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Kobaltabbau im Kongo: Hohe Kosten für die Klimawende

Solarpanels, E-Autos und nun auch E-Scooter: Die Nachfrage nach umweltfreundlicher Energie und Mobilität wächst stetig, Klimaschutz wird immer wichtiger. Ein genauer Blick auf die Produktionskette dieser vermeintlich nachhaltigen Mobilitäts- und Energielösungen offenbart jedoch dunkle Schatten.

Zu ihrer Herstellung benötigt man Kobalt, einem Erz, das vor allem in der Demokratischen Republik Kongo gewonnen wird – allein 2017 kamen zwei Drittel der weltweiten Förderung aus dem zentralafrikanischen Land. Ein Großteil davon wird industriell abgebaut, rund zwanzig Prozent der Gewinnung findet im Kleinbergbau, das heißt unter einfachen, nicht-industriellen Methoden, statt. Von dieser Form des Bergbaus profitiert die Bevölkerung einerseits, da sie eine wichtige Beschäftigungsmöglichkeit in einem Land mit hoher Armut darstellt. Die Kehrseite: Oft arbeiten die Schürferinnen und Schürfer – Frauen, Kinder und Männer gleichermaßen – unter gefährlichen, zum Teil menschenunwürdigen Bedingungen.

Die Männer arbeiten unter schweren Bedingungen in einer Mine

Im Kongo finden sich mehr und mehr Stimmen, die diese Situation anprangern und Verbesserungen fordern. Zu ihnen zählt auch die Nichtregierungsorganisation CARF, die sich seit 2015 für verantwortungsvollen Bergbau, einen Platz für den beschäftigungsintensiven Kleinbergbau neben dem industriellen Bergbau und zugleich die Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen im Kleinbergbau einsetzt. Der Jesuit Jacques Nzumbu Mwanga, Sozial- und Politikwissenschaftler und Experte für Rohstoffgovernance, ist Direktor für Forschung und Naturressourcenmanagement von CARF in der Provinz Haut-Katanga. MISEREOR konnte mit ihm über die Situation und die Perspektiven für sein Heimatland sprechen. Und darüber, was wir in Deutschland tun können.

Pater Jacques Nzumbu Mwanga

In Deutschland wird derzeit Elektromobilität als Modell der Zukunft gehandelt. Infolgedessen steigt der Bedarf an Rohstoffen, die hierzu gebraucht werden. So ist Kobalt beispielsweise aktuell sehr gefragt auf dem Markt. Sie kommen aus dem Kongo. Wie ist momentan die Situation der Schürferinnen und Schürfer im Kleinbergbau? 

Nzumbu Mwanga: Elektromobilität ist ein Weg, eine Lösung, um der Klimakrise Herr zu werden und die Energiewende gelingen zu lassen. Dazu braucht es aber Erze, die in nur wenigen Ländern vorkommen – unter anderem im Kongo. Es besteht momentan eine starke Nachfrage danach, weshalb der Druck auf die Länder mit Rohstoffvorkommen groß ist. Bei uns ist dies deutlich spürbar im Bereich des Kobaltabbaus, der enorm angestiegen ist – sowohl im industriellen Sektor, als auch im Kleinbergbau.

Die Bedingungen, unter denen die Schürferinnen und Schürfer arbeiten, sind jedoch oft kritisch, insbesondere im Kleinbergbau. Das Einkommen der Menschen ist häufig niedrig. In manchen Fällen arbeiten sie viele Stunden auf Kosten ihrer Gesundheit, sind nicht abgesichert.

Probleme verursachen aber auch die industriellen Unternehmen, die für zahlreiche ökologische und soziale Schäden verantwortlich sind. Sie verschmutzen Erde, Wasser, Luft. Es entstehen Konflikte mit der Bevölkerung, da sie zum Teil aus ihren Dörfern vertrieben werden.

Frauen bei der Schürfarbeit

Anfang 2018 wurde im Kongo ein Bergbaugesetz verabschiedet, das dazu beitragen sollte, die Situation zu verbessern. Sind seitdem positive Veränderungen zu beobachten?

Nzumbu Mwanga: Das Gesetz bedeutet prinzipiell einen großen Fortschritt auf sozialem und technischem Niveau. Im Bereich des Kleinbergbaus ist beispielsweise Volljährigkeit nun Pflicht für die Arbeit in den Minen, auch gewisse Sicherheitsstandards werden gefordert. Für industrielle Bergbaufirmen sind unter anderem die Steuerabgaben deutlich gestiegen. Auch ist ein verpflichtendes Umweltzertifikat zum Erwerb einer Bergbaulizenz angedacht.

