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Brasilien: Was können wir für den Regenwald tun?

Nach den erschreckenden Bildern in den Medien über die massiven Brände und Abholzungen im Amazonasgebiet häufen sich die Fragen aus Deutschland, was wir für den Erhalt der Amazonaswälder tun können? Diese Frage habe ich Projektpartnern von MISEREOR, Umweltaktivisten und Vertretern der brasilianischen Kirche gestellt. Die Antworten sind vielseitig, zielen aber alle in die gleiche Richtung.

Papst Franziskus bei einem Treffen mit indigenen Völkern in Puerto Maldonado/Peru © dpa

Viele MISEREOR-Partner wie Maria Petronila von der Landpastoral CPT in Rondonia sind für die Solidaritätserklärungen und den heftigen Protest aus Europa und anderen Teilen der Welt sehr dankbar. „Die Proteste im Ausland geben uns zusätzlich Kraft durchzuhalten“, erklärt die engagierte Menschenrechtsverteidigerin und ergänzt: „Druck ist die einzige Sprache, welche unsere aktuelle Regierung und das Agrobusiness verstehen. Sollten die europäischen Länder ihre Ankündigungen zum Einfuhrstopp von Sojabohnen und Rindfleisch umsetzen, bliebe unserer Regierung nichts anderes übrig, als einzulenken und Brasiliens Verträge zum Klimaschutz und zur Einhaltung von Menschenrechten zu respektieren“. Das Handelsabkommen zwischen Europa und MERCOSUR darf nur unter strikten Umweltauflagen zu Stande kommen.“

Amazonassynode: Weg von der Konsumgesellschaft zu einer ganzheitlichen Ökologie

Die Franziskaner-Laiin Moema Miranda ist in Brasilien eine der treibenden Kräfte zu einem ganzheitlichen, ökologischen Denken. Gemeinsam mit Indigenen und Vertretern kirchlicher Basisbewegungen wird sie Anfang Oktober nach Rom reisen, um während der dreiwöchigen Amazonassynode die Stimme der Menschen aus dem Regenwald zu vertreten. Die Umweltaktivistin glaubt fest daran, dass das Zeitalter des Konsums und der Wegwerfgesellschaft seine Grenzen erreicht hat und daraus ein neues Zeitalter des verantwortlichen, gesellschaftlichen Handelns entsteht. „Der Neoliberalismus hat sich in den vergangenen fünfzig Jahren als nicht nachhaltiges Wirtschaftsmodel entpuppt. Er hat im Eiltempo die Lebensgrundlage von Milliarden Menschen zerstört und die Natur aus dem Gleichgewicht gebracht“, erklärt Moema.

Die Vertreterin des kirchlichen Amazonasnetzwerkes REPAM sieht in Papst Franziskus den derzeit einzigen großen, politischen Führer, welcher die bedrohliche Lage der Erde in all seiner Komplexität verstanden hat, und das schon seit vielen Jahren, wie sie sagt: „Das von Papst Franziskus Ende 2015 erstellte Dokument Laudato Si ist eine tiefgründige gesellschaftspolitische, geopolitische Analyse. Eine Inspiration zum spirituellen, sozialen und ökologischen Wandel“. Zwei Jahre nach Entstehung des Dokuments rief Papst Franziskus für 2019 die Amazonassynode aus unter dem Thema: „Neue Wege für die Kirche und eine ganzheitliche Ökologie“. Im Januar 2018 traf er dann auf indigene Völker in Puerto Maldonado, Peru. Über 85.000 Menschen aus dem Amazonasgebiet wurden in den letzten zwei Jahren in der inhaltlichen Vorbereitung der bevorstehenden Synode eingebunden. Die Erwartungen in Amazonien sind groß. Für die katholische Kirche erweist sich die diesjährige Synode als einmalige Chance, sich aus veralteten, selbstangelegten Fesseln zu befreien und zu einer Kirche der praktizierten Nächstenliebe, der Liebe zur Natur und der Liebe zu Gott und der Schöpfung zu entwickeln. Indigene und andere traditionelle Völker werden bei den synodalen Beratungen im Mittelpunkt stehen.   

Unterschriftenaktionen und Protestmärsche
gegen die Zerstörung

Der brasilianische Bundestaatsanwalt Felicio Pontes ist seit vielen Jahren ein wichtiger Weggefährte kirchlicher Basisbewegungen und Aktivisten. Für ihn ist es eine Selbstverständlichkeit, dass der Regenwald eine übergeordnete Rolle zum Schutz des Weltklimas einnimmt. Als Staatsanwalt eines öffentlichen Ministeriums setzt er sich täglich mit Korruptionsdelikten und staatlicher Gewalt auseinander. Sein Vertrauen in Regierungen, auch den europäischen, ist beschränkt. Er plädiert deshalb dafür, dass Umweltbewegungen und Menschenrechtsorganisationen ihre Protestmärsche fortsetzen. Seiner Meinung nach wäre es für den Schutz des Amazonasgebietes hilfreich, wenn Umweltbewegungen und die kirchlichen Hilfswerke weitreichende Unterschriftenaktionen zum Schutz des Amazonaswaldes und des Klimas starten würden. Für Felicio Pontes sind die Schülerproteste um die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg eine große Inspiration, „um uns alle aufzuwecken“, wie er sagt und auf unsere Regierungen Druck auszuüben. Auch er wünscht sich einen Importstopp von brasilianischen Sojabohnen und Rindfleisch.

