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Tschad: Den Teufelskreis durchbrechen

Für die kleine Laurence ist es ein besonderer Tag. Monatelang war sie im Ernährungsprogramm des Krankenhauses Notre Dame des Apôtres in N’Djamena, der Hauptstadt des Tschads. Nun hat sie endlich ihren abschließenden Kontrolltermin. Doktor Emilienne Soubeiga untersucht sie ein letztes Mal. Es sieht gut aus: Das kleine Mädchen hat nun Normalgewicht erreicht, sie darf mit ihrer Mutter nach Hause. Vor einigen Wochen schaute es noch ganz anders aus. Gerade noch rechtzeitig brachte ihre Mutter das schwer unterernährte Mädchen zu Schwester Emilienne Soubeiga in die Klinik.

Doktor Emilienne Soubeiga gibt einem Kind etwas zu trinken. © Frank Kahnert/MISEREOR

Seit 11 Jahren schon kämpft die Ärztin und Schwester im Krankenhaus Notre Dame des Apôtres gegen Unterernährung, Krankheit und Tod. „Anfangs gab es nicht einmal eine ambulante Ernährungsstation, aber viele schwer unterernährte Kinder brauchen eine stationäre Behandlung“, berichtet sie. Dabei ist die Situation in wenigen Ländern so gravierend wie im Tschad: Geschätzt wird, dass allein 13,1 Prozent der Bevölkerung N’Djamenas unter akuter Unterernährung leiden. Nach wie vor sterben über 12 Prozent der Kinder vor ihrem fünften Geburtstag – bei über der Hälfte von Ihnen ist dies laut dem Kinderhilfswerk UNICEF mit Unterernährung verbunden.

Warum ist dies nach wie vor ein so großes Problem in dem zentralafrikanischen Land? Die Ursachen dafür sind komplex, wie der MISEREOR-Länderreferent und ehemalige Leiter der MISEREOR-Verbindungsstelle im Tschad, Vincent Hendrickx, erklärt: „Die Menschen leben in tiefer Armut. Der Tschad ist ein Erdölland. Dieser Rohstoff wird exportiert, aber die Bevölkerung profitiert überhaupt nicht davon. Die Regierung investiert das Geld auch nicht in Landwirtschaft oder Viehzucht, die für die Menschen wichtig sind. Die Machthaber, die vom Reichtum des Landes profitieren, sind unantastbar.“ Ein weiteres Problem sei fehlendes Wissen, berichtet Hendrickx: „Während meiner Zeit im Tschad erzählte einer unserer Mitarbeiter, dass seine Tochter mit 15 Monaten nur zwei Kilo wog. Er war ein gebildeter Mann. Trotzdem war der Familie nicht bewusst, dass ein Kleinkind nach dem Abstillen andere Nahrung braucht als ein Erwachsener.“

Eine Mutter mit ihrem kleinen Sohn. © MISEREOR

Hinzu kommt die weit verbreitete Überzeugung, dass bei Neugeborenen Muttermilch alleine nicht reicht, um Hunger und Durst zu stillen. Leider, wie Hendrickx betont: „Es gibt ohnehin zu wenig Essen für die ganze Familie. Der Tschad hatte 2017 die weltweit fünfthöchste Geburtenrate. Bei durchschnittlich 5,8 Kindern pro Kopf wäre es eine große Erleichterung für die Familien, wenn die Mütter stillen würden.“ Stattdessen bekommen viele Kleinkinder zu früh die Nahrung der Erwachsenen, die sie noch gar nicht richtig verarbeiten können.

In der Klinik bleibt für die Kinder auch Zeit zu spielen. © MISEREOR

Aufklärungsarbeit ist sehr wichtig“

In dem Land im Zentrum Afrikas gibt es mittlerweile jedoch viele Initiativen, die gegen das Problem ankämpfen. So auch die von Schwester Emilienne gegründete Station in N’Djamena: Dort können bis zu 65 Kinder aufgenommen werden. Neben medizinischer Betreuung werden die Patientinnen und Patienten alle drei Stunden, Tag und Nacht, von ihren Müttern mit Aufbaunahrung gefüttert. „Unterernährung schwächt das Immunsystem. Sie werden anfälliger für Infektionskrankheiten, verlieren noch mehr Appetit, die Organe versagen. Es ist ein Teufelskreis“, berichtet Doktor Emilienne. Für einen Klinikaufenthalt, der mehrere Wochen dauern kann, werden vier Euro berechnet. Für viele Familien ist dies immer noch unbezahlbar. Dank Spenden können jedoch auch die ärmsten Kinder versorgt werden.