Normalerweise würden sich durch solche Regelungen die Rahmenbedingungen sowohl im industriellen als auch im artisanalen Bergbau verbessern, aber bis heute ist das Gesetz in der Praxis noch nicht umgesetzt. Die Menschen spüren davon noch nichts. Die Implementierung auf regionaler und nationaler Ebene wäre bereits ein großer Fortschritt. Es braucht jetzt den politischen Willen, dies auch anzugehen. Natürlich gibt es Widerstand von Seiten der industriellen Bergbauunternehmen, die die neuen Regeln nicht anwenden möchten. In dem Punkt wäre nun eine funktionierende Justiz wichtig, die Unternehmen, die sich nicht an die Regeln halten, entsprechend sanktioniert. Dies findet bislang nicht statt.

Wie sieht in diesem Kontext Ihre Arbeit vor Ort aus und wie unterstützt MISEREOR Sie dabei?

Nzumbu Mwanga: Im Kongo arbeite ich für die Nichtregierungsorganisation CARF, die im Bereich Forschung und Bildung aktiv ist. Sie hat ihren Sitz in Lubumbashi in der Provinz Haut-Katanga im Südosten des Kongos. Dort ist die Mehrheit der Bergbauunternehmen angesiedelt, unter ihnen insbesondere solche, die mit Kobalt handeln. Unsere Vision als christliches Jesuitenzentrum ist es, für eine christliche Wirtschaft einzustehen, die  auch die Entwicklung des Volkes berücksichtigt. Ich bin konkret verantwortlich für Forschung insbesondere im Bereich Naturressourcenmanagement, habe aber auch einen Lehrauftrag. MISEREOR ist bei dieser Arbeit unser Unterstützer und Freund, seitdem es das Zentrum gibt. Die Förderung fließt insbesondere in den Sektor der Forschung zum Kleinbergbau und Konfliktmanagement. Das ist im Kongo besonders wichtig, da es sich dabei um ein beschäftigungsintensives Feld handelt, das viel Potenzial aber eben auch gewisse Probleme mit sich bringt. Deshalb ist es wichtig, in dem Bereich nach Perspektiven zu suchen.

Zelte in einer Erzmine

Kobalt ist eine Ressource, die auf der ganzen Welt benötigt wird. Welche Verantwortung tragen europäische Firmen für die Situation im Kongo?

Nzumbu Mwanga: Die Welt ist global, es ist schwierig, das, was im Kongo passiert, von dem Fortschritt in anderen Teilen der Welt zu trennen. Die Finanzwelt ist global vernetzt, der technologische Fortschritt ist ein weltweites Phänomen, der wissenschaftliche Austausch ist global. Wir glauben, dass alles miteinander verbunden ist. Die europäischen Firmen, insbesondere die Deutschen, sind natürlich nicht direkt für die Situation in den Minen im Kongo verantwortlich. Nichtsdestotrotz wird für die Elektromobilität in Deutschland Kobalt benötigt. Woher kommt dieser Rohstoff? Natürlich, die Weiterverarbeitung findet in China und anderen Ländern statt, aber es stammt auch aus dem Kongo.  In dem Telefon, das ihr in Europa nutzt, in eurem PC, eurem Auto, im Flugzeug, gibt es Rohstoffe, die aus dem Kongo kommen. Deshalb ist dieses Land strategisch wichtig geworden. Ich glaube deshalb, dass die großen Konzerne eine große Verantwortung tragen. Der Konsum von Erzen und die dadurch entstandene Nachfrage im Kongo haben enorme ökologische, wirtschaftliche und soziale Konsequenzen. Das heißt, dass die deutschen Unternehmen an der Verschmutzung, an der Verletzung der Menschenrechte oder an der Korruption, an der ja eben auch die internationalen Unternehmen im industriellen Bergbau einen Anteil haben, eine Mitschuld haben, wenn auch indirekt. 

Was können wir in Europa tun, um die Situation im Kongo zu verbessern?

Nzumbu Mwanga: Die Elektromobilität zu boykottieren wäre in jedem Fall keine Lösung. Entscheidend ist, dass die Leute sensibilisiert werden dafür, dass es eine Illusion ist, dass Elektromobilität sauber ist, solange die Abbaubedingungen nicht sauber und fair sind. In einem Teil der Welt mag die Technologie womöglich sauber aussehen, aber in einem anderen Teil ist die Situation anders. Durch ein Bewusstsein dafür, dass wir in einer vernetzten Welt leben, kann sich ein wenig Gerechtigkeit entwickeln, auch im Kongo. Daran wiederum kann jeder mitwirken: Wenn die Illusion verschwindet, ist ein Dialog darüber, wie wir mit dieser Ressource umgehen sollten, möglich.

Autor:

Jana Echterhoff volontiert in der Abteilung Kommunikation bei MISEREOR.

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