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Kamerun: Die Krise hält an

Douala – Seit Jahrzehnten zählt Laura Anyola Tufon, 57, zu den einflussreichsten Vertreterinnen der Zivilgesellschaft in Kamerun. Für ihren Kampf gegen Menschenrechtsverletzungen wurde sie unter anderem von US-Außenministerium ausgezeichnet. Die Koordinatorin der „Gerechtigkeit und Frieden“-Kommission des Erzbistums Bamenda bemängelt im Interview das Schweigen der internationalen Gemeinschaft zur Krise in den anglophonen Gegenden ihres Landes – und schreckt auch vor Kritik an der katholischen Kirche nicht zurück.

Laura Anyola Tufon, Menschenrechtskämpferin

Frau Tufon, vielen Dank, dass Sie für das Gespräch von der Krisenregion im Nordwesten Kameruns nach Douala gereist sind. Wie war die Fahrt?

Schwierig. Es gibt viele Straßensperren von Regierung und Rebellen, für die Distanz von rund 300 Kilometern braucht man im Moment acht Stunden. Die Straßen sind in sehr schlechtem Zustand. Und ich kann erst übermorgen in meinen Wohnort Bamenda zurückreisen. Morgen ist Montag, und an Montagen verbieten die Separatisten dort jegliche Geschäftstätigkeit. Die Initiative wurde im Januar 2017 noch vor der Eskalation der Krise von Bürgerrechtsaktivisten gestartet, um Aufmerksamkeit für das Leiden der Leute in den beiden betroffenen Regionen „Nordwesten“ und „Südwesten“ zu generieren. Kein Geschäft, keine Bank, kein Markt darf geöffnet werden, niemand darf Fahrzeuge benutzen. Sie nennen das „Geisterstadt-Tage“. Wer sich widersetzt, muss mit Schüssen rechnen. Also reise ich erst am Dienstag zurück.

Können Sie die Ursprünge des Konflikts in wenigen Sätzen erklären?

Während des Ersten Weltkriegs verlor Deutschland seine Kolonie Kamerun. Die Mehrheit der Kolonie ging an Frankreich, ein Teil auch an Großbritannien. Nach der Unabhängigkeit bekamen die englischsprachigen Provinzen zunächst erhebliche Befugnisse der Selbstbestimmung. Im Jahr 1984 zentralisierte Präsident Paul Biya, der bis heute regiert, das Land dann zunehmend. Seitdem wird die Gegend mit Ausnahme einer kleinen Elite systematisch von der Regierung benachteiligt.

Warum ist der Konflikt eskaliert?

Schon seit den 1990er Jahren wird die Frankophonisierung der anglophonen Gegenden sehr deutlich. Die Regierung hat fast alle Schlüsselpositionen in den englischsprachigen Provinzen mit frankophonen Leuten besetzt, vor allem in den Sicherheitsinstitutionen, Krankenhäusern und Verwaltungen. Das betrifft auch die Richter und die Beamten in den regionalen Bildungsministerien. Im Jahr 2016 bestand dann einer der höchsten Richter darauf, die Prozesse ausschließlich auf Französisch zu führen. Damit untergrub er das Prinzip, dass in der Verfassung Englisch als gleichberechtigte Amtssprache verankert ist. Die englischsprachigen Anwälte begannen einen friedlichen Protest, um eine Rückkehr zum föderalen System zu erreichen. Zuerst schlossen sich die Lehrer an, dann große Teile der Bevölkerung. Die Regierung versucht seit dem Jahr 2017, die Proteste niederzuschlagen – Zugeständnisse gab es keine. Das führte dann zur Forderung nach der Unabhängigkeit.

Wie groß ist das Ausmaß der Gewalt?

Zwischen Dezember 2016 und Mai 2019 sind alleine in der Nordwest-Provinz 2118 Menschen getötet worden, die Regierung spricht zudem von 300 getöteten Soldaten. Es vergeht kein Tag, an dem nicht mindestens drei Menschen sterben. Die Armee hat Häuser niedergebrannt, in denen alte und behinderte Menschen waren. Ganze Dörfer wurden zerstört. Offiziell handelte es sich dabei um Suchkommandos nach Separatisten, doch diese Einsätze sind völlig außer Kontrolle geraten. Das Militär hat zum Beispiel mehrere Männer enthauptet, die verdächtigt wurden, zwei Soldaten getötet zu haben. Eine Million Menschen sind vertrieben worden, die UN bezeichnen die Lage in Kamerun als eine der am schnellsten wachsenden Flüchtlingskrisen Afrikas. Lebensmittellieferungen werden angegriffen, zwei Millionen Kinder waren seit drei Jahren nicht mehr in der Schule – das alles ist eine Katastrophe. Wir stehen am Rande eines Bürgerkriegs.

Haben die Separatisten die Unterstützung der Bevölkerung?

