anzieht, wie man an sich selbst glaubt und nicht gleich beim ersten Hindernis seine Träume aufgibt. Werte, die zerrüttete Familien nicht vermitteln. Dinge, die nicht auf dem Lehrplan der Schulen stehen, weil gute Jobs in El Salvador mehr eine Sache von Beziehungen und Klassenzugehörigkeit sind als von Fähigkeiten. Vor allem aber findet er Lebensfreude, Halt und ein Ziel. „Die Gruppe wurde meine Familie“, erzählt er. Als es im Praxis-Modul fünf US-Dollar Startkapital gibt, mit der Aufgabe, daraus eine Geschäftsidee zu entwickeln, erinnert sich Miguel an seinen Jugendtraum. Und entwirft in der Backstube seiner Tante „cake pops“ – Brotkrümel im Schokoladenmantel. Sie sind ein Renner. Innerhalb einer Woche verdreifacht er das Kapital. Im Dezember 2017, er ist gerade 22 geworden, bekommt er sein Abschluss-Diplom und das T-Shirt, das ihn als „sozialen Transformer“ ausweist. Er trägt es gerne. Es demonstriert seine Zugehörigkeit zu einer angesehenen Gruppe und gibt ihm Selbstbewusstsein. Nach dem Kurs bewirbt er sich in einem namhaften Hotel. Miguel besteht die Aufnahmeprüfung und gehört zum Kellnerteam, das bei größeren Veranstaltungen gerufen wird. 45 US-Dollar verdient er im Schnitt pro Woche, den Großteil spart er für die Konditor-Fachhochschule. Miguels Vorbild ist Diego, ebenfalls ein Absolvent von „Neue Lebenspläne“, der wie er als Aushilfskellner anfing und heute festangestellter Konditor eines großen Hotels ist. In seiner schwarzen Uniform wirkt Miguel elegant und älter. Konzentriert deckt er runde Tische für ein Mittagessen für eine UN-Delegation. Vor zwei Monaten half er bei einer Hochzeit aus. „Anschließend hat mich der Brautvater beglückwünscht und mir 25 US-Dollar Trinkgeld gegeben“, erzählt er stolz. Zehn Dollar hat er für die Schuluniform seines jüngeren Bruders ausgegeben, vom Rest kaufte er sich Deo, Haargel und ein Parfüm. „Jetzt bin ich wer, und so muss ich auch aussehen“, sagt er. Den Ohrring hat er abgenommen, die Schlabberhose verschenkt.

Über die Autorin: Sandra Weiss, Politologin und ehemalige Diplomatin, war Chefin vom Dienst bei der Nachrichteagentur afp und arbeitet seit 1999 als freie Korrespondentin in Lateinamerika. Sie berichtet vom Rio Bravo bis nach Feuerland für Die Zeit, Le Monde Diplomatique, den Schweizer Rundfunk und die Deutsche Welle. Sie lebt in Mexiko.

Über den Fotografen: Hartmut Schwarzbach ist Fotojournalist und Dokumentarfilmer mit Wohnsitz in Hamburg. „Ich habe Miguel Vásquez auf meiner Reise nach El Salvador als einen außerordentlich sympathischen Jungen kennengelernt. Die Bitte, ihn zu Hause zu besuchen, hat er abgelehnt. Zu gefährlich für ihn und seine Familie.“


Dieser Artikel erschien zuerst im MISEREOR-Magazin „frings.“ Das ganze Magazin können Sie hier kostenfrei bestellen >

Autor:

Gast-Autoren im MISEREOR-Blog.

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