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Bäuerliche Saatgutsysteme gesetzlich anerkennen und stärken!

Mit diesem zentralen Aufruf in ihrer „Deklaration von Dapaong“ wenden sich westafrikanische Bäuerinnen und Bauern sowie Vertreterinnen und Vertreter von Nichtregierungsorganisationen an ihre nationalen Regierungen. Aktuell finden in den Parlamenten Debatten zur Anpassung der nationale Saatgutgesetze an Standards der westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft statt. Diese Standards drohen bäuerliches Saatgut zu marginalisieren. Bei mehr als 80% des auf den Feldern ausgebrachten Saatguts handelt es sich um bäuerliche Landsorten, die bestens an Böden und Klima angepasst sind. 

Die Deklaration von Dapaong ist das Ergebnis eines von MISEREOR initiierten Seminars „Saatgut – Interessenlagen und konzeptionelle Ansätze“, das vom 07.10. bis zum 11.10.2019 in Dapaong im Norden Togos stattgefunden hat mit rund 40 Teilnehmende aus fünf Ländern (Benin, Burkina Faso, Mali, Niger und Togo). Bei den Teilnehmenden handelt es sich zur Hälfte um Agronomen aus MISEREOR Partnerorganisationen, zur anderen Hälfte um Bäuerinnen und Bauern. Diskutiert wurden eine Bandbreite von Themen über das gestiegene Interesse an Afrika und seinen Marktpotenzialen, internationale Trends im Saatgutsektor, laufende Gesetzesinitiativen in Mitgliedsländern der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft. Im Mittelpunkt der Diskussionen standen: Erfahrungen mit sog. verbesserten aus der Forschung stammenden Saatgut-sorten im Vergleich zum bäuerlichen Saatgut, das durch betriebseigene Verfahren stetig verbessert wird. Besonders vertieft wurde, welche wichtige Rolle bäuerliche Populationssorten im Kontext erhöhter Klimavariabilität insbesondere in Ländern des Sahel spielen. Weiterhin haben sich die Projektverantwortlichen und Bauern über die Hemmnisse und Probleme bestehender Saatgutsysteme in afrikanischen Ländern und die praktische Sortenzüchtung auseinandergesetzt.

Die vielfältigen Vorträge und Diskussionen machten deutlich:

Statt bäuerliche Saatgutsysteme zu stärken, setzen die Regierungen auf Konzepte der „grünen Revolution“ und Hochertragssorten. Insbesondere für die Sahelländer scheint eine solche Ausrichtung der Agrarpolitik und des Saatgutsektors mehr als zweifelhaft.

Die existierenden nationalen Saatgutsysteme erzeugen sogenanntes verbessertes Saatgut, das nur bedingt an die spezifischen agrar-ökologischen Kontexte und an die Möglichkeiten der Bäuerinnen und Bauern angepasst ist. Die Böden ihrer Felder weisen zum Teil große Unterschiede in der Bodenfruchtbarkeit auf (Mikrovariabilität der Böden). Das von Bauern und Bäuerinnen kontinuierlich selektierte bäuerliche Saatgut setzt vor diesem Hintergrund vor allem auf Ertragssicherheit.

Die Forschung setzt bei sogenanntem verbesserten Saatgut zu stark auf die Steigerung von Erträgen, die jedoch nur mit hohen Düngergaben erreichbar sind. Diese Dünger sind häufig nicht verfügbar, und wenn ja, sind Bauern oft gezwungen dafür Kredite zu hohen Zinssätzen aufzunehmen. Diese Betriebsweise ist ökonomisch häufig unwirtschaftlich. Hinzu kommt, dass Bäuerinnen und Bauern jedoch selten unter optimalen Produktionsbedingungen produzieren können, sondern mit starken Niederschlagsschwankungen, schlechter saisonaler Regenverteilung und längeren Trockenphasen konfrontiert sind.

Die Neuordnung des Saatgutsektors in den Ländern der westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft folgt den Standards von UPOV 91 und setzt dabei auf an westlichen Ländern orientierten Verfahren bei der Zulassung von Saatgut für die nationalen Saatgutmärkte. Nur Saatgut, welches den sogenannten DUS Kriterien entspricht, kann demnach zugelassen werden. Entsprechend muss Saatgut unterscheidbar (distinct), in Hinblick auf seine Merkmale homogen (uniform) und der Ertrag stabil (stable) sein. In seiner Ausrichtung setzt ein solches Saatgut folglich auf vollständig entgegengesetzte Merkmale im Vergleich zu bäuerlichen Saatgutsorten, sogenanntes Populationssaatgut. Letzteres sucht bewusst die genetische Vielfalt nicht zu verengen, um die Produktionsrisiken unter variablen Bedingungen zu minimieren. Die Zulassung von bäuerlichem Saatgut wird mit den neuen Saatgutgesetzen somit verunmöglicht. Bäuerliches Saatgut findet also keinen Eingang in die nationalen Saatgutkataloge und darf deshalb nicht in den Verkehr gebracht werden. Bäuerliche Saatgutsysteme werden so nicht nur marginalisiert, ihr Recht Saatgut zu produzieren, zu lagern, zu tauschen und zu verkaufen, wie es im Art. 9 des Internationalen Abkommens zum Schutz pflanzengenetischer Ressourcen in Ernährung und Landwirtschaft beschlossen wurde, wird untergraben, im schlimmsten Fall kriminalisiert. Und dies obgleich bäuerliches Saatgut zukünftig noch wichtiger wird im Zuge wachsender Klimavariabilität als Folge des Klimawandels.

Viele Bäuerinnen und Bauern in den westafrikanischen Ländern sehen hierin einen falschen Weg (siehe Deklaration von Dapong unten). Ihres Erachtens nach bleiben die spezifischen Bedingungen der Sahelländer unberücksichtigt und die Bedürfnisse der Bäuerinnen und Bauern bei den Gesetzesreformen auf der Strecke. Insbesondere in den Ländern Westafrikas, wo sich bislang neben den staatlichen Strukturen kaum heimische Unternehmen als Züchter etablieren konnten, werden vornehmlich die Rechte von multinationalen Saatgutunternehmen gestärkt auf Kosten der Landwirte.

Deklaration von Dapaong vom 11.10.2019 und die Forderungen und Empfehlungen der Teilnehmenden des MISEREOR Seminars in Togo

Wir, Landwirte, Vertreter von Bauernorganisationen und NROs aus Burkina, Mali, Niger, Benin und Togo, trafen uns in Dapaong zum Seminar „Saatgut – Interessenlagen und konzeptionelle Ansätze“. Das Hauptziel dieses Seminars war es, die Herausforderungen und Interessenlagen im Saatgutsektor im Rahmen des spezifischen sozioökonomischen und politisch-institutionellen Kontextes besser zu verstehen, und vor dem Hintergrund der praktischen Erfahrungen Empfehlungen für die Umsetzung oder Stärkung von Initiativen und Ansätzen im Saatgutsektor zu erarbeiten.

Ergebnisse:

  • Das Saatgut der Landwirte stammt aus pflanzlicher, tierischer oder nicht kultivierter Biodiversität. Dazu gehören traditionelles und lokales Saatgut. Sie sind unsere Ressourcen für Landwirtschaft und Ernährung. Sie sind unser kostbares und lebendiges Erbe, das für alle unsere zukünftigen Generationen erhalten werden muss;
  • Heute basiert das zugelassene konventionelle Saatgut hauptsächlich auf den Kriterien der Saatgutindustrie, die einseitig definieren, was ein gutes Saatgut sei;
  • So wird unser bäuerliches Saatgut als „traditionelles Saatgut“ in die Informalität verwiesen, was die moderne Forschung und Industrie nicht daran hindert sich beim Bäuerlichen Saatgut zu bedienen um Saatgutzüchtungen daraus zu entwickeln;
  • Dieses konventionelle System zwingt uns, die Bauern, in einen Teufelskreis von Schulden, der in den meisten Fällen darin endet unser Land zu verlieren, uns von Saatguthändlern abhängig zu machen und unsere Sortenvielfalt zu opfern;
  • Begünstigt durch subregionale und nationale Gesetze über den Saatguthandel, das geistige Eigentum an lebenden Organismen und die Forschung zugunsten von Großunternehmen droht das Saatgut von Bauern ohne organisierten bäuerlichen Widerstand zu verschwinden.

Wir bestätigen erneut:

Unser bäuerliches Saatgut ist das von gestern, heute und morgen, unser Erbe, und es ist die Grundlage für unsere Ernährungssouveränität. Diese bäuerlichen Saatgutsorten stellen die Lösung für die Widerstandsfähigkeit unserer Bevölkerung und ihre nachhaltige Entwicklung dar:

  • Unser Saatgut ist frei reproduzierbar und dank unserer bäuerlichen Praxis und unser Wissen können wir sie selektieren und anpassen und sie jedes Jahr erneut auf unseren Feldern zur Aussaat bringen;
  • Dank ihrer enormen Vielfalt entwickeln sie sich weiter und passen sich unseren Bedürfnissen, unseren Feldern und Anbauweisen an;
  • Unsere bäuerlichen Saatgutsysteme können ihre Vielfalt nach gemeinsamen, für unsere Organisationen angepassten Regeln verwalten. Das macht selbst die kleinsten Produzenten unabhängig;
  • Heute, in Anbetracht der negativen Auswirkungen des Klimawandels, sind die bäuerlichen Saatgutsorten für die Erhaltung unsere vielseitigen, gesunden und nahrhaften Ernährungssysteme noch wichtiger geworden.

Handlungsempfehlungen:

Zu diesem Zweck empfehlen wir, die Teilnehmer des Seminars „Saatgut – Interessenlagen und konzeptionelle Ansätze“

In Richtung unserer nationalen Regierungen fordern wir:

  1. Die Anerkennung von bäuerlichem Saatgut in den verschiedenen Saatgut- und Landwirtschaftsgesetzen unserer Länder und auf Ebene der westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft (CEDEAO / ECOWAS);  
  2. Die Anerkennung der bäuerlichen Saatgutsysteme in den Saatgutgesetzen und der Agrarpolitik,
  3. Finanzierungsmaßnahmen zur Konsolidierung und dem Erhalt der bäuerlichen Saatgutsorten;
  4. Sicherstellung der Umsetzung von Artikel 9 des Internationalen Vertrags über pflanzengenetische Ressourcen für Ernährung und Landwirtschaft, der die freie Produktion, den freien Tausch und den Verkauf von bäuerlichem Saatgut gewährleistet.
  5. Umsetzung einer Agrarpolitik, die auf die Hemmnisse und Probleme bäuerlicher Betriebe eingeht und deren wirtschaftliche und soziale Entwicklung fördert:
  6. Gesetze zu erlassen, die GVOs innerhalb unserer nationalen Territorien verbieten.

NGOs, Entwicklungsverbänden, zivilgesellschaftlichen Organisationen, finanziellen und technischen Partner empfehlen wir:

  1. Die Stärkung der Interessenvertretung und Lobbyarbeit bei den Entscheidungsträgern mit dem Ziel der Anerkennung der bäuerlicher Rechte an Saatgut und den Schutz bäuerlichen Saatguts;
  2. Die Förderung von Maßnahmen zur Bewusstseinsbildung und die Organisation von Landwirtinnen und Landwirten, um sie bei der Verteidigung ihres Saatgutbestandes zu unterstützen;
  3. Die Formalisierung der nationalen bäuerlichen Ausschüsse für Saatgut (COASP) in den Mitgliedsländern der westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft;
  4. Die Verbreitung der verschiedenen Rechts- und Verwaltungstexte zu Saatgut in den lokalen Sprachen;
  5. Den breiten Austausch über Ansätze im Saatgutbereich;
  6. Die Förderung der Etablierung eines Katalogs von bäuerlichem Saatgut und einer Methodik zum Schutz dieser Saatgutsorten vor Biopiraterie;
  7. Einfluss zu nehmen auf die politischen Entscheidungsträger und Verwaltungsbehörden auf Politik und Gesetze zugunsten von bäuerlichem Saatgut;
  8. Die Förderung der lokalen Wirtschaft durch die Organisation von Märkten für agro-ökologische Produkte basierend auf bäuerlichem Saatgut.
  9. Die Stärkung von Bauernorganisationen bei der Förderung der lokalen Wirtschaft durch Märkte für agro-ökologische Produkte basierend auf bäuerlichem Saatgut.

Die Landwirte in unseren afrikanischen Ländern fordern wir auf

  1. Organisieren und engagieren Sie sich für die Verteidigung ihres bäuerlichen Saatguterbes;
  2. Verbessern Sie bäuerliche Saatgutsorten und ihre Produktion zur Stärkung der Souveränität bei Saatgut und Lebensmitteln;
  3. Verbessern Sie traditionelle Techniken und nutzen Sie effektive ökologische Produkte bei der Lagerung bäuerlichen Saatguts;
  4. Schützen Sie Ihre Umwelt (Land, Wasser, Fauna und Flora….) durch agroökologische Praktiken;
  5. Teilen und tauschen Sie ihr bäuerliches Wissen aus, um die landwirtschaftliche Biodiversität zu fördern;
  6. Fördern Sie den Konsum lokaler Produkte für eine gute Gesundheit und für die Ankurbelung unserer ländlichen Ökonomien;
  7. Verteidigen Sie Ihre Rechte auf Bewahrung, Nutzung, Tausch oder Verkauf von bäuerlichem Saatgut;
  8. Verbünden Sie sich mit Bewegungen gegen die Aneignung von Land, Wasser und natürlichen Ressourcen.

Über die Autorin: Sabine Dorlöchter-Sulser ist Referentin für Ländliche Entwicklung in der Afrika-Abteilung bei MISEREOR.

Autor:

Gast-Autoren im MISEREOR-Blog.

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