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Landwirtschaft und Globalisierung: Sichere Versorgung in verunsichernden Zeiten

Die Corona-Krise ist eine globale Herausforderung. Sie wäre auch ein guter Zeitpunkt, über den „Agrarstandort Deutschland“ neu nachzudenken. Denn die Krise führt uns deutlich vor Augen, dass wir dringend eine Neuausrichtung in der Landwirtschaft brauchen.

alternative Agrarsysteme: Nicht nur angesichts der Krise sollten wir darüber nachdenken, diese zu stärken
Alternative Agrarsysteme: Wir sollten gründlich darüber nachdenken, sie zu stärken und so widerstandsfähig wie möglich zu machen. © Markus Wolter / MISEREOR

Zeit, umzudenken

Wir alle kennen die Schlagzeilen und Hiobsbotschaften aus der Wirtschaft, die sich mit der Corona-Krise verbinden: Von der Kurzarbeit über wegbrechende Aufträge der Unternehmen bis hin zu historischen Kursstürzen an den Börsen. Außer Acht gelassen wird dabei häufig die Landwirtschaft. Auch sie steht vor großen Herausforderungen. Und vor der Frage, ob die Zeit jetzt nicht reif wäre, über eine Stärkung des Agrarstandortes Deutschland nachzudenken.

Die Agrar- als Kreislaufwirtschaft

Eine Stärkung ist allerdings nicht im Sinne von immer höherer Abhängigkeit von Materialien und Lebensmitteln zu verstehen, die wir importieren müssen (etwa Soja), sondern im Sinne einer Kreislaufwirtschaft. Landwirtschaft ist die einzige Wirtschaftsweise der Welt, die mit Hilfe der Photosynthese mehr erzeugen kann, als sie verbraucht. Das ist fantastisch. Systeme wie der Ökolandbau, Agrarökologie, Agroforstwirtschaft (Einbeziehung von Sträuchern und Bäumen in die Landwirtschaft) sowie Permakultur (natürliche Kreisläufe werden in Landwirtschaft sowie Gartenbau nachgeahmt) und andere mehr beweisen das jeden Tag. Es würde sich lohnen, gründlich darüber nachzudenken, wie diese Systeme gestärkt und so widerstandsfähig wie möglich gemacht werden können.

Agroforstkultur auf den Philippinen:  Gemeinsam mit Gemeinsam mit Partnerorganisationen in Afrika, Lateinamerika und Asien verfolgt MISEREOR das Ziel der Ernährungssouveränität
Gemeinsam mit unseren Partnerorganisationen in Afrika, Lateinamerika und Asien verfolgen wir bei MISEREOR das Ziel der Ernährungssouveränität.
© Anja Mertineit / MISEREOR

Jahreszeiten aufgehoben

Auch die Land- und Ernährungswirtschaft ist zu großen Teilen in internationale Lieferketten eingebunden. Das merkt man spätestens daran, dass deutsche Supermärkte ganzjährig Erdbeeren in ihren Regalen haben. Und daran, dass jedes zweite Produkt im Supermarkt Palmöl enthält, das zum Großteil in Südostasien produziert wird. Doch wie sieht es in Deutschland mit der Versorgung durch die eigene landwirtschaftliche Produktion aus?

Palmöl-Plantage in Malaysia: Beinahe jedes zweite Produkt in deutschen Supermärkten enthält Palmöl
Palmöl-Plantage in Malaysia: Beinahe jedes zweite Produkt in deutschen Supermärkten enthält Palmöl.

Selbstversorgungsgrad bei Grundnahrungsmitteln

Die gute Nachricht: Bislang ist es nicht zu wirklichen Versorgungsengpässen mit Lebensmitteln gekommen – und selbst Klopapier wird in den kommenden Wochen wohl nach und nach wieder in den Supermarktregalen aufgefüllt. Auch bei den pflanzlichen Grundnahrungsmitteln wie Kartoffeln (Eigenversorgung von 148 Prozent) und Weizen (117 Prozent) ist eine Selbstversorgung derzeit problemlos möglich. Bei Obst und Gemüse sieht es etwas anders aus. Hier sprechen die Fachleute von einer „Unterversorgung“ (80 Prozent). Wenngleich „Unterversorgung“ nicht bedeutet, dass Nachschub in Gefahr ist – ohne Obst und Gemüse aus Italien, Spanien und Lateinamerika fiele nur die Auswahl auf dem Speiseplan geringer aus. Deutsche Landwirte produzieren 88 Prozent der benötigten Agrarerzeugnisse selbst. Über einen Zeitraum von 30 Jahren sank dieser Selbstversorgungsgrad um 10 Prozent (im Jahr 1990 hatte er noch bei 98 Prozent gelegen). Trotz dieses Rückgangs und trotz der aktuellen Krise ist jedoch klar, dass die Lebensmittelversorgung mit Grundnahrungsmitteln in Deutschland gesichert ist.

