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„Es reicht nicht, fossile Energien durch erneuerbare zu ersetzen“

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Pablo Solón und Petra Pinzler über Klimaschutz, Politikversagen und das Gute Leben

Herr Solón, Sie waren UN-Botschafter und als Chef-Verhandler für Bolivien bei den Klimagipfeln dabei. Wie wird dort über die Ursachen der Klimakrise gesprochen?

Pablo Solón: Gar nicht. Dort wird nur über Symptome diskutiert und wie man den Ausstoß von Kohlendioxid, also CO2, verringern kann. Die menschengemachten Ursachen sind dort kein Thema. Das ist so, als ob ein Arzt ein Medikament gegen Fieber verschreiben würde, ohne sich weiter um die Infektion zu kümmern.

Das heißt, in der internationalen Politik spielt Ursachenforschung keine große Rolle?

Solón: So ist es. Ich glaube deshalb, dass Lösungen von einzelnen Städten, Gemeinschaften oder auch Individuen ausgehen.

Frau Pinzler, Sie haben einen individuellen Ansatz probiert und versucht, als vierköpfige Familie in Berlin ein Jahr lang klimagerecht zu leben. Haben Sie es geschafft?

Petra Pinzler: Nein, wir haben unser Ziel verfehlt. Wir haben unsere Gewohnheiten verändert und uns jeden Monat einer anderen Herausforderung gestellt: wie wir fahren, was wir essen, wie wir heizen, unsere Kleidung. Wir wollten unsere CO2-Emissionen auf zwei Tonnen pro Person im Jahr reduzieren – so viel steht jedem Menschen auf der Erde nach wissenschaftlichen Berechnungen zu, wenn wir wollen, dass sich die Erde nicht um mehr als zwei Grad erwärmt. Wir sind am Ende bei sieben Tonnen gelandet. Jeder von uns hat seinen CO2-Verbrauch um ein Drittel gesenkt im Vergleich zu vorher. Aber sieben Tonnen statt zwei Tonnen ist immer noch viel zu viel.

Woran hat es gehapert?

Pinzler: Ein großer Teil unserer familiären Emissionen hat gar nichts mit unserer Familie zu tun, sondern mit der Gesellschaft, in der wir leben. Daran lässt sich individuell wenig ändern. Deshalb haben wir geschaut, was wir im Alltag tun können. Meine Tochter fährt jetzt mit dem Fahrrad zur Schule und engagiert sich als Klima-Aktivistin. Sie hat gemerkt, dass Straßen und Ampelschaltungen für Autos ausgelegt sind und fühlt sich faktisch bestraft für ihr richtiges Verhalten. Die Politik unterstützt klimafreundliches Verhalten nicht: Das Dienstwagenprivileg, die Entfernungspauschale, keine Mehrwertsteuer auf Flugtickets sind Beispiele dafür.

Solón: Ich sehe die Gefahr, dass die Öffentlichkeitsich in der gefährlichen Überzeugung wiegt, die Politik kümmere sich ausreichend um das Thema. UN-Konferenzen vermitteln manchen Menschen das Gefühl, dass der Abschluss von internationalen Abkommen das Problem löst. Aber die Beschlüsse der Klimagipfel von Cancún und Paris reichen nicht aus, um das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen, weil viel zu viel auf Freiwilligkeit beruht.

Sind Sie nach einem Jahr des Experimentierens und des Verzichts wieder zu Ihren früheren Gewohnheiten zurückgekehrt, Frau Pinzler?

Pinzler: Das ist unmöglich. Der Verzicht auf CO2-Ausstoß ist keine Diät, bei der man eine Zeitlang verzichtet – es ist eine Lebensumstellung. Wir haben unser Auto abgeschafft. Und die Recherche war ein Gewinn, wir haben interessante Leute getroffen und miteinander debattiert: Wer duscht wie lange warm, wie oft kaufen wir uns neue Klamotten? Wo scheitern wir mit unseren privaten Versuchen? Wo brauchen wir eine andere Politik? Das hat auch Spielerisches. Das ist wichtig: Nicht bloß streng und rigide daranzugehen, sondern mit Neugier.

Der Klimawandel wird vor allem von hochindustrialisierten Ländern wie Deutschland verursacht. Bolivien gehört dagegen zu den zehn Ländern, die schon heute stark unter dem Klimawandelleiden. Muss Deutschland mehr tun als Bolivien, um seinen Ausstoß an CO2 zu senken?

Solón: Auf jeden Fall. Deutschland muss mehr tun, weil es historisch die größere Verantwortung hat. Trotzdem darf Bolivien nicht noch zur Verschärfung des Problems beitragen. Doch das geschieht. In Bolivien werden jedes Jahr riesige Flächen Urwald durch Brandrodung vernichtet, zwischen 200.000 und 300.000 Hektar (Anm: Das entspricht etwa der Fläche des Saarlandes)– und die Regierung lässt das zu. Die Zerstörung des Waldes führt zu massiven Dürren, weil der regionale Wasserkreislauf nicht mehr funktioniert. Ende 2016 gab es in mehreren Stadtvierteln von La Paz, der Hauptstadt Boliviens, nur alle drei Tage Wasser aus der Leitung.

In Ihrem Buch fordern Sie eine Systemwende: Passen effektiver Klimaschutz und Kapitalismus nicht zusammen?

Solón: Es reicht nicht, fossile Energien durch erneuerbare zu ersetzen. Im Kapitalismus fokussieren sich Unternehmen darauf, immer mehr Geld zu verdienen, egal ob mit Öl, Wind oder Sonne.

