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Philippinen: Können wir still sein?

Die Stadt ist noch ruhig, die Straßen für Manila-Verhältnisse fast leer wegen des Feiertags, der an die Schlacht um Bataan während der Zeit der japanischen Besatzung im zweiten Weltkrieg erinnert. Wir sind auf dem Weg zum Schauplatz einer anderen Art von Krieg, den der philippinische Präsident dem Drogenkonsum und -handel erklärt hat.

Erzbischof Stephan Burger segnet Angehörige von Mordopfern, die ihre Trauer verarbeiten. Er besucht mit MISEREOR-Hauptgeschäftsführer Pirmin Spiegel Menschenrechtsorganisationen auf den Philippinen.
Foto: Initiatives for Dialogue and Empowerment through Alternative Legal Services, IDEALS

Wir, das sind Erzbischof Burger, der Vorsitzende der MISEREOR Kommission bei der deutschen Bischofskonferenz und der Hauptgeschäftsführer von MISEREOR, Pirmin Spiegel, zusammen mit den MISEREOR Referenten Elmar Noé und Steffen Ulrich.

Im St. Arnold Janssen Kalinga Center der Steylermissionare, das sich für Obdachlose und städtische Arme einsetzt, treffen wir Angehörige der Betroffenen dieses sogenannten Krieges gegen die Drogen. Die Kampagne des Präsidenten, die angeblich darauf abzielt, den Drogenkonsum in den Philippinen zu bekämpfen, hat bisher über 25.000 Mordopfer gefordert.

Über 25.000 Familien sind betroffen

Wir begegnen Menschen, die uns deutlich machen, dass es hierbei um 25.000 Familien geht, die einen oder gar den Ernährer verloren haben, um wahrscheinlich mehr als 100.000 Kinder, denen ein Elternteil künftig fehlen wird. Das Trauma wird mindestens eine Generation von Menschen vor allem in den armen Stadtteilen von Metro Manila prägen.

Der“Dance of Hope“ – aufgeführt von ehemaligen Odachlosen und Witwen – erzählt von Schmerz, Trauer, Mut und Hoffnung.
Foto: Ulrich/MISEREOR

Das Kalinga Center, das Obdachlose und Slumbewohner unterstützt, wird von Angehörigen von Mordopfern betrieben. Diese lassen uns in Erzählungen an ihrem Schicksal teilhaben, führen uns dann einen Tanz der Hoffnung auf, der von ihrem Mut erzählt und sich mit Schmerz und Tränen vermischt. Es berührt tief, wie die Menschen in einer Zeremonie symbolisch Erzbischof Burger Bilder ihrer Angehörigen übergeben, er jeder einzelnen Witwe eine Kerze überreicht und wie der Segen des Erzbischofs beiträgt, Trauer zu verarbeiten.

Symbolische Übergabe von Bildern der Ermordeten und Kerzen der Hoffnung an Erzbischof Stephan Burger.
Foto: Ulrich/MISEREOR

„Wir dürfen nicht still sein, das gebietet uns schon das Evangelium“, erklärt uns der Father, ein engagierter Priester und Menschenrechts-aktivist, der schon gegen die Diktatur von Ferdinand Marcos seine Stimme erhoben hat. Er, wie auch MISEREOR-Partner setzen sich dafür ein, dass die Stimme der Opfer nicht vergessen wird.

„Wir dürfen nicht still sein, das gebietet uns schon das Evangelium.“

Menschenrechtsaktivist, Manila/Philippinen

Wir hatten die Möglichkeit, die Arbeit von drei MISEREOR-Partnerorganisationen kennenzulernen, die mit unterschiedlichen und sich gegenseitig ergänzenden Aktivitäten Menschenrechtsverletzungen in den Philippinen thematisieren und Opfer sowie auch Menschenrechts-verteidiger und Menschenrechtsverteidigerinnen unterstützen. Diese Unterstützung reicht von psychosozialer Hilfe durch Theaterpädagogik (Philippine Educational Theater Association, PETA), über Rechtshilfe und Dokumentation von Menschenrechtsverletzungen (Initiatives for Dialogue and Empowerment through Alternative Legal Services, IDEALS), bis zu anwaltschaftlicher Arbeit und Arbeit mit lokalen Regierungsstellen (Philippine Alliance of Human Rights Advocates, PAHRA).

