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Sozial-ökologischer Wandel fängt im Kleinen an

„Wir sollten anfangen, uns nicht mehr nur auf die Probleme zu fokussieren, die durch Klimawandel und soziale Ungleichheit entstehen. Es geht jetzt darum, was wir verändern können“, eröffnet Markus Büker, MISEREOR-Referent für theologische Grundfragen, die Jahrestagung 2019 in der Aachener Geschäftsstelle des Werks für Entwicklungszusammenarbeit.

Zweifelsohne: Die Zeit wird knapp – die Mehrheit der Wissenschaftler gibt uns nur noch wenige Jahre, um den sozial-ökologischen Wandel zu vollbringen. Auf der MISEREOR-Jahrestagung 2019 stand, wie es schon der Titel „Sorge für das gemeinsame Haus – Ökologie und Menschenrechte“ vermuten ließ, jedoch der Blick nach vorne im Vordergrund. Schließlich gibt es spätestens seit dem Erscheinen der Enzyklika „Laudato Siʼ“ im Jahr 2015 eine Orientierung und Hoffnung, wie ein sozial-ökologischer Wandel gelingen kann – nicht nur innerhalb der katholischen Kirche, sondern weltweit.

„Laudato Si‘ schaut mit einem ganz anderen Blick auf die Welt. Gutes Leben soll möglich sein, in Zukunft und für alle Menschen“, erklärt Markus Büker den Teilnehmenden. So richtig Fahrt aufgenommen hat die Diskussion um die Sozial- und Umweltenzyklika von Papst Franziskus jedoch erst in den letzten zwei Jahren. Wo also stehen wir heute, vier Jahre nach ihrem Erscheinen und kurz vor der Amazoniensynode, die von Papst Franziskus als „Tochter von Laudato si´ bezeichnet“ wurde. Vom 13. bis 14. September diskutierten die Gäste gemeinsam mit Expertinnen und Experten von MISEREOR über genau diese Fragen. Eine Quintessenz der Vorträge, Workshops und Diskussionen zur Enzyklika des Papstes und der bevorstehenden Synode im Überblick:

Was ist die Vision in Laudato Si‘?

Markus Büker, MISEREOR-Referent für theologische Grundfragen © Jana Echterhoff I MISEREOR

„Laudato Si‘ ist besonders, weil sie eine Sozial- und Umweltenzyklika ist. Sie fordert ein gutes Leben für alle, dasnur in einer intakten Natur möglich ist. Sie denkt Zukunft insbesondere von den Menschen am Rande der Gesellschaft her und kritisiert die Megatrends der heutigen Zeit – Glück durch blindes Technikvertrauen, ständiges Wirtschaftswachstum und ressourcenintensiven Konsum“, so Markus Büker. Die Konsequenz wird den Anwesenden schnell deutlich: Wenn wir auch in Zukunft in Würde und Frieden leben möchten, bedarf es eines grundsätzlichen Umdenkens möglichst vieler Menschen. Denn die Enzyklika bringt es auf den Punkt: Wir alle tragen Verantwortung, wir sind Teil einer „Wegwerfkultur“, die Klimawandel und soziale Ungleichheit befeuert. Ein sozial-ökologischer Wandel muss demzufolge als gesellschaftlicher Querschnitt geschehen. Büker: „Laudato Si‘ vereint Wissenschaft und Religionen: Unseren Planeten und seine Schöpfung zu schützen kann nur gelingen, wenn alle Menschen weltweit anfangen, sich als Teil und nicht als Krone der Schöpfung zu sehen.“ Eine Neuheit in der kirchlichen Lehre. Das aktuellste Beispiel war den Teilnehmenden noch allzu präsent: Der Amazonas-Regenwald brennt nach wie vor, und obwohl dies in Südamerika geschieht, geht es auch uns etwas an. Weniger Fleisch auf unseren Tellern könnte dem Regenwald ebenso helfen wie ein Umdenken des brasilianischen Staats hin zur Erkenntnis, dass der Amazonas zwar zu 60 Prozent in Brasilien liegt, aber doch für die ganze Welt von Bedeutung ist. Die Zukunft kann also nur gelingen, wenn Menschen weltweit kooperieren, Netzwerke bilden und beginnen, sich als eine Welt zu verstehen.

Welche Wege geht die Kirche,
um diese Vision umzusetzen?

Mit Franziskus hat die katholische Kirche einen Papst, der zu den Menschen am Rande der Gesellschaft geht. Er schaut sich die Orte an, die schon vom Klimawandel zerstört sind. Die Botschaft dahinter? „Es geht in Laudato Si‘ auch darum, das Wissen an der Basis zu gewinnen. Die Armen sind die Akteurinnen und Akteure des Wandels, die Veränderung geschieht eingebettet in ihrer Kultur und mit ihrem Wissen“, so der MISEREOR-Referent für theologische Grundfragen. Eine ganz neue Definition von Entwicklung entsteht – die wir eigentlich nicht mehr bloß als Entwicklung, sondern als alternative Lebensformen oder als Alternative zur Entwicklung bezeichnen können.