Doktor Emilienne Soubeiga (rechts) leitet das Krankenhaus „Notre Dame des Apôtres“ in N’Djamena, der Hauptstadt des Tschads. © MISEREOR

Das Gewicht der jungen Patientinnen und Patienten wird in dem Krankenhaus regelmäßig überwacht. Vielen Kindern kann geholfen werden, aber nicht allen: Im letzten Jahr kam für 74 Kinder, trotz des unermüdlichen Einsatzes des Krankenhausteams, jede Hilfe zu spät. „Ein Kind sterben zu sehen, ist immer schwer. Angesichts des Todes verlieren Worte ihre Bedeutung. In dieser Situation sind wir oft sehr still und versuchen, für die Mütter da zu sein“, schildert Soubeiga.

Um es langfristig gar nicht erst zu solch akuten Fällen von Unterernährung kommen zu lassen, arbeitet das Krankenhaus auch mit den (werdenden) Müttern zusammen. Hendrickx: „Aufklärungsarbeit ist sehr wichtig. Die Mütter werden geschult, wie sie entsprechende Nahrung für kleine Kinder zubereiten. Zudem wird gegen den Aberglauben vorgegangen, dass man nicht stillen sollte.“ Die Schwestern stehen auch für Einzelgespräche zur Verfügung, nehmen sich Zeit für die Fragen der Mütter. „Es gibt sogar eine Art Patenschafts-Programm. Einige Familien erklären sich dazu bereit, sich um besonders junge Mütter zu kümmern, die niemanden haben“, so der Tschad-Experte, „Denn wenn ein 15-jähriges Kind ein Baby bekommt, sollte sie als Mutter nicht alleine dastehen.“

Den Staat zur Verantwortung ziehen

Trotz der Wichtigkeit der Nothilfe für die Menschen vor Ort unterstreicht Vincent Hendrickx, dass strukturelle Veränderungen auch vom Staat kommen müssten: „Wir von MISEREOR fördern neben Nothilfe für akut unterernährte Kinder auch Projekte zur Bildungsarbeit. Dazu gehört zum Beispiel ein Friedensprojekt, das wir landesweit an den katholischen Schulen unterstützen. Dort werden die Kinder im Bereich gewaltfreier Kommunikation und Umweltschutz ausgebildet, was natürlich auch ein Anlass ist, Ernährung und Hygiene zu thematisieren.“ Eigentlich sollte der Staat jedoch viel mehr Verantwortung im Bildungssektor übernehmen, so Hendrickx.

Mütter aus der Klinik mit ihren Kindern. © Frank Kahnert/MISEREOR

Große Hoffnung, dass von Regierungsseite in nächster Zeit positive Signale kommen, hat der Länderreferent derzeit allerdings nicht: „Die Elite im Tschad bereichert sich auf Kosten der Bevölkerung, deren Freiheit sie immer weiter einschränkt. Es werden beispielsweise Demonstrationen systematisch untersagt, Menschenrechtsorganisationen eingeschüchtert.“ Lobbyarbeit vor Ort, um den Staat zur Verantwortung zu ziehen, sei deshalb genauso wichtig wie internationale Hilfe, die an Bedingungen geknüpft ist. „Große Geldgeber wie die Weltbank oder die EU müssen ganz klar definieren, dass Unterstützung nur zu erwarten ist, wenn Menschenrechte respektiert werden“, bekräftigt Hendrickx.

Solange jedoch die humanitäre Situation der Menschen so prekär bleibt, betont der Länderreferent, sei Nothilfe umso wichtiger. Sie ermöglicht engagierten Personen wie Doktor Emilienne Soubeiga, Mädchen wie der kleinen Laurence und ihrer Mutter zu helfen. Schwester Emilienne wird auch in Zukunft für die Kinder und ihre Mütter da sein: „Wenn es zu dem Punkt kommt, dass wir die Patentinnen und Patienten gesund wieder entlassen können, dann macht die Arbeit Freude. Es ist die Krönung, das Resultat eines langen Prozesses.“

Helfen Sie den Kindern und Müttern
im Tschad mit Ihrer Spende

Autor:

Jana Echterhoff volontiert in der Abteilung Kommunikation bei MISEREOR.

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