Feld mit erntereifem Soja. Die indigene Gemeinde Acaizal (Volk der Mundurukú) nahe Santarem, Pará, Brasilien ist von Soja-Feldern umringt. © Florian Kopp /MISEREOR

Direkthilfe für indigene Völker

Von der deutschen staatlichen Entwicklungszusammenarbeit als auch von den deutschen Hilfswerken wünscht sich Felicio Ponte eine stärkere und direkte finanzielle Unterstützung der indigenen Völker. Da die indigenen Völker kaum über eigene Mittel verfügen, können sie die Verteidigung ihrer Rechte, als auch ihrer Territorien nur unzureichend selbst in die Hand nehmen. „Es gibt viele indigene Gruppen, die dringend Finanzmittel benötigen, um strategische Treffen abzuhalten oder um in die brasilianische Hauptstadt Brasilia zu reisen, um dort vor den indigenen Behörden FUNAI und SESAI, vor Ministern und Menschenrechtskommissionen ihre Rechte und Interessen zu vertreten“, erklärt der renommierte Staatsanwalt.

Die deutsche staatliche Entwicklungszusammenarbeit mit circa 200 Inlandsmitarbeiterinnen und -mitarbeitern übernahm in Brasilien einst eine Vorreiterrolle zum Schutz des Regewaldes. Diese Rolle ist ihr heute allerdings teilweise abhandengekommen. Eine Zusammenarbeit mit Bolsonaro und dessen Umweltminister Ricardo Salles erscheint unmöglich. Landwirtschaftsministerin Teresa Cristina vertritt die Interessen des Agrobusiness und nicht die der Menschen aus dem Wald. Brasilianische Basisbewegungen und Nichtregierungsorganisationen stellen seit Jahren die Bereitstellung von Fördermittel durch den Staat in Frage. Sie wünschen sich eine direktere Zusammenarbeit mit GIZ, BMZ und der deutschen Botschaft. Einer ihrer Kritikpunkte ist, dass Entwicklungshilfegelder über den brasilianischen Staat häufig in die falschen Hände geraten und nicht dort ankommen, wo sie benötigt werden. Der von Norwegen und Deutschland finanzierte „Amazonasfond“ erwies sich in der Vergangenheit als ein wichtiges Instrument zum Schutz der Wälder. Unter der Bolsonaro-Regierung liegt der Fond mittlerweile seit neun Monaten auf Eis. Die ultrarechte brasilianische Regierung will die Teilnahme von Nichtregierungsorganisationen an dem Programm streichen,  dabei waren es gerade die NGOs, welche dem Amazonasfond zum Erfolg verhalfen.

Spendenaktionen für Amazonien

Durch den Wegfall des Amazonasfonds und andere von der brasilianischen Regierung eingestellte Förderprogramme, laufen viele brasilianische Nichtregierungsorganisationen und Basisgruppen Gefahr, in Kürze ihre Arbeit einstellen zu müssen. Direktspenden und auf den Amazonas ausgerichtete Sonderspendenaktionen erweisen sich somit als wichtige Hilfen, damit Menschenrechts- und Umweltorganisationen ihre Arbeit im Amazonas fortsetzen können.

Mit gutem Beispiel vorangehen

Viele Menschen, gerade in Deutschland, sind sich darüber im Klaren, dass von uns nicht genug getan wird, um die Klimaerwärmung und die Zerstörung des Lebensraums Erde aufzuhalten. Wir alle müssen mehr tun. Dazu gehört auch, dass wir unser Konsumverhalten drastisch ändern. Dass der hohe weltweite Fleischkonsum einen direkten Einfluss auf die Klimaerwärmung hat, ist inzwischen wissenschaftlich belegt. In Lateinamerika hat er einen großen Einfluss auf die zunehmende Zerstörung der Regenwälder. Es sind die lukrativen Exportgeschäfte landwirtschaftlicher Produkte wie Sojabohnen für die Schweine- und Hühnermast und Rindfleischproduktion, welche die Agrarlobby, Viehzüchter und Sojabauern antreibt, Lateinamerikas Wälder zu roden. Verzehrt die Weltbevölkerung weniger Fleisch, reduziert sich dadurch automatisch der Druck auf die natürlichen Ressourcen. „Wenn die Weltbevölkerung ihren Fleischkonsum nur um 20 Prozent reduziert, kann man dadurch Millionen Hektar Regenwald vor weiteren Rodungen retten“, erklärt der Präsident des indigenen Missionsrates CIMI, Bischof Roque Paloschi. Nach Meinung des Blogautors wäre es für den Erhalt der Tropenwälder nicht nur hilfreich, sondern außerordentlich wichtig, dass sich die deutschen kirchlichen Hilfswerke, Umwelt- und Klimaschutzorganisationen zusammensetzen, um gemeinsam breit angelegte Aufklärungskampagnen zur Reduzierung des Fleischkonsums und Schutz des Regenwaldes zu starten. Dass großer Fleischkonsum nicht gesund ist, wissen alle. Dass es die Zerstörung der Regenwälder vorantreibt, wissen die wenigsten.

Ohne massiven Druck von außen wie von innen dürfte es allerdings schwer werden, die entwicklungspolitische Marschroute der deutschen Regierung in Brasilien grundsätzlich zu ändern.


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Autor:

Stefan Kramer

Stefan Kramer leitet die MISEREOR Dialog- und Verbindungsstelle in Brasilia/Brasilien.

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