Soja-Importe aus den Amerikas für Schweinefleisch-Exporte
Soja-Importe aus den Amerikas für Schweinefleisch-Exporte nach China?
© Charles Ricardo / Pixabay

Selbstversorgungsgrad bei Futtermitteln

Wie hoch oder niedrig sind im Vergleich die Selbstversorgungsgrade bei Futtermitteln in Deutschland? Der Selbstversorgungsgrad bei Proteinfutter für Nutztiere z.B. liegt in Deutschland bei weniger als 30 Prozent. Das bedeutet, über 70 Prozent importiert Deutschland aus Übersee, einen Großteil davon aus Südamerika, das wiederum aus agrarindustriellen Monokulturen mit hohem Pestizideinsatz stammt. Mit dem importierten Soja werden in Deutschland zum Beispiel Schweine gemästet – 60 Millionen Tiere im Jahr (das ist nur dank der riesigen Mengen an Proteinfutter aus Übersee möglich). Denn in Deutschland gibt es keine Flächen in der Größenordnung, die für den Anbau von Proteinfutter (z.B. Erbsen oder Bohnen) für die Schweinemast ausreichend wären. Das bedeutet, der Selbstversorgungsgrad beträgt rechnerisch knapp 120 Prozent. Dieses Fleisch geht zu einem Großteil wiederum in den Export, z.B. nach China. Genau deshalb trifft aber der Begriff „Selbstversorgungsgrad“ genau hier nicht zu.

Support your local farmer: Ziel sollte sein, sich möglichst selbst zu versorgen und gesund zu ernähren
Support your local farmer – regional, saisonal und bio. © Markus Distelrath / Pixabay

Support your local farmer!

Dass es sich lohnt, die Form der bestehenden Agrarwirtschaft zu überprüfen, zeigt auch ein Blick in den globalen Süden, zu unseren Partnerorganisationen in Afrika, Lateinamerika und Asien. Dort verfolgt MISEREOR mit seinen Partnern das Ziel der Ernährungssouveränität. Auf regionaler und langfristig auf nationaler Ebene sollen die Menschen befähigt werden, sich möglichst ohne Zukauf von außen – z.B. von Pestiziden, Soja oder Kunstdüngern – gesund und ausreichend selbst zu versorgen. Das ist nachweislich ein erfolgreicher Pfad bei unseren Partnerorganisationen. Dabei ist Handel sinnvoll, wenn er die Prinzipien der Ernährungssouveränität berücksichtigt. Auch für uns lohnt es sich darüber nachzudenken, unsere Einkäufe umzustellen und sie regional, saisonal und nach ökologischen Kriterien auszurichten – nach dem Motto Support your local farmer! Und die gute Nachricht zum Schluss – das geschieht schon. So berichten viele Bio-Direktvermarkter mit Abokisten seit Corona von langen Wartelisten. Außerdem bieten viele Kunden wegen der Einreisebeschränkungen für Erntehelfer aus dem Ausland ihre Hilfe an, um die Betriebe bei der Ernte zu unterstützen.

Autor:

Markus Wolter

Ich bin studierter Agrarwissenschaftler und selber Bioland-Landwirt mit Schwerpunkt Schweinehaltung gewesen. Bei MISEREOR arbeite ich zu den Themen Landwirtschaft, Agrarpolitik und Zugang zu natürlichen Ressourcen wie Land und Saatgut.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo Herr Wolter, als ehemaliger Mitarbeiter des WWF wissen Sie am besten, dass Palmöl wie auch Soja durchaus nachhaltig erzeugt werden kann (Soja-Moratorium, WWF-Palmölzertifizierung) und dass der dt. Sojaimportbedarf gerade einmal 1,5 % der Sojaweltproduktionsmenge ausmacht. Der Import auch nachhaltiger sein kann, als in Deutschland über die Erzeugung heimischer Proteinpflanzen heimischen Qualitätsweizen zu verdrängen. Außerdem wissen Sie auch, dass wir bei Schweinen nicht generell einen Selbstversorgungsgrad von 120 % haben: Edelteile werden immer noch importiert, während Teilstücke, die bei uns niemand mehr isst, exportiert werden . Unser Beitrag zur Ressourcenschonung und zur Vermeidung von Lebensmittelabfällen

  2. Wie sollen Kreisläufe geschlossen werden, wenn Nahrungsmittel und damit auch die Pflanzennährstoffe, in die Städte des Landes verkauft werden? Die Böden verarmen dann und werden unfruchtbar. Dagegen hilft nur Kunstdünger. Ich empfehle, Robert Malthus zu lesen.

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