Alberto Acosta im Gespräch mit Julia Steinfelder © Agnes Sieben I MISEREOR

Während der Podiumsdiskussion im Rahmen der Jahrestagung  konnten Alberto Acosta, ecuadorianischer Wirtschaftswissenschaftler und Politiker, und MISEREOR-Hauptgeschäftsführer Pirmin Spiegel unter anderem über diesen Aspekt diskutieren. In Ecuador, Acostas Heimatland, ist mit „Buen Vivir“ eine solche integrale Ökologie bereits in der Verfassung verankert. „Buen Vivir strebt nach dem Leben in Harmonie, wo der Mensch mit sich selbst im Einklang ist, aber als Teil der Gemeinschaft und als Teil der Natur agiert“, so Acosta vor dem Jahrestagungs-Publikum. Pirmin Spiegel ergänzt: „Die Antworten, die ich in Deutschland gelernt habe, passen nicht zu den Fragen, die mir die Menschen in Brasilien gestellt haben.“ In diesem Licht kann auch die Amazonien-Synode gesehen werden: Sie ist ein Versuch der Kirche, die Enzyklika konkret werden zu lassen und verschiedene Perspektiven zu Gehör zu geben. Im Fokus steht dabei zwar das Amazonas-Gebiet, aber es kann als Signal an indigene Gemeinschaften weltweit gesehen werden, dass ihre Stimme erhört wird.

Wo kommt Kritik gegenüber Laudato Si‘ auf,
in Theorie und Praxis?  

Bei allen positiven Impulsen, die Laudato Si‘ setzen konnte, weist das Werk ebenso Schwachstellen auf. „Die Enzyklika denkt zu sehr im Kollektiv, die Rolle des Einzelnen fällt dabei etwas hinten ab. Außerdem, ein sehr wichtiger Kritikpunkt, ist die Rolle der Frau nicht präsent, obwohl sie gerade wenn es um Schöpfungsbewahrung und soziale Ungleichheit geht, eine zentrale Rolle einnimmt“, meint Büker. Die Diskussionen auf der Jahrestagung zeigten zudem, dass sich insbesondere die Umsetzung der Enzyklika in der Praxis als schwierig herausstellte. So war es für die Tagungs-Teilnehmenden symptomatisch, dass die Enzyklika in deutschen Gemeinden erst zwei Jahre nach ihrem Erscheinen präsent wurde: „Warum ist die Kirche so langsam, wenn es um Veränderungen geht?“, kritisierte das Publikum.

Blick ins Publikum bei der MISEREOR-Jahrestagung © Agnes Sieben I MISEREOR

Wo stehen wir als MISEREOR
und was kann jeder Einzelne von uns bewirken?

„Viele vom Papst angeregten Elemente leben wir bei MISEREOR schon in der Praxis, in einigen Punkten sind wir sogar weiter, würde ich sagen: Wir arbeiten mit unseren Partnerinnen und Partnern immer mehr auf Augenhöhe, wollen den sozial-ökologischen Wandel stärken, Dialogräume schaffen. Gleichberechtigung ist bereits jetzt untrennbar mit unserer Arbeit verbunden“, so Markus Büker. Einen Einblick in diese Tätigkeit bekamen die Gäste aus ganz Deutschland während der Workshops am zweiten Tag: Wie setzen sich die Bischofskonferenzen in Asien gegen den Klimawandel ein? Wie arbeitet MISEREOR, um die EU zu mehr Unternehmensverantwortung aufzurufen? Was können paraguayische Kleinbauern gegen Großkonzerne wie BaySanto ausrichten? Ein Blick nach Deutschland und in die Welt zeigte, dass ein sozial-ökologischer Wandel im Kleinen anfängt – beim eigenen Konsumverhalten, in der örtlichen Kirche. „Bei uns in der Gemeinde hat sich in den vergangenen Jahren viel getan. Mittlerweile gibt es zwei Schöpfungsgärten, ein Repair-Café und einen Kindergarten mit Fokus auf einen Zugang zur Natur“, berichtet ein Gast aus Traunstein. Den Menschen wird bewusster, wie es um unsere Gesellschaft und unsere Erde steht. Die Enzyklika Laudato Si‘ kann in diesen Zeiten Orientierung bieten. Gutes Leben für alle, und das auch in Zukunft, so war am Ende der zweitägigen Tagung klar, ist nur realisierbar, wenn jeder und jede von uns anfängt zu handeln.


Mehr zur Amazonas-Synode

Im Oktober findet in Rom die Amazoniensynode statt.
Mehr Informationen dazu finden Sie in unserer digitalen Pressemappe >

Autor:

Jana Echterhoff volontiert in der Abteilung Kommunikation bei MISEREOR.

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