Theater sensibilisiert Kinder für die Menschenrechte.
Foto: Initiatives for Dialogue and Empowerment through Alternative Legal Services, IDEALS

Die, die sich für Menschrechte einsetzen und Verletzungen bezeugen, sind zunehmend Bedrohungen ausgesetzt. So auch ein Steyler-Priester, der das Kalinga-Zentrum leitet. Das hindere ihn aber nicht daran, so versichert er uns, weiterzumachen. Die Not und die schreiende Ungerechtigkeit verpflichten ihn, nicht leise zu werden.

Kirche erhebt ihre Stimme gegen Gewalt und Bedrohung

Am Ende des Tages intensiver Gespräche und Zusammenkünfte haben wir mit einem Mitglied des Vorstandes der philippinischen Bischofskonferenz Gottesdienst gefeiert und gesprochen. Er sieht die Kirche in der Pflicht prophetische Kirche zu sein, gegen Gewalt und Bedrohung des Rechts auf Leben ihre Stimme zu erheben. Ihm selbst wird das immer wieder auf schmerzliche Weise bewusst, da gerade in seiner Diözese die meisten Menschen wegen angeblichen Drogenkonsums oder -handels ermordet wurden; auch er selbst wird zunehmend das Ziel von Beleidigungen und Bedrohungen.

Gottesdienst am Ende des Tages nach intensiven Begegnungen und Gesprächen.
Foto: Initiatives for Dialogue and Empowerment through Alternative Legal Services, IDEALS

Immer wieder im Laufe des Tages werden wir mit der Frage konfrontiert, ob Drogenkonsum die Ursache sozialer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Probleme ist, wie der Präsident behauptet, oder eher eine Folge dieser Probleme. Wir stellen ebenso die Frage, welche Zwecke diese Kampagne erfüllen mag, die zu einem Klima der Angst führt. Es exisitieren Listen von Menschen, die beschuldigt werden mit Drogenkonsum oder -handel zu tun zu haben. Namen werden ohne Beweise auf solche Listen gesetzt und wir erfahren, dass diese Menschen in besonderer Weise bedroht sind.

Wie ist es möglich, dass in diesem Land, das sich 1987 eine demokratische, auf den allgemeinen Menschenrechten basierte Verfassung gegeben hat, demokratische Institutionen ihre Unabhängigkeit verlieren und der Raum zivilgesellschaftlicher Organisationen weiter eingeschränkt wird?

Die Arbeit der MISEREOR Partnerorganisationen, anderer zivilgesellschaftlicher Kräfte und das Engagement einer Reihe von katholischen Bischöfen zeigt, welchen Mut es in diesem Umfeld braucht, sich für eine Gesellschaft einzusetzen, die auf Verständigung, Respekt und Toleranz statt auf Gewalt, Verzweiflung und Einschüchterung setzt.


MISEREOR unterstützt verschiedene Ansätze von Partnerorganisationen als Antwort auf den Drogenkrieg, darunter anwaltschaftliche Hilfe und Traumaarbeit. Die katholische Kirche der Philippinen ist zu einem zentralen Akteur geworden, die Opfern Hilfe bietet, die Regierungskampagne kritisiert und an den Wurzeln der Gewalt ansetzt.


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Weiterer Bericht von MISEREOR-Hauptgeschäftsführer Pirmin Spiegel von der Reise auf die Philippinen:

Autor:

Pirmin Spiegel

Pirmin Spiegel ist Hauptgeschäftsführer bei MISEREOR. Bevor er 2012 zu MISEREOR kam, war er 15 Jahre in Brasilien als Pfarrer tätig und bildete in verschiedenen Ländern Lateinamerikas Laienmissionare aus.

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