Was spricht dagegen? Wind und Sonne sind kostenlos und klimafreundlich.

Solón: Ich bin nicht gegen Windräder, sondern gegen die Ursache, die dazuführt, dass wir von allem immer mehr brauchen. Auch Windräder und riesige Solarparks verursachen große Umweltprobleme.

Sehen Sie das auch so, Frau Pinzler?

Pinzler: Ich sehe auch im permanenten Wachstum das Problem, weil das mit immer mehr Ressourcenverbrauch einhergeht. Das lässt sich mit wirkungsvollem Klimaschutz nicht vereinbaren. Was wir brauchen, ist eine neue Idee vom guten Leben. Ein wachsendes Bruttoinlandsprodukt als Messlatte dafür zu nehmen, ist falsch. Aber es ist schwierig, diese Sichtweise zu ändern: Wächst das Bruttoinlandsprodukt, verfügt auch die Regierung über mehr Geld. Zugleich ist es für Politiker unpopulär zu sagen, dass es nicht immer mehr Autos und Wohnfläche geben kann. Man kann Alltagsgegenstände wie Autos auch leihen und teilen. Damit das wirkt, müssten Städte die Rahmenbedingungen vorgeben. Das passiert aber selten.

Herr Solón, in Ihrem Buch entwickeln Sie genau diese neuen Ideen vom guten Leben, die Frau Pinzler fordert. Sie nennen Ihr Konzept ‚Buen Vivir‘. Wie sieht das aus?

Solón: Im Buen Vivir gibt es keine Vorstellung von Wachstum und Entwicklung.Wir sind als Einzelne und als Gesellschaft Teil der Natur und des Erdsystems und als Menschheit sollten wir alles dafür tun, dessen Balance zuerhalten, weil sonst wir und viele andere Erdbewohner ausgelöscht werden. Im Buen Vivir haben deshalb nicht nur Menschen Rechte, sondern auch die Natur. Sie ist kein Objekt, das beliebig ausgebeutet werden darf.

Wird das schon irgendwo umgesetzt?

Solón: Manche indigene Gesellschaften leben so, sie haben wenig Austausch mit dem internationalen Markt. Für sie geht es immer um die Balance von Menschen, Tieren und Pflanzen. Das heißt nicht, kein Fleisch zu essen, sondern andere Wesen nicht wie Dingezu behandeln, nach den eigenen Bedürfnissen zu formen oder womöglich ganze Arten auszurotten.

Das klingt paradiesisch aber moderne Gesellschaften des 21. Jahrhunderts sind komplett anders organisiert. Lässt sich das überhaupt auf diese übertragen?

Solón: An vielen Orten der Welt gibt es Nachbarschaften, die sich selbst organisieren und die Bedingungen in ihrer Umgebung verbessern. Sie kümmern sich um Ältere, den Park nebenan oder suchen Plätze, wo ihre Kinder zusammenspielen können. Da beginnt eine andere Logik. Das kann man Buen Vivir nennen oder Commons – der Name ist nicht wichtig. Aber das ist natürlich zuwenig; die Rahmenbedingungen auf nationaler und EU-Ebene müssen sich grundlegend ändern.

Denken Sie, das ist in Deutschland anschlussfähig?

Pinzler: Vielen Menschen, auch bei uns, dämmert mittlerweile: Wir sind ein Subsystem der Erde. Bisher haben Wissenschaftler und Politiker von einem Dreieck gesprochen, in dem Wirtschaft, Soziales und Umwelt gleichermaßen berücksichtigt werden müssen. Das Bild ist aber falsch. Besser passt die Vorstellung eines Balles, nämlich unseres Planeten. Und dieser Ball, von dem wir nur ein Teil sind, kann nicht unbegrenzt wachsen. Die Menschen spüren das. Und sie sehen, dass die Politik nichts Wesentliches unternimmt.

In Bolivien und Ecuador hat Mutter Erde Verfassungsrang. Ein guter Anfang?

Solón: In Ecuador basieren inzwischen etwa 20 Gesetze und Verordnungen darauf, aber in Bolivien bedeutet es nichts, weil die Regierung dem Verfassungsgrundsatz nicht folgt. Der Knackpunkt ist immer, ob hehre Grundsätze politisch tatsächlich umgesetzt werden.

Kriegt die Menschheit noch die Kurve?

Pinzler: Es ist menschlich, Hoffnung zu haben. Und wenn man etwas tut, fühlt man die eigene Kraft.Solón: Ich glaube, dass es sich um einen Lernprozess handelt und nach und
nach jeder versteht, worum es geht. Die Erfahrung in starken Krisen ist, dass nichts mehr hilft als Gemeinschaft. Wer sich mit Waffen und gefüllten Kühlschränken verschanzt und hofft, allein zu überleben, begeht Selbstmord.

Über den Autor: Jonas Friedrich lebt und arbeitet als freier Fotograf in Berlin. Nach einem Studium Mediadesign an der Hochschule Berlin und verschiedenen Praktika und Assistenzarbeiten bei professionellen Mode- und Portraitfotografen widmete er sich der Portraitfotografie. Hier versucht er, die Vielfalt der verschiedenen Figuren, die jeder Mensch einnimmt, zu erfassen und darzustellen.


Dieser Artikel erschien zuerst im MISEREOR-Magazin „frings.“ Das ganze Magazin können Sie hier kostenfrei bestellen >

Autor:

Gast-Autoren im MISEREOR-Blog.

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