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„Der Status Quo beginnt zu wanken“

Sich in heutigen Zeiten über das Tagesgeschehen zu informieren, kann bisweilen erdrückend sein. Auf der einen Seite dominieren Themen wie Wetterextreme und Konflikte über Ressourcen die Schlagzeilen. Auf der anderen Seite müssen wir ein Wiedererstarken des Populismus beobachten. Gleichzeitig jedoch bewegt sich etwas in der Gesellschaft: Jugendliche gehen weltweit freitags für Klimagerechtigkeit auf die Straße, neue Wortkreationen wie „Flugscham“ werden, ebenso wie der Einsatz für das Weltklima, salonfähig.

Ashish Kothari © Jana Echterhoff I MISEREOR

Eine tatsächliche Veränderung des Status Quo, ein sozial-ökologischer Wandel, kann jedoch nur funktionieren, wenn er sich auf alle Bereiche des Lebens bezieht. Mit dieser These erntete der MISEREOR-Projektpartner Ashish Kothari bei seinem Besuch in der Aachener Geschäftsstelle des Werks für Entwicklungszusammenarbeit nicht nur große Zustimmung bei den Zuhörenden. Der Mitgründer des langjährigen indischen MISEREOR-Partners Kalpavriksh, der zu Entwicklung und Umwelt tätig ist, vermittelte einige wegweisende Ideen für einen gelingenden sozial-ökologischen Wandel aus seiner Heimat – in Deutschland und weltweit.

Wo stehen wir als Gesellschaft?

Ashish Kothari:„Wir befinden uns in einer Krise des Klimas und des Aktivismus gleichermaßen. Das Problem ökologischer und sozial-orientierter Protestbewegungen ist häufig, dass sie sich nicht trauen, die Wurzeln der Ungleichheit zu hinterfragen. Sie beschränken sich in ihren Forderungen auf einige wenige Aspekte. Dabei betreffen der Klimawandel und seine Folgen alle Bereiche des Lebens: Wenn eine Gesellschaft sich wandeln soll, müssen beispielsweise das kulturelle Selbstverständnis und das Wertegerüst die Grundlage der Veränderung bilden. Für die Menschen ist der Einbezug dieses Aspekts elementar. Nichtregierungsorganisationen sparen die kulturelle Dimension aber häufig aus und überlassen so den Populisten das Feld, die auf diesem Weg einige Stimmen für sich gewinnen.“

© Jana Echterhoff I MISEREOR

Welche Lösungsansätze gibt es?

Ashish Kothari: „Drei Punkte sind wichtig, damit wir einen sozial-ökologischen Wandel anstreben können: Zunächst müssen wir anfangen, ganzheitlich zu denken. Die Veränderung sollte alle Bereiche der Gesellschaft und des Lebens mit einbeziehen. Auch entscheidend ist, dass wir unsere Sicht weiten. So heißt Demokratie beispielsweise nicht, dass immer alle über alles entschieden. Es bedeutet vielmehr, dass das Volk nach dem Subsidiaritätsprinzip agiert. Wenn jemand in einem Bereich der Experte ist, sollten die anderen ihm dort die Entscheidungshoheit übertragen. Ganz wichtig ist bei der ganzen Diskussion auch, dass wir eine Vision brauchen. Wofür setzen wir uns ein? Was möchten wir erreichen?

Diese Aspekte sind entscheidend für einen dauerhaften Wandel. Es bedarf auch keiner großen Institution oder Organisation, um diese Schritte zu gehen. Im Gegenteil: Die Bewegung sollte an der Basis entstehen. Wenn jeder auf kleinster Ebene aktiv wird, werden alle Bereiche der Gesellschaft mit einbezogen.“

Was können wir konkret tun?

Ashish Kothari: „Jeder sollte in seinem Umfeld schauen, wie er etwas verändern kann. Was kann die Gemeinschaft vor Ort, in der wir leben, bewirken? Was ist ihre Stärke? Wenn es viele lokale Initiativen gibt, in denen jeder seine Kapazitäten bestmöglich für den sozial-ökologischen Wandel einsetzt, haben wir schon viel erreicht. Im nächsten Schritt ist es dann entscheidend, dass sich die Gruppen untereinander austauschen, ihre Erfahrungen und Anliege miteinander teilen. So kann ein globales Netzwerk entstehen, in dem weltweites Wissen vereint ist und jeder mit seinen Fähigkeiten etwas zum Wandel beitragen kann.“

Was kann MISEREOR bewirken?

Ashish Kothari: „Mir fallen spontan zwei Punkte ein, wie MISEREOR einen sozial-ökologischen Wandel vorantreiben kann: Zum einen kann es als Organisation dabei unterstützen, dass sich die einzelnen Projektpartner und Initiativen vor Ort weiter vernetzen und so den Wissensaustausch intensivieren. Zum anderen müssen die Menschen im globalen Norden beginnen, ihr eigenes Verhalten zu hinterfragen. In dem Bereich kann MISEREOR einen wichtigen Beitrag leisten und die Menschen zum Nachdenken anregen. Es ist ein langer Weg, auf den wir uns begeben. Die Elite jedoch schaut auf uns, was ein guter erster Schritt ist: Der Status Quo beginnt zu wanken.“


Mehr Informationen

… zur Organisation Kalpavriksh: kalpavriksh.org

… weitere Hintergründe zur Arbeit von Ashish Kothari auf globaltapestryofalternatives.org

Kollektivwerk „Pluriverse“ www.radicalecologicaldemocracy.org/pluriverse

Autor:

Jana Echterhoff volontiert in der Abteilung Kommunikation bei MISEREOR.

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