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Viel Mut zu Neuerungen

Er ist Teilnehmer an der derzeit laufenden Amazoniensynode in Rom. Und ein Mann, der um ein klares Wort nicht verlegen ist: Im Interview äußert sich Kardinal Jean-Claude Hollerich, Erzbischof von Luxemburg und Präsident der Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Union zum Stand der Dinge.

Herr Kardinal, Sie fungieren als eine Art Botschafter oder Verbindungsmann der europäischen Kirchen zur Politik, insbesondere zur EU-Kommission. Beschäftigt die Mächtigen in Brüssel, was da gerade auf der Amazoniensynode in Rom stattfindet? Ist das da auch Gesprächsthema, beobachten diese Leute neugierig, was hier passiert, oder muss man ihnen das quasi zutragen, damit sie sich damit beschäftigen?

Hollerich: Beides, es sind einige dabei, die sich wirklich dafür interessieren. Unsere Umweltministerin aus Luxemburg hat mir extra ihre private Handynummer gegeben, damit ich sie anrufen könnte, wenn ich sie mit ihrer Fachkompetenz bräuchte. Andere Politiker muss man darauf ansprechen. Ich glaube, dass man in Brüssel aktuell sehr mit anderem beschäftigt war und ist, zuerst mit der Aufstellung der Kommission und dann mit dem Brexit.

Glauben Sie, dass unabhängig von den Waldbränden nicht nur im Amazonas-Gebiet, von denen ja viele Bürger über die Medien etwas mitbekommen haben, genügend Informationen in Politik und Wirtschaft über die Situation der indigenen Völker vorhanden ist?

Hollerich: Nein, da gibt es nicht genug Informationen, und es ist als Kirche unsere Aufgabe, Fürsprecher für die betroffenen Menschen zu sein. Die Indigenen können sich gleichzeitig durchaus selber vertreten, wie wir auf der Synode gesehen haben. Das Thema ist in Europa sicher nicht genug im Bewusstsein verankert. Man denkt doch sehr eurozentristisch und sieht dann das Amazonasgebiet als notwendige Lunge für Europa.

Und das ist ja schön gesagt, das ist besser als nichts, aber dann muss man auch sagen, dass in dem betroffenen Gebiet auch Leute leben. Und diese Leute haben Menschenrechte, die zu oft verachtet werden, gelinde gesagt. Es gibt dort sehr viel Gewalt. Die Kirche muss sich zum Anwalt derjenigen machen, die verfolgt und arm sind. Das werden wir auf europäischer Ebene tun.

Wie ist Ihrer Einschätzung nach in Europa der Informationsstand darüber, dass vieles, was es in Lateinamerika an Missständen gibt, auch mit uns und unserer Art zu leben, zu tun hat?

Hollerich: Da müssen wir in jedem Fall den Finger darauflegen: Der Fluss des Geldes steht bei uns absolut im Mittelpunkt, und als Erzbischof von Luxemburg weiß ich, dass mein Land ein Bankenplatz ist, wo große Unternehmen Geld verdienen, an dem Blut klebt.

Und das müssen wir auch so ausdrücken. Wir müssen in dieser Frage für eine ethische Kontrolle eintreten. Die Probleme sind Folgen der Globalisierung, und die darf einem wilden Kapitalismus nicht die Wege öffnen. Nationale Regierungen fühlen sich diesem wilden Kapitalismus oft schwach gegenüber. Daher müssen sich Staaten zusammenschließen, um solche Auswüchse zu bekämpfen, die EU hat diesbezüglich schon mehr Möglichkeiten als ein einziges Mitgliedsland. An sich müsste man auf Ebene der UNO neue Instrumente schaffen für eine ethische Regulierung der Finanzen. Es ist offensichtlich geworden, dass man solche Instrumente heute braucht.  Sonst wird auch die Demokratie selber gefährdet,

Wie schätzen Sie die Stimmung auf dieser Synode ein? Wohin geht im Augenblick der Trend, was am Ende herauskommt?

Hollerich: Ich sehe die Stimmung als sehr gut an. Ich glaube, von einer Minderheit abgesehen, dass der Mut zu Neuerungen da ist. Sicher wird es auch zu ein paar Kompromissformeln kommen, weil das die Art und Weise ist, wie die Kirche arbeitet, aber ich glaube, die Amazonasregion und die dortigen kirchlichen Strukturen werden einen guten Schritt weiterkommen. Da bin ich sehr optimistisch.

Es gibt unter den Gläubigen auch Menschen, die den angedachten Neuerungen gegenüber sehr skeptisch eingestellt sind und die die alten Traditionen der Kirche bewahren wollen. Es wäre sicher wünschenswert, dass man diese Leute nicht als wütende Minderheit zurücklässt, sondern dass man sie auch irgendwie auf dem neuen Weg mitnimmt. Wie kann man das schaffen?

Hollerich: Ich teile diese Sorge, deshalb muss man sicher Kompromisse machen, damit die Leute nicht denken, dass sie einfach weggefegt worden sind. Und man muss die Dinge auch erklären, weil bestimmte Meinungen auf verkürzten Theologien beruhen. Vor allem soll man sich nie jagen lassen in eine Konfrontation der Meinungen. Sondern man soll immer einen ruhigen Kopf und ein ruhiges Herz behalten und die Sache entdramatisieren und in aller Ruhe miteinander sprechen.

Das klingt so, als hätten sie die Zuversicht, dass man die wichtigen Traditionen und Riten der Kirche bewahren und trotzdem moderner und zeitgemäßer werden könnte.

Hollerich: Das hat die Kirche immer gemacht, weil das, was viele jetzt als ur-katholisch empfinden und von dem manche meinen, dass man daran nicht rütteln kann, im jeweiligen historischen Kontext bewertet werden muss. Wir müssen für uns und unsere Zukunft etwas ändern – wenn wir wollen, dass die Kirche noch eine Rolle in der Zukunft hat.

Dazu gehören dann auch Viri Probati?

Hollerich: Die Viri Probati sind an sich eine Sache der Kirchendisziplin, da geht es überhaupt nicht um Lehrmeinungen, auch wenn einige das behaupten. Es gibt ja verheiratete Priester in den griechisch-katholischen Gemeinden, es gibt sie auch als Ausnahmen in der römisch-katholischen Kirche. Und jetzt geht es darum, wie man, um eine Pastoral vor Ort zu haben und den Zugang zur Eucharistie im Amazonasgebiet zu ermöglichen, am besten vorgeht. Da kann man sicher einen Kompromiss finden, ich denke an einen Vorschlag in der Synode, wo man sagt, der Papst kann ja Dispensen, also Ausnahmegenehmigungen, gewähren. Dann hat man sogar das Kirchenrecht gar nicht angetastet.

Wären auch regional begrenzte Lösungen denkbar, dass man sagt, die pastorale Situation ist so kompliziert, dass man in Lateinamerika andere Regelungen finden muss als in Afrika z. B.?

Hollerich: Wenn man die Entscheidungskompetenz darüber den Bischofskonferenzen überträgt, wäre das machbar. Und es geht dabei nicht darum, das zölibatäre Priestertum abzuschaffen.

Weil es doch eine ganz gute Idee ist, die ihre Vorteile hat?

Hollerich: Ja, der Zölibat hat auch sehr große Vorteile, ich merke das ja bei mir selber. Gut, ich bin auch Ordensmann, da ist es noch etwas anders. Man ist verfügbar, weit mehr als wenn jemand verheiratet ist. Aber ich habe auf der anderen Seite verheiratete Diakone in meiner Diözese, die sind ein Segen. Die sind eine wunderbare Ergänzung, gerade weil sie Familie haben. Sie können ganz anders predigen, viel näher am Leben, als wir Priester das tun. Vielleicht ist in der ganzen Diskussion auch manchmal eine Angst vor der Sexualität dabei. Oder es ist noch irgendwo in den Hinterköpfen, dass Sexualität doch böse sei. Das stimmt ja nicht. Wenn wir Priester auf sexuelle Handlungen verzichten, dann ja nicht, weil Sexualität schlecht sei. Man verzichtet auf ein ganz hohes Gut wegen eines noch höheren Gutes. Und das heißt, wenn man in der Kirche eine positive Sicht auf Sexualität entwickeln kann, dann muss das ja gar nicht zum Priestertum im Gegensatz stehen.

Sie sagen, die europäische Kirche sei in einem sehr armseligen Zustand.

Hollerich: Ja, das stimmt auch. Wir würden keine Synode fertigbringen.

Tatsächlich? Warum?

Hollerich: Weil die Bischöfe viel mehr verängstigt sind. Es würde viel mehr Konfrontation geben. Wir haben noch nie miteinander über die wirklichen Probleme gesprochen. Man schaut dann lieber weg. Aber die Kirche in Europa wird auch an einen Punkt kommen, wo die Frage der Zukunft gestellt wird, wenn sie überlegen muss, wie wir überhaupt noch eine Zukunft haben können. Es ist ja eine missionarische Frage. Wie können wir das Evangelium verkünden in der Welt von heute, dass die Leute in diesem Europa von heute noch die Botschaft hören können? Und dazu, glaube ich, müssen wir uns stark verändern.

Das heißt, auch die Sprache der Kirche oder auch das, was insgesamt inhaltlich vermittelt wird, kommt bei den Leuten nicht mehr an?

Hollerich: Es gibt ja diesen Witz, dass die Kirche sehr komplizierte Antworten auf Fragen gibt, die niemand gestellt hat. Ich habe in einer Predigt bei der Weihe von meinem Weihbischof die Geschichte von dem guten Hirten erwähnt, der dem einen Schaf nachgeht. In Europa ist nur noch ein Schaf da, die anderen neunundneunzig sind weg. Und was muss dann der gute Hirte tun? Ich glaube, der gute Hirte muss schauen gehen, wo die Schafe sind, was die Schafe anzieht, welches Gras schmackhaft ist, wo die Schafe Nahrung finden, wo sie Hoffnung finden, wo sie Sinn finden. Und da müssen wir sein.

Glauben Sie, dass die gegenwärtige europäische Kirche die Kraft dazu hat, die Schafe wieder zu finden?

Hollerich: Ich glaube an den Heiligen Geist, und der wirkt auch in der Kirche von Europa.

Wenn also die europäischen Kirchen sich nicht so recht vereinen können, wird es dann wenigstens möglich sein, dass sich im deutschsprachigen Raum die Bischöfe treffen und die Amazonien-Themen fortführen?

Hollerich: Die treffen sich, es gibt ja den synodalen Weg in der deutschen Kirche. Es ist schon sehr wichtig, dass wir neue Wege finden, wie man die anderen Kirchen mitnehmen kann. Denken Sie an die Kirchen in Polen und Deutschland, die könnten verschiedener nicht sein. Und trotzdem ist es die eine Kirche. Und da muss man doch Wege finden, wie man, in Anerkennung der Differenzen, miteinander spricht und einen gemeinsamen Weg gehen kann.

Ich probiere das Ganze in Luxemburg bereits lokal. Wir haben eine Gruppe der Euregio, die sich regelmäßig grenzüberschreitend trifft, das sind dann aus vier verschiedenen Ländern drei verschiedene Bischofskonferenzen. Und wir sprechen über die Probleme der Region, die uns gemeinsam betreffen. Wir müssen Dialoge, Wege und Prozesse finden, der Papst spricht ja sehr viel von Prozessen und Dynamiken, die über die Nationalkirche hinausgehen sollen.

In Brasilien ist im Januar 2019 ein Damm gebrochen, der 272 Menschen mit in den Tod gerissen hat. Vor vier Jahren, das jährt sich jetzt im November, ist in Mariana auch ein Damm gebrochen. Amazonien ist voll mit Bergbau-Projekten, und das EU-Mercosur-Abkommen hängt ja auch damit zusammen. Gibt es dazu eine Meinung Ihrerseits?

Hollerich: Ich bin mir noch nicht ganz sicher, ich müsste mehr lesen und nachdenken, weil ein Teil der Ablehnung des Mercosur-Abkommen, besonders von Frankreich, auf nationalem Interesse beruht. Da nimmt man dann sozusagen den Amazonas als Vorwand, es geht aber um die französischen Bauern. Und das finde ich nicht fair. Man darf nicht Politik auf Kosten der anderen machen. Politik muss so ehrlich sein, dass sie sagen kann, was gemeint ist. Vielleicht brauchen wir einfach etwas mehr Politiker, die den Mut zu einer eigenen Meinung haben. Und diese dann auch stark ausdrücken, um für den Wähler überzeugend zu sein. Wenn wir nicht mehr in diese Richtung denken, gefährdet das unsere Demokratie.

Haben Sie die Hoffnung, dass die Ergebnisse der Amazonassynode auch ausstrahlen auf die Christen in Afrika und Asien, dass sie ähnliche Dinge auch anstoßen?

Hollerich: Wir haben ja zwei Bischöfe aus dem Kongobecken hier mit in Rom dabei, die sehr interessiert sind. Ich habe mit Kardinal Ribat aus Papua-Neuguinea in Ozeanien gesprochen, der auch an einem solchen Prozess großes Interesse hat. Ich glaube, wir brauchen das.

Autor:

Ralph Allgaier

Ralph Allgaier arbeitet als Pressesprecher bei MISEREOR.

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