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Endlich wieder Schule!

Im Libanon dürfen syrische Flüchtlingskinder dank der Jesuiten und ihrem Flüchtlingsdienst sowie der Unterstützung von MISEREOR wieder Kind sein.

„Wenn ich zeichne, bin ich in einer anderen Welt.“ sagt Zaid. Foto: Greven/MISEREOR.

„Wenn ich zeichne, bin ich in einer anderen Welt.“ sagt Zaid. Foto: Greven/MISEREOR.

Kunst, das ist Zaids Lieblingsfach. Zaid ist elf Jahre alt und zeichnet in jeder freien Minute. Comicfiguren und Serienhelden und Landschaften. Zaid kann außergewöhnlich gut zeichnen.

Seine heutige Aufgabe: Zeichnet eure Zukunftsträume! Auf Zaids Bild ist die Großmutter in der Bildmitte zu erkennen, im großen Garten der Familie, mit Obstbäumen im Hintergrund. Sie liest friedlich ein Buch, er ist glücklich, bei ihr zu sein. Das Bild strahlt die tiefe Sehnsucht nach seiner behüteten und friedlichen Kindheit aus, die Zaid verloren hat. Das Bild zeigt die Vergangenheit – seine Heimat in Syrien.

Heute lebt Zaid in Baalbek, einer Stadt mit 80.000 Einwohnerinnen und Einwohnern im Norden des Libanons an der Grenze zu Syrien. Die Tempelanlage ist Weltkulturerbe. Was Rang und Namen hatte, traf sich im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts hier: Charles de Gaulle, Kaiser Wilhelm II., Gustave Flaubert und bekannte Jazzgrößen wie Ella Fitzgerald und Nina Simone.

Die Tempelanlage in Baalbek gehört zum Weltkulturerbe. Foto: Greven/MISEREOR.

Die Tempelanlage in Baalbek gehört zum Weltkulturerbe. Foto: Greven/MISEREOR.

Libanon als Zufluchtsort

Die jüngste Geschichte ist eine andere: Der arabisch-israelische Krieg brachte eine halbe Million palästinensische Flüchtlinge in das kleine Land. Der anhaltende Syrienkonflikt zwang erneut viele Menschen zur Flucht in den Nachbarstaat. Über eine Million syrische Flüchtlinge sind laut dem UN-Flüchtlingsdienst UNHCR im Libanon registriert, knapp die Hälfte davon sind Kinder und Jugendliche. Eines dieser Flüchtlingskinder ist Zaid. Vor drei Jahren ist er mit seiner Familie aus Syrien geflüchtet. Jeder vierte Einwohner – also 25 Prozent der Bevölkerung – ist wie Zaid geflüchtet und hat im Libanon eine neue Heimat gefunden.

Trotz der großen Aufnahmebereitschaft der libanesischen Bevölkerung stößt das kleine Land mit gerade einmal rund sechs Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern an seine Grenzen, alle Menschen ausreichend versorgen zu können. Im Norden lebt inzwischen jeder vierte Libanese unterhalb der Armutsgrenze. Die wirtschaftliche Situation stagniert, Arbeitsplätze und Wohnraum sind rar.

„Zeltstädte“ der UN-Flüchtlingsorganisation als neues Zuhause. Foto: Greven/MISEREOR.

Der UN-Flüchtlingsdienst baut „Zeltstädte“ als neues Zuhause. Foto: Greven/MISEREOR.

Die syrischen Flüchtlinge wurden überwiegend in „Zeltstädten“ außerhalb der Stadt untergebracht. Für viele hat sich die Situation seitdem nicht verändert. Familien leben auf engstem Raum, teilen sich mit bis zu 15 Personen ein Zelt. Neben den offiziellen Zelten, gebaut vom internationalen Flüchtlingsdienst UNHCR, entstehen informelle Zelte, oft aus zusammengenähten Stoffen und Kleidern oder Plastikplanen – der einzige Schutz vor Kälte und Regen. Die Kinder leiden am meisten. Hunger, Kälte und Krankheiten sowie die unverarbeiteten Fluchterfahrungen belasten die Familien sehr. Zaid hatte Glück: Er lebt mit seiner Mutter, zwei Brüdern, seiner Schwester und der Großmutter zusammen in einer kleinen Wohnung in Baalbek.

Eine verlorene Generation

Als verlorene Generation bezeichnet der Flüchtlingsdienst der Jesuiten JRS die Kinder und Jugendlichen im Libanon. Aufgrund des Bürgerkriegs haben viele der Kinder seit Jahren keine Schule mehr besucht. Im Libanon angekommen, mangelt es an Schulplätzen. Der Unterricht findet auf Englisch oder Französisch statt, in Syrien wurde auf Arabisch unterrichtet. Das Geld für Bücher und Schulmaterialien fehlt. Die Auswirkungen sind verheerend: Aggressivität, Kriminalität und ausbeuterische Kinderarbeit nehmen immer mehr zu. Die Chance, in Zukunft ein selbstständiges Leben zu führen, ist gering.

Jeden Tag bringen die Schulbusse von JRS die Kinder in die Schule und wieder zurück und die Zeltcamps. Foto: Greven/MISEREOR.

Jeden Tag bringen die Schulbusse von JRS die Kinder in die Schule und wieder zurück und die Zeltcamps. Foto: Greven/MISEREOR.

Eine Schule besuchen zu können, ist das größte Geschenk für die Kinder und Jugendlichen. Dieser Herausforderung widmet sich JRS seit fünf Jahren mit einem umfangreichen Bildungsprogramm. In Baalbek konnten mit Hilfe vieler Spenden drei Schulen aufgebaut werden. Auch Zaid geht hier zur Schule.

Die Unterstützung beginnt mit der Frühförderung der Kinder, gefolgt von der Grundschulbildung. Sonderklassen bringen Kinder unterschiedlichen Alters mit dem gleichen Bildungsstand zusammen. Seit zwei Jahren darf offizieller Unterricht für die Sekundarstufen 1 und 2 angeboten werden. Schulsozialarbeiter und Psychologen unterstützen die Arbeit. Die Bedürfnisse jedes Kindes werden berücksichtigt. Zum Schulstart werden ein Schulranzen und Materialien zur Verfügung gestellt, sowie bei Bedarf ein Gesundheitspaket mit Seife und Zahnbürste. Kleine Busse bringen die Kinder aus den Camps in die Schulen. Mit leerem Bauch fällt das Lernen schwer, deshalb dürfen sich die Kinder in der ersten Pause auf das traditionelle Fladenbrot, Chubz genannt, freuen, das frisch gebacken und mit Olivenöl, Kräutern und Käse belegt und verteilt wird.

Mit leerem Bauch fällt das Lernen schwer, deshalb dürfe sich die Kinder in der ersten Pause auf das traditionelle Fladenbrot, Chubz genannt, das frisch gebacken und mit Olivenöl, Kräutern und Käse belegt und verteilt wird, freuen. Foto: Greven/MISEREOR.

Mit leerem Bauch fällt das Lernen schwer, deshalb dürfe sich die Kinder in der ersten Pause auf das traditionelle Fladenbrot, Chubz genannt, das frisch gebacken und mit Olivenöl, Kräutern und Käse belegt und verteilt wird, freuen. Foto: Greven/MISEREOR.

JRS arbeitet eng mit den Schulbehörden im Libanon zusammen, um eine bestmögliche Förderung der Kinder zu erreichen. Ein Abschluss im Libanon ist der erste Schritt in eine selbstbestimmte Zukunft. In drei Schulen in Baalbek werden 600 Kinder unterrichtet. Zweimal so viele Kinder warten noch auf einen Schulplatz. Es fehlen die finanziellen Mittel, um das Programm auszuweiten.

Schule als Ort der Integration

Das Team aus Lehrerinnen, Erziehern, Sozialarbeitern, Busfahrern und Bäckern besteht aus Christen und Muslimen – aus dem Libanon und aus Syrien. Lehrer, die wie ihre Schüler geflohen sind, können helfen, Erfahrungen zu verarbeiten. Einheimische Lehrer helfen ihnen, sich im Libanon zurechtzufinden. Der Unterreicht ist lebendig und vielfältig.

Nicht nur auf die Grundlagenfächer wie Mathematik und Englisch wird der Fokus gelegt, genauso wichtig sind Sport, Theater und Kunst. Eine Möglichkeit für die Kinder, die traumatischen Erfahrungen zu verarbeiten. Der Kunstunterricht in der Schule wird von den Kindern begeistert angenommen.

Der Kunstunterricht in der Schule wird von den Kindern begeistert angenommen. Foto: Greven/MISEREOR.

Der Kunstunterricht in der Schule wird von den Kindern begeistert angenommen. Foto: Greven/MISEREOR.

„Zaid ist ein Junge, der sehr in sich gekehrt ist. Selten tobt er unbeschwert mit den anderen Kindern auf dem Schulhof. Er zieht sich lieber zurück und zeichnet“, so beschreibt ihn seine Kunstlehrerin. Das hat seine Gründe: Eine Urlaubsreise in den Libanon zu Verwandten wurde 2015 zur ungeplanten Flucht. Die kriegerischen Auseinandersetzungen verlagerten sich in die Region, in der die Familie lebte, eine Rückkehr war unmöglich. Die Großfamilie besaß in Syrien eine Obstplantage. Sie war wohlhabend. Im Krieg wurde alles zerstört. Alle Obstbäume abgeholzt, die Häuser zerstört. Der Reichtum der Familie war das Land, die Plantage, das friedliche Zusammenleben in der Großfamilie. Der größte Schatz ist die Familie, die durch den Krieg auseinandergerissen wurde. Wer überlebt hat, ist nach Europa geflohen oder lebt im Libanon.

Der Kunstunterricht in der Schule wird von den Kindern begeistert angenommen. Foto: Greven/MISEREOR.

Der Kunstunterricht in der Schule wird von den Kindern begeistert angenommen. Foto: Greven/MISEREOR.

Zaids Familie plant im kommenden Jahr die Rückkehr nach Syrien. Seine geliebte Großmutter und seine Tante machen den Anfang. Die Hoffnung auf einen gelungenen Neustart ist groß. Und vielleicht wird Zaids Bild von der glücklichen Zeit im Garten der Familie wieder Wirklichkeit werden.

Zaid und seine geliebte Großmutter. Sie will mit 78 Jahren einen Neuanfang in ihrer alten Heimat wagen. Foto: Greven/MISEREOR.

Zaid und seine geliebte Großmutter. Sie will mit 78 Jahren einen Neuanfang in ihrer alten Heimat wagen. Foto: Greven/MISEREOR.


Der Jesuiten-Flüchtlingsdienst ist eine internationale katholische Organisation, die 1980 gegründet wurde. Der weltweiten Not der Flüchtlinge begegnet die Organisation mit vielen lokalen Hilfsprojekten. Sie unterstützt in 51 Ländern Flüchtlinge und Menschen, die im eigenen Land vertrieben wurden, sowie Asylsuchende. Die Schwerpunkte der Arbeit liegen vor allem in der Schaffung von Bildungsangeboten, der Nothilfe, der Gesundheitsförderung und der Sozialarbeit. Inzwischen konnte JRS weltweit mehr als 800.000 Menschen helfen. MISEREOR unterstützt die Arbeit des Flüchtlingsdienstes seit seiner Gründung.


Über die Autorin: Eli Kleffner ist PR-Referentin bei MISEREOR und besuchte Zaid und die anderen Schulkinder im Oktober im Libanon.


Dieser Artikel erschien zuerst im „Straubinger Tagblatt“ am 10. November 2018.

Autor:

Gast-Autoren im MISEREOR-Blog.

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