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Kenia und Äthiopien: Hunderttausende von Dreifach-Katastrophe in Ostafrika betroffen

COVID-19, Heuschrecken, Überflutungen: „Die Lage in Ostafrika macht uns derzeit gewaltige Sorgen“, so MISEREOR-Geschäftsführer Martin Bröckelmann-Simon. „Ich habe schon im Februar die Bedrohung durch Heuschrecken vor Ort selbst wahrgenommen. Einige Regionen Ostafrikas kämpfen jetzt nicht nur gegen die globale Corona-Pandemie an, sie sind gleich dreifach getroffen. Durch die parallelen Krisen ist die Lebensgrundlage von Hunderttausenden Menschen bedroht“. Die Situation sei dramatisch, berichten MISEREOR-Partner aus den besonders betroffenen Ländern Kenia und Äthiopien. MISEREOR stellt nun zunächst Soforthilfe in Höhe von mehr als 140.000 Euro zur Verfügung.

Ein Mädchen versucht, die Heuschrecken zu vertreiben. Ein schwieriges Unterfangen: Die Schwärme bestehen zum Teil aus Hunderten Millionen an Tieren. © picture alliance

Schon seit Beginn des Jahres sind insbesondere der Süden Äthiopiens und weite Teile Kenias mit der schlimmsten Heuschreckenplage seit Jahrzehnten konfrontiert, es folgten Corona und die damit verbundenen Restriktionen im öffentlichen Leben. Nun haben starke Regenfälle insbesondere im Westen und den Küstenregionen Kenias zu Überflutungen geführt. „Nach aktuellem Stand sind insgesamt 800.000 Menschen von den Fluten betroffen. Es haben über 160.000 Menschen ihre Häuser verloren, 200 sind bislang in Folge der Katastrophe gestorben“, berichtet Katharina Götte, Kenia-Länderreferentin bei MISEREOR. Große Teile der Felder wurden überschwemmt, die Pflanzen zerstört. Viele Menschen stehen vor dem Nichts. Und dies in einer ohnehin schon von Krisen geprägten Zeit, meint Götte: „Auch wenn nicht alle Regionen gleichermaßen stark von den stattfindenden Katastrophen betroffen sind, bedeutet die Häufung der Notlagen eine Überforderung der lokalen Verwaltung. Es gibt nicht genügend finanzielle Ressourcen, um der Bevölkerung zu helfen. Dabei haben bereits Anfang des Jahres Viehhirten und Kleinbauern durch die Heuschreckenplage große Verluste erlitten. Die Corona-Krise verschärft die Notlagen in den betroffenen Gebieten weiter.“

Große Teile der Ernten bereits verloren

Die weiträumige Schließung der Flughäfen, Schulen, Restaurants und teilweise Geschäften zur Vorbeugung einer Ausbreitung des Coronavirus hat darüber hinaus sowohl in Äthiopien als auch in Kenia die ärmeren Teile der Bevölkerung stark getroffen. Viele haben ihre Arbeit verloren, die Lebensmittelpreise sind im Gegenzug stark angestiegen, was die Situation noch verschärft. Die anhaltenden, heftigen Regenfälle bereiten darüber hinaus ebenfalls Sorgen, zumal sie auch das Heranwachsen der nächsten Generation der Heuschrecken begünstigt. Die Insekten legen dabei Strecken von bis zu 150 Kilometern in 24 Stunden zurück. Ein Schwarm von etwa einem Quadratkilometer kann dabei pro Tag so viel fressen, wie 35.000 Menschen für ihre Ernährung benötigen – es wurden jedoch bereits Schwärme gesichtet, die 60 Kilometer lang und 40 Kilometer breit waren.

Für Dorothée Zimmermann, Äthiopien-Länderreferentin bei MISEREOR, stellt dies in Äthiopien insbesondere in vielen Regionen des ländlich geprägten Südens, eine große Gefahr dar: „Man geht davon aus, dass die nächste Generation der Insektenschwärme noch um ein Vielfaches größer sein wird und somit noch mehr Schaden anrichten kann. Dabei sind die Weideflächen vieler Viehhirten bereits jetzt vernichtet. Die von Ackerbau lebende Bevölkerung hat zudem schon große Teile der Ernten verloren.“ Als Methode zur Bekämpfung würden derzeit großflächig Insektizide eingesetzt, was wiederum negative Folgen nach sich ziehe: „Die verwendeten Mittel kontaminieren große landwirtschaftliche Flächen und töten auch nützliche Insekten. Die ökologischen Folgen sind dramatisch. Partner berichten, dass aus Angst vor den Folgen Bauern und Viehhalter die Ankunft der Schwärme nicht an die Behörden weitermelden.“

Unterstützung für Partner in Kenia und Äthiopien

MISEREOR finanziert aktuell vier Nothilfemaßnahmen von Partnern in Kenia und Äthiopien. Die lokalen Behörden befänden sich aufgrund der multiplen Krisen am Rande ihrer Kapazitäten, weshalb die Unterstützung gerade jetzt sehr wichtig sei, berichten auch die Partner vor Ort. Sie können nun selbst aktiv werden und auch dank der zur Verfügung gestellten Mittel von MISEREOR den Menschen in ihrer Not helfen und Zukunftsperspektiven schaffen.

Menschen mit Lebensmittelpaketen
Durch die verschiedenen Krisen sind die Lebensmittel zum Teil knapp geworden. Der MISEREOR-Partner IMPACT verteilt deshalb Pakete mit Nahrung und Basisgütern. © Ramson/IMPACT

So steht im äthiopischen Malle in der South Omo Zone die mechanische Bekämpfung der Heuschrecken im Vordergrund, erklärt die Äthiopien-Länderreferentin Zimmermann: „Unser Projektpartner, das Äthiopische Katholische Komitee für Soziales und Entwicklungskoordination, richtet sich insbesondere an die Viehhirten, die so ausgebildet werden, dass sie die Lebenszyklen der Heuschrecken kennen und wissen, wie sie diese ohne Pestizide bekämpfen können. Dazu wird ihnen auch Schutzausrüstung zur Verfügung gestellt.“ Zur mechanischen Bekämpfung gehören beispielsweise das Ausgraben und Verbrennen der Heuschreckengelege oder das Fangen und Vergraben der zu Beginn noch flugunfähigen Insekten. „Von dem Wissen profitieren die Menschen auch in Zukunft und können es anwenden“, meint Zimmermann. Parallel zur Bekämpfung der Heuschreckenplage findet ebenfalls Aufklärungsarbeit zum Coronavirus statt.

Mann mit Mund-Nasen-Maske
Maskenpflicht gilt auch in Kenia. © Ramson/IMPACT

COVID-19, Heuschrecken und Überflutungen in Kenia

Im Nachbarland Kenia kommen neben Covid-19 und der Heuschreckenplage auch Überflutungen dazu. Es seien zwar nicht alle Regionen gleichermaßen betroffen, für die lokalen Behörden bedeutet die Häufung der Notlagen dennoch eine Überforderung, berichtet Länderreferentin Katharina Götte: „Es sind meist gar nicht genug finanzielle Ressourcen vorhanden, hier ist jetzt die organisatorische Unterstützung der Bevölkerung gefragt. Das Projekt unseres erfahrenen Partners IMPACT, der vor Ort mit indigenen Gruppen und Gemeinschaften zusammenarbeitet, zielt genau darauf ab: Selbstorganisation in der Krise.“ So sollen mit Hilfe der Mittel MISEREORs 100 Freiwillige für die Gesundheitsaufklärung zu COVID-19 ausgebildet werden, Radiotalkshows in lokalen Sprachen sind geplant. „Es werden auch Nahrungsmittel und Basisgüter verteilt, weil Märkte in Folge des Lockdowns zeitweise geschlossen blieben. So konnten Menschen ihre Waren, insbesondere die Tiere, nicht verkaufen, der Erwerb von Grundnahrungsmitteln war so ebenfalls erschwert.“

Menschengruppe mit Lebensmittelpaketen
Der MISEREOR-Partner IMPACT organisiert die Lebensmittelverteilung. In Kenia sind die Menschen neben COVID-19 auch zum Teil von einer Heuschreckenplage und Überflutungen betroffen. © Ramson/IMPACT

Auch zur Bekämpfung der Heuschreckenplage arbeitet IMPACT mit Freiwilligen: 100 Jugendliche werden ausgebildet, um die Verbreitung der Schwärme zu überwachen und zu melden. Dabei greifen sie auf das vorhandene Wissen der Gemeinden zum Umgang mit Heuschreckenplagen zurück. Außerdem monitoren sie die Maßnahmen der Regierung zur Bekämpfung der Heuschrecken in Hinblick auf eine Kontaminierung von Weideland und von Gewässern. Ein zukunftsorientiertes Konzept, erklärt Götte: „Die Ausbildung der Freiwilligen, sowohl im Gesundheitsbereich als auch zur Bekämpfung der Heuschrecken, ist aktuell sehr wichtig, wird aber auch langfristig gesehen, beispielsweise bei zukünftigen Katastrophen, den Menschen sehr zugute kommen.“

Menschen in Kenia waschen sich die Hände
Hände waschen, Abstand halten – Aufklärungsarbeit zum Coronavirus findet auch in den Dörfern statt. © Ramson/IMPACT

Auch bei der Unterstützung der Betroffenen der Überflutungen sind der Partner IMPACT sowie die „Kommission für Frieden und Gerechtigkeit“ der westlich gelegenen Diözese Bungoma und der Partner CADAMIC in der Provinz Nyanza, ebenfalls im besonders von den Wassermassen erfassten Westen, aktiv. Es werden Decken, Moskitonetze und Solarlampen verteilt und die Unterbringung in vorübergehenden Unterkünften für die obdachlos gewordenen Menschen möglich gemacht, gleichzeitig schauen die Partner auf die Corona-Pandemie. Götte: „CADAMIC plant beispielsweise, Nahrungsmittel sowie Seife zu kaufen und zu verteilen. Parallel dazu findet Aufklärung zur Verbreitung des Coronavirus statt – in einer Situation, in der viele Menschen ihre Häuser verlassen mussten und sich nicht so einfach schützen können, ist dies unheimlich wichtig.“

In dieser schwierigen Lage mit gleich drei parallelen Katastrophen sei die Solidarität mit den Menschen in Kenia und Äthiopien besonders wichtig, betont MISEREOR-Geschäftsführer Bröckelmann-Simon. Ihre tägliche Arbeit ist nun bestimmt vom Kampf gegen die akuten Krisen.


Ihre Spende hilft

Unterstützen auch Sie die Menschen vor Ort mit Ihrer Spende, damit diese die Probleme selbst und zukunftsorientiert lösen können.

Autor:

Jana Echterhoff volontiert in der Abteilung Kommunikation bei MISEREOR.

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