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Der Siegeszug der Jute-Tasche

Der Jute-Beutel war in den 70er Jahren mehr als nur eine einfache Tasche – er war eine Lebenseinstellung. Wie die aussah und wie die fair gehandelte Jute-Tasche ihren Siegeszug antrat, davon erzählt Karl Wirtz. Er koordinierte als Oeffentlichkeits- und Bildungsreferent bei MISEREOR Ende der 1970er Jahre die Aktion „Jute statt Plastik“. Danach wurde er der erste Berater auf Zeit bei MISEREOR und wechselte später in die Kontinentalabteilung Afrika. Dort war er für Südafrika und die Demokratische Republik Kongo zuständig.

Jutetaschen liegen nebeneinander
Die Jute-statt-Plastik-Tasche. (Rechte: MISEREOR/ GEPA; Fotograf: GEPA)

Wie kam es zu der Aktion Jute statt Plastik?

Karl Wirtz: Plastiktaschen wurden damals als Inbegriff einer Fehlentwicklung gesehen, obwohl die richtige Plastikwut ja erst später einsetzte. Damals waren wir noch ganz am Anfang. Es war die Fairhandelsgesellschaft GEPA, die irgendwann sagte: „Wir haben das Alternativprodukt, und das ist die Jute-Tasche“. Die zuständigen Mitarbeitenden der GEPA haben mit Frauenkooperativen in Bangladesch zusammengearbeitet und die Taschen importiert. Und die Jugendverbände der katholischen und evangelischen Kirche, BDKJ und AEJ, haben zusammen eine entsprechende Aktion ausgeheckt, viel Informationsmaterial erstellt und dann vor allem mit Dritte-Welt-Läden und Jugendgruppen in Pfarreien zusammengearbeitet. Und alle haben die Taschen verkauft. Ich erinnere mich noch gut, dass ich immer wieder abends und nachts in Zügen gesessen, Gruppen besucht und Seminare abgehalten habe – das war einfach klasse.

Wozu diente die Aktion?

Wirtz: Insgesamt war das eine Bildungsaktion, die zur Aufklärung über die Situation im Globalen Süden diente, aber auch eine ziemlich politische Aktion, weil man die chemische Industrie attackierte. Zu der Zeit ging es insbesondere um energiepolitische Fragen, noch gar nicht so sehr um Umweltaspekte. Für die Kampagne wurde dann ausgerechnet, wie viel Liter Öl verpulvert werden, um eine Plastiktüte herzustellen, und wie wenig Energie verbraucht wurde, um eine Jute-Tasche zu produzieren. Und es wurde argumentiert, wie viel langlebiger die Jute ist. Die Leute sollten also möglichst alle Jute-Taschen kaufen und tragen.

Ein Mann sitzt unterhalb einer Statue, an der Jutetaschen aufgehängt wurden.
Die Jute-statt-Plastik-Aktion beim 85. Deutschen Katholikentag in Freiburg, September 1978. (Rechte: KNA/MISEREOR Fotograf: KNA-Bild)

Wie kam die Tasche an?

Wirtz: Die Reaktionen waren absolut positiv. Ich weiß zwar nicht mehr, wie viele Taschen verkauft wurden, aber das ging weit in die Hunderttausend hinein. Die Tasche war ein absolutes Lifestyle-Produkt zu dieser Zeit. Man zeigte damit, dass man sich aktiv für Dritte-Welt-Arbeit, wie sie damals genannt wurde, einsetzte. Auch für die Mitglieder und Anhänger der Partei „Die Grünen“, die sich in dieser Zeit formierte, war die Tasche ein Muss. Das Ganze hatte schon eine große Breitenwirkung, auch über den kirchlichen Bereich hinaus. Und das war keine Eintagsfliege, die Tasche hat sich über Jahre im Verkaufsregal gehalten.

Hat die Aktion „Jute statt Plastik“ das Thema Fairer Handel also breiter in die Gesellschaft getragen?

Wirtz: Ja, auf jeden Fall. Der Faire Handel boomte damals. Die GEPA hatte jedes Jahr zweistellige Zuwachsraten. Und über die Aktion wurde die Produktpalette jenseits von Kaffee, Tee, Gewürzen und Kunsthandwerkprodukte attraktiv erweitert. Das Angebot im Fairen Handel wurde breiter, und es kam neue, interessierte Kundschaft hinzu. Die Tasche war ein Produkt, auf die die Gesellschaft sehr positiv reagiert hat.

Was überzeugte an der Tasche?

Wirtz: Das war ja im Prinzip eine Win-Win-Situation für alle: Die Dritte-Welt-Läden und Jugendverbände wurden bekannter, die Leute hier erhielten ein sehr praktisches Produkt, und die Frauen in Bangladesch, die die Taschen herstellten, bekamen faire Löhne gezahlt, mit denen sie sich und ihre Familien längerfristig versorgen konnten. Außerdem wurden sehr viele Themen über dieses eine Produkt angesprochen: die Arbeit und die Arbeitsbedingungen der Frauen in Bangladesch, unser Konsumverhalten und der Energieverbrauch und die Umweltbelastung in der Herstellung von Tüten und Taschen im Allgemeinen. Das kam gut an. Ich erinnere mich auch noch, dass die Presse total darauf angesprungen ist – praktisch jeden Tag während der Kampagne hatte ich längere Gespräche mit Vertretern verschiedenster Zeitungen und des Rundfunks. Insgesamt war es einfach ein sinnvolles Produkt, und es gab nicht so schrecklich viel Konkurrenz.

Zwei Frauen halten eine Jutetasche hoch
Partnerinnen in Bangladesch präsentieren die Jutetasche. (Rechte: MISEREOR / GEPA; Fotograf: GEPA)

Würde so eine Kampagne heute auch noch funktionieren?

Wirtz: Ich würde nicht sagen, dass das nur ein Produkt der 70er Jahre war. Man müsste heute medienmäßig da anders herangehen, aber die damit vermittelte Botschaft ist auch heute noch sehr aktuell, man könnte eine solche Kampagne also auch in unseren Tagen noch auf ganz ähnliche Weise wie damals fahren. Die Jute-Tasche ist immer noch ein tolles Produkt, da kann man was draufdrucken, sie ist also ein super Werbeträger, sie ist funktional und ökologisch gut, weil sie kompostierbar ist.

Das Interview führte Johanna Deckers

Dieses Interview erscheint in einer Reihe, in der MISEREOR zum 50-jährigen Jubiläum des Fairen Handels in Deutschland die Entstehung und Entwicklung des Fairen Handels beleuchtet. Dazu hat MISEREOR mit verschiedenen Akteuren gesprochen, die bei oder in Kooperation mit MISEREOR daran beteiligt waren.


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Hintergrundinformationen, Materialien und Aktionen zum Jubiläum finden Sie auf unserer Themenseite zum Fairen Handel.


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Autor:

Gast-Autoren im MISEREOR-Blog.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Ich war in der Mittelstufe und wollte schon damals die Welt verändern! Umso froher war ich, dass eine LP so eben in die Jutetasche passte … die wurden dann auf dem Pausenhof getauscht. DANKE Jutetasche!

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