Vor der Gewalt war die Mehrheit für den Verbleib in Kamerun unter der Voraussetzung, dass endlich die Infrastruktur ausgebaut wird. Jetzt sieht die Lage anders aus, die meisten sind für eine Abspaltung. Allerdings gehen die Separatisten auch mit Gewalt gegen Zivilisten vor, die sich gegen diese Pläne stellen. Und es mischen sich vermehrt kriminelle Elemente in die Bewegung. Entführungen sind an der Tagesordnung. Im vergangenen Jahr wurde auch mein Sohn gekidnappt, ich habe damals die ganze Nacht nicht geschlafen. Wir haben schließlich umgerechnet 1200 Euro aufgebracht, und er kam am nächsten Tag frei. Zum Glück. Ich fahre in gewissen Gegenden bewusst kein Auto, auf dem Schriftzüge meiner Organisation vermerkt sind. Sie könnten als Hinweis verstanden werden, dass unsere Unterstützer Lösegeld zahlen könnten.

Halten sie es für realistisch, dass die Zentralregierung einer Abspaltung zustimmt?

Das halte ich für ausgeschlossen. Die Provinzen Nordwest und Südwest gehören zu den rohstoffreichsten des Landes, hier gibt es gewaltige Vorkommen von Erdöl, Eisenerzen und Gold. Die Regierung wird schon allein deshalb einer Abspaltung niemals zustimmen.

Während des Gesprächs ertönt ein lauter Knall vom nahe gelegenen Hafen Doualas – wahrscheinlich Lärm vom Entladen eines Containerschiffes. Doch es klang wie ein Schuss. Tufon zuckt kurz zusammen. Solche Geräusche höre sie in Bamenda täglich, sagt sie. Dort bedeuteten sie nur eines: Weglaufen!

Befürworten Sie den Einsatz von Friedenstruppen?

Ich glaube nicht, dass dies die Lösung ist. Schauen Sie sich die Bilanz der Blauhelmsoldaten im Kongo an, dort gibt es nach all den Jahren noch immer keinen Frieden. Es bedarf einer politischen Lösung. Dazu zählen Reparationszahlungen der Regierung an die Gebiete, die während des Konflikts zerstört wurden. An die Familien, die ihre Liebsten verloren haben – oft den Haupternährer. Sie stehen vor dem Nichts. Es müssen politische Reformen umgesetzt werden. In den vergangenen Jahren hat der Staat die Kompetenzen immer mehr zentralisiert. Dabei ist das Gegenteil nötig. Auch der Sicherheitssektor muss neu aufgestellt werden. Die englischsprachige Minderheit muss hier endlich angemessen repräsentiert sein.

Sie haben im vergangenen Jahr im Entwicklungsausschuss des Deutschen Bundestags über den Konflikt berichtet. Wie bewerten Sie das deutsche Engagement?

Ich war dankbar für die Möglichkeit, im Bundestag zu reden. Aber mit der Ausnahme einzelner Abgeordneter, besonders bei den Grünen, gab es wenige Versuche, Druck auf die Regierung in Kamerun auszuüben. Es gab einige Bemühungen der Europäischen Union, aber bilateral fand da wenig statt. Und wenn, dann gibt es viel Gerede – aber wenig Taten. Ich würde mir wünschen, dass sich Deutschland mehr engagiert.

Die Denkfabrik „International Crisis Group“ hat im vergangenen Jahr die katholische Bischofskonferenz von Kamerun aufgefordert, in dem Konflikt zu vermitteln. Für wie aussichtsreich halten Sie das?

Viele in der Kirche geben ihr Bestes. Aber man darf sich die katholische Kirche in Kamerun nicht als einheitliche Kraft vorstellen. Von den fünf Kirchenprovinzen ist nur eine anglophon. Einige hochrangige Kirchenvertreter sind auf der Seite der Regierung, andere stehen ihr kritisch gegenüber. Insofern ist sie nicht der ideale Vermittler. Und ich sehe da noch ein anderes Problem. Neulich haben wir das Problem im interreligiösen Rat der bedeutendsten Konfessionen des Landes besprochen. Wir sind 16 Personen – ich bin die einzige Frau. Wir müssen in Kamerun endlich akzeptieren, dass Frauen nicht nur Opfer von Konflikten sind, sondern auch dringend benötigte Akteure bei ihrer Bewältigung.

Sie sind international eine der lautstärksten Kritikerinnen der Regierung. Macht ihnen das manchmal Angst?

Ich werde mehr im Ausland wahrgenommen als in Kamerun selbst. Seit dem Jahr 2016 hatte ich kaum die Möglichkeit, unabhängigen lokalen Medien Interviews zu geben. In den anglophonen Gegenden wird immer wieder das Internet abgestellt, also ist auch die Informationsbeschaffung über die sozialen Netzwerke schwierig. Und um ihre Frage zu beantworten: Nein, ich habe keine Angst. Die Regierung hat größere Sorgen als mich. Ich habe auch nie ernsthaft erwogen, meine Heimat zu verlassen, obwohl ich das oft gefragt werde. Natürlich ist es beschwerlich. Seit sechs Jahren hat mein Haus kein fließendes Wasser mehr, die Regierung repariert die Leitungen einfach nicht. Aber zu flüchten würde bedeuten, einen Teil von mir aufzugeben. Ich kann meine Leute nicht im Stich lassen. Wir müssen alle unseren Beitrag leisten, um diese Krise zu bewältigen.

Autor:

Gast-Autoren im MISEREOR-